Bad Bunny veranstaltete im Sommer 2025 eine ausverkaufte Konzert‑Reihe in Puerto Rico, bei der er über mehrere Wochen hinweg regelmäßig auftrat und dabei seine Verbundenheit zu seiner Heimat betonte.
Bad Bunny begeistert längst nicht mehr nur die Menschen aus Lateinamerika. Die Musik mit eingängigen Rhythmen und spanischen Texten ist zu einer globalen Macht geworden.
Vergangenes Wochenende wurde erstmals ein komplett spanischsprachiges Album mit dem Grammy auszeichnet. Dieses Wochenende wird es zum ersten Mal eine komplett spanischsprachige Super-Bowl-Halftime-Show geben. Der Künstler in beiden Fällen: Bad Bunny, den man zweifellos als King of Latin Pop bezeichnen kann. Doch der 31-jährige Musiker ist nur die Spitze des Eisbergs. Das Genre hat eine ganze Reihe weiterer lateinamerikanischer Künstler hervorgebracht, die Millionen von Hörern begeistern. Sie heißen Rauw Alejandro, J Balvin, Rosalía oder Karol G und sind Teil eines globalen Phänomens, das längst nicht mehr aufzuhalten ist.
Bad Bunny – King of Latin Pop
Latin Pop ist ein Genre, das sich denkbar einfach und zugleich kaum jemals richtig eingrenzen lässt. "Man könnte sagen, Latin Pop ist jede Form von Popmusik, die aus Lateinamerika kommt", erklärt David Augusto Corrales Medina dem stern. Der aus Kolumbien stammende Musikwissenschaftler hat den Aufstieg lateinamerikanischer Popmusik über viele Jahre verfolgt. Das ausschlaggebende Merkmal von Latin Pop sei die Mischung unterschiedlicher Musikrichtungen.
Dieser Crossover-Gedanke habe das Genre von Anfang an geprägt, betont auch Gregor Herzfeld, Professor für Musikwissenschaft an der Universität Regensburg. "Es geht immer darum, lateinamerikanische Musik mit aktuellen popmusikalischen Strömungen zu verbinden."
Spotify und Co katapultieren Latin Pop in neue Sphären
Historisch gesehen, verlief der Aufstieg lateinamerikanischer Popmusik in Wellenbewegungen, erläutert Herzfeld. Bereits in den 1920er-Jahren flossen Elemente aus dem Tango in die Popmusik ein. Danach gewannen Latin Jazz und Afro-Kubanische Musik – mit Tito Puente als wichtigstem Vertreter – an Beliebtheit. Der Musiker Harry Belafonte brachte in den 1950er-Jahren karibische Musik in den Mainstream. In den 1980er-Jahren gab es eine Welle von Latin Rock, geprägt durch die Band Santana. Dann kamen Shakira und Jennifer Lopez. Wer die aktuelle Erfolgswelle des Latin Pop ausgelöst hat, vermag der Professor nicht zu sagen. Allerdings lässt sich der Aufstieg des Genres auf einen entscheidenden Faktor zurückführen: Musik-Streaming-Dienste. Laut Medina Corrales der "größte Katalysator für den Aufstieg von Latin Pop".
Der Musikwissenschaftler spricht auch von einer "Demokratisierung der Kultur". Während die Musikauswahl, die die breite Hörerschaft einst zu Ohren bekam, von Radiostationen oder TV-Sendern kuratiert wurde, kommt diesen Instanzen heute kaum noch Bedeutung zu. "Seitdem wir keine CDs mehr kaufen müssen, um Musik zu hören, hat sich sowieso der ganze Musikmarkt globalisiert", fügt Herzfeld hinzu. Das mache es für Musikrichtungen, die früher als Nische galten, leichter, sich zu verbreiten. Jeder, der einen Musik-Streaming-Dienst abonniert, kann kostenlos in jegliches Genre hineinhören. Die Hemmschwelle, mit neuer Musik in Kontakt zu kommen, sei daher viel geringer. "Durch diese Mechanismen ergibt sich eine exponentielle Wachstumskurve", so der Professor.
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Diese Entwicklung lässt sich auch anhand von Zahlen belegen. Laut dem Jahresbericht der Recording Industry Association of America (RIAA), dem zentralen Interessenverband der US-Musikindustrie, war 2024 ein Rekordjahr für Latin Music. Demnach wächst das Genre im US-Markt schneller als alle anderen Musikrichtungen und erreicht inzwischen einen Anteil von 8,1 Prozent am gesamten Umsatz aller kommerziell verwerteten Musikaufnahmen. Von diesen Einnahmen stammen satte 98 Prozent aus Musik-Streaming-Diensten. Die Daten sprechen ausschließlich für die USA, wo über 60 Millionen Hispanics leben. Bedenkt man, dass die Erfolgsgeschichte des Genres in Lateinamerika beginnt, einer Weltregion mit einer Bevölkerung von über 600 Millionen Menschen, ist der kometenhafte Aufstieg der Musik kaum verwunderlich.
