HOME

Grammys 2009: Von Kugelbäuchen und Ölsardinen

Hat er oder hat er nicht? Chris Brown und Freundin Rihanna waren das Tuschel-Thema der 51. Grammy-Verleihung. Das Glamour-Paar sagte seinen Auftritt in letzter Sekunde ab, weil Brown von der Polizei festgehalten wurde. Von Schlägen gegen seine Freundin war die Rede. Angesichts des handfesten Skandals waren die Preisträger beinahe Statisten.

Von Ulrike von Bülow, New York

Ihr Bauch ist kugelrund wie ein Basketball, M.I.A. ist hochschwanger; an diesem Sonntag soll ihr Baby zur Welt kommen, am 8. Februar, so haben es die Ärzte ausgerechnet, "aber noch ist alles ruhig", sagt die Sängerin, als sie im "Staples Center" in Los Angeles erscheint, in einem blau gemusterten Minikleid. "Ich glaube, das Kind hat Geduld mit mir", sagt M.I.A. und legt die Hände auf ihren Bauch, "aber es kann natürlich jede Sekunde losgehen."

"Wir brauchen keine Geburt auf der Bühne"

Im "Staples Center" findet an diesem Abend die 51. Grammy-Verleihung statt. Die Grammys sind die Oscars der Musikindustrie, sie haben die Form eines goldenen Grammophons, und M.I.A. ist für zwei der Trophäen nominiert. Für den Fall, dass ihre Wehen einsetzen, wartet hinter der Bühne ein Golfwägelchen, um sie schnellstmöglich aus der großen Halle zu bringen, in Richtung Kreißsaal. Sollte dieser Fall eintreten, den Machern der Veranstaltung käme er sehr gelegen: "Wir brauchen keine Geburt auf der Bühne", sagt Ken Ehrlich, Produzent der Grammy-Verleihung, "aber so eine Show lebt natürlich von Spontaneität, davon, dass Unvorhergesehenes geschieht."

Daran hat es der Show zuletzt vielleicht ein bisschen gemangelt: Die Grammy-Verleihung vor einem Jahr hatte nur 17 Millionen Fernsehzuschauer, das bedeutete eine der schlechtesten Einschaltquoten in der Geschichte der Grammys; das junge Publikum hat sich längst verabschiedet, vielleicht, weil bei der Preisvergabe zu sehr der ältere, eher konservative Geschmack regierte, ein Sänger wie Eminem gegen Steely Dan unterlag oder Norah Jones.

Diesmal sollte, musste etwas passieren, waren auffällig viele Rap- und Hip-Hop-Musiker nominiert, allein Lil Wayne acht Mal, der für sich beansprucht, der größte Rapper aller Zeiten zu sein, mindestens, und als großer Favorit galt, dicht gefolgt von Coldplay, die sieben Grammys gewinnen konnten. Der erste Preis des Abends aber geht an Jennifer Hudson, die ausgezeichnet wird für das beste R&B Album und sehr gerührt aussieht, als sie die Bühne betritt. In einem kurzen, schwarzen Kleid mit einem etwas seltsamen weißen Stoffaufsatz im Dekolleté-Bereich, der an ein Lätzchen erinnert. Ihre Lippen zittern, als sie sagt: "Ich danke Gott und meiner Familie im Himmel und meiner Familie hier." Hudson war seit der Ermordung ihrer Mutter, ihres Bruders und ihres Neffen vor drei Monaten kaum in der Öffentlichkeit zu sehen, sie bekommt einen sehr langen, sehr warmen Applaus.

Dann geschieht, wie gewünscht, Unvorhergesehenes: Justin Timberlake tritt auf - aber nicht wie geplant mit Rihanna, sondern mit Al Green. Rihanna, dreifach nominiert, hat ihre Teilnahme an der Verleihung abgesagt, ein paar Minuten vor Beginn der Show, ebenso wie ihr Boyfriend Chris Brown. Gegen den ermittelt die Polizei, wegen eines tätlichen Angriffs auf eine Frau. Rihanna? Das ist noch unklar. Bei einer Party am Vorabend waren Rihanna und Brown noch zusammen gesehen worden. Am Sonntag aber habe Brown in einem Wagen mit einer Frau gestritten und dabei sei die Frau verletzt worden, teilt die Polizei mit. Über die Identität des Opfers wollte die Polizei keine Angaben machen. Und nun steht also Justin Timberlake mit Al Green auf der Bühne: Die Herren singen Greens Hit "Let's Stay Together", spontan und ungeprobt, und sie klingen ganz fabelhaft.

Eine Abend der Gesangsvereinigungen

Überhaupt, es ist ein Abend der Gesangsvereinigungen: Keith Urban, der Gatte von Nicole Kidman, tritt mit John Mayer auf, dem Geliebten von Jennifer Aniston. Die kleinen Jonas Brothers geben mit dem großen Stevie Wonder dessen "Superstition" zum Besten. Jamie Foxx, Duke Fakir, Ne-Yo und Smokey Robinson singen ein Medley aus Songs der Four Tops. Und Robert Plant und Alison Krauss gewinnen einen Preis nach dem anderen: Ihr gemeinsames Album "Raising Sand" wird zum Album des Jahres gekürt, ihre gemeinsame Single "Please Read The Letter" zur Single des Jahres, dazu werden zwei weitere ihrer Lieder ausgezeichnet. Lil Wayne erhält vier Grammys, unter anderem für das beste Rap-Album. Das beste Rockalbum kommt von Coldplay und heißt "Viva La Vida", das gleichnamige Lied wird zum Song des Jahres und zum besten Gemeinschaftsauftritt gewählt. Dazwischen ist Gwyneth Paltrow zu sehen, die Gattin von Chris Martin, dem Coldplay-Sänger, die eine kurze Ansage macht und in ihrem silbernen, engen Kleid an eine Ölsardine erinnert.

Ähnlich eng liegt der Sportanzug an, in dem M.I.A. den Auftritt des Abends hinlegt: Ihr Basketballgroßer Bauch kommt ganz wunderbar zur Geltung, als sie mit den Herren Jay-Z, T.I., Kanye West und Lil Wayne über die Bühne turnt und "Swagga Like Us" singt. Einen Grammy gewinnt sie nicht, aber das wird M.I.A. verschmerzen können. Ihr großer Preis kommt noch, und lange wird sie nicht mehr darauf warten müssen.