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Pianist: Die Hüstel-Sinfonie: Wie Igor Levit in der Elbphilharmonie gegen das Publikum anspielte

Der Star-Pianist Igor Levit trat in der Elbphilharmonie mit Beethoven-Sonaten auf – und musste sich gegen das Publikum durchsetzen. Was ihm meisterhaft gelang.


Igor Levit

Igor Levit bei einem Konzert im vergangenen Jahr

DPA

Meine Sitznachbarin, eine ältere Dame, wird es nicht gewusst haben, aber als sie ihrem