Popmusik, mit der die Hörer sich identifizieren können
Medina Corrales nennt Lateinamerika in dem Zuge den "Vorraum zur Welt". Trotz kultureller Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern und Regionen innerhalb Lateinamerikas gebe es gemeinsame Nenner, die Latin-Künstler sich zunutze machen können: "Die Sprache, eine gemeinsame Herkunftsgeschichte und ein starkes Wir-Gefühl." So könne ein Song, der beispielsweise in Mexiko produziert wurde, in dutzend weiteren Ländern zum Erfolg werden. "So haben Musiker die Chance, eine große Reichweite zu entwickeln", erklärt der Musikwissenschaftler. Der Sprung in den globalen Raum sei dann der logische nächste Schritt. Die Verbindung von anglo-amerikanischem Mainstream-Pop und der eigenen Kultur sei schon immer ein Garant für Erfolg und Identifikation gewesen, so Gregor Herzfeld. Latin Pop biete eine breite Projektionsfläche sowohl für moderne Musikrichtungen als auch für traditionelle Elemente. In diesem Spektrum könne sich nahezu jeder Hörer wiederfinden.
J Baldvin, ein Musiker aus Kolumbien, der auf Spotify über 70 Millionen Hörer zählt, auf der Bühne bei den MTV Video Music Awards
Eben diese Mischung macht Latin Pop auch für Hörer, die des Spanischen nicht mächtig sind, interessant. Laut Gregor Herzfeld üben fremde, exotische Klänge immer eine gewisse Faszination auf Hörer aus. Hinzu kommt, dass die Tänze, auf denen viele Songs beruhen – Salsa, Merengue, Bossa Nova – in der Tanzszene sehr beliebt seien. "Etwas, das zum Tanzen animiert, ist immer ein guter Anknüpfungspunkt für Popmusik", erklärt er. Alldem würde Corrales Medina zustimmen. "Die musikalischen Muster sind nahe genug am englischsprachigen Pop, dass sie auch für nicht-spanischsprachige Menschen zu erkennen sind", erklärt der Kolumbianer. Trotzdem unterscheide Latin Pop sich noch ausreichend von Mainstream-Pop, um als andersartig wahrgenommen zu werden.
Das Selbstbewusstsein ist gewachsen
Für eine Vielzahl von Hörern gehe es sicherlich um den Rhythmus, die Beats, das Tanzen, sagt Corrales Medina. Aber für spanischsprachige Menschen kann auch der Text eine enorme Bedeutung entfalten. Insbesondere, wenn die Probleme der lateinamerikanischen Community behandelt werden: Diskriminierung, politische Repressionen und Neo-Kolonialismus. Hier sieht Gregor Herzfeld eine entscheidende Wende. Shakira beispielsweise habe zu Beginn ihrer Karriere auf Spanisch gesungen. Als sie global erfolgreich wurde, begann sie, auch auf Englisch zu singen. Das ist heute anders. Künstler wie Bad Bunny bleiben bei ihrer Muttersprache.
"Ich glaube, dass irgendwann das Selbstbewusstsein in der Community groß genug war", erläutert Herzfeld. Die eigene Identität werde inzwischen nicht mehr als Exotismus verkleidet, sondern kompromisslos zur Schau gestellt. Dabei gehe es auch um Politik. Passend dazu sind viele Künstler aus der Latin-Pop-Szene politisch aktiv. Sowohl in ihren Texten als auch darüber hinaus. Dass sie dabei beim Spanischen bleiben, passe zum Zeitgeist.
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Das findet auch Medina Corrales. "Was jetzt in den USA passiert, könnte eine Gegenbewegung erzeugen", glaubt der Kolumbianer. Seiner Meinung nach könnte das zunehmend repressivere Klima gegenüber der lateinamerikanischen Community dazu führen, dass diese ihre Kultur erstrecht zelebriert. Der Musik komme dabei eine zentrale Rolle zu. Wird die Dominanz von englischsprachiger Popmusik damit vollends brechen? "Die englischsprachige Musik wird immer noch eine große Relevanz haben", prognostiziert Corrales Medina. Aber die Konkurrenz werde stärker. Popmusik aus Lateinamerika sei in jedem Fall mehr als nur ein Hype, betont auch Gregor Herzfeld: "Wenn sich die Welt zunehmend auch musikalisch von Amerika emanzipiert, dann ist Latin Pop ganz groß mit dabei."