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Goldfrapp: Donna Summer statt James Bond

Wer den düster-sinnlichen Sound von Goldfrapps Erstling kennt, wird auf dem neuen Album eine Überraschung erleben: "Black Cherry" ist voller greller und tanzbarer Electro-Musik.

Alison Goldfrapp sieht müde und genervt aus. Versteckt sich trotz des Schummerlichts im Hotelzimmer hinter ihrer verspiegelten Sonnenbrille. Keine Spur von jenem mondänen Wesen, das die Coverfotos des Debütalbums "Felt Mountain" zierte. Über das alte Album will die Frontfrau des britischen Elektronic-Duos ohnehin nicht mehr reden. Kein Wunder, denn das neue Werk "Black Cherry" hat damit musikalisch nur noch wenig zu tun.

"Felt Mountain" war gestern

Düster, ruhig und sinnlich war Goldfrapps vielumjubeltes und gut verkauftes Debüt aus dem Jahr 2000. Frontfrau und Namensgeberin Alison und der musikalische Kopf Will Gregory schufen eine genial-eigenwillige Mischung aus Electronic Sounds, ein bisschen Portishead, dazu reichlich Anleihen aus James-Bond- und Italo-Western-Sountracks. "'Felt Mountain' war gestern. Es ist mir egal, wie es die Leute nennen, sollen sie halt sagen, dass es was mit Filmmusik zu tun hat. Ich gebe da nichts drauf", sagt Alison Goldfrapp.

Mehr Optimismus, weniger Atmosphäre

"Das neue Album ist weniger offen, weniger interpretierbar, spontaner, weniger düster, optimistischer", betont sie. Doch der Preis dafür war hoch. Von den neuen Songs können annähernd nur "Deep Honey" und "Hairy Trees" die eindringliche Atmosphäre des Vorgängers erzeugen. "Black Cherry" wird dominiert von harter, greller und stampfender Electro-Musik. Statt John Barry oder Ennio Morricone jetzt Donna Summer und Giorgio Moroder.

Breit gestreutes musikalisches Repertoire

Für Goldfrapp kein Stilbruch, haben doch beide Musiker ein breites Repertoire. Alison wurde im Alter von acht Jahren von ihrem Vater mit Carmina Burana konfrontiert, der ihr die Musik am Frühstückstisch analysierte. Sie durchlief in ihrer Jugend die übliche Pop- und Disco-Sozialisation und trat später als Sängerin mit einer modernen Tanztruppe auf. Gregory erlebte eine Kindheit mit Beatles und Klassik, ging später in die USA, um richtig Saxofon zu spielen, war Mitglied in verschiedenen Bands und komponierte Soundtracks, bis ihm ein Freund Alisons Version von "Human" - einem der späteren Stücke von "Felt Mountain" - in die Hand drückte.

Neonlicht und keine Kritik

Aufgenommen wurde "Black Cherry" zwar in einem abgedunkelten Studio in England, das nur mit Neonlicht und düsteren Wänden ausgestattet war. Natürlich habe es bei den Aufnahmen einen großen Erwartungsdruck gegeben, sagt die Musikerin. Aber diesen Druck habe sie sich selbst gemacht. Immer wieder wehrt sie sich vor Einordnung und Beurteilung: "Ich lese keine Kritiken, um mich selbst zu schützen", sagt sie. Da liegt es auch nahe, dass sie Erfolg als Überleben definiert: "Materiell und künstlerisch - in jeder Hinsicht".

Goldfrapp live:

10.05. Berlin (Universal Hall)
11.05. Frankfurt (U60311)
15.05. Köln (Prime Club)
20.06. Scheeßel (Hurricane Festival)
21.06. Neuhausen ob Eck (Southside Festival)

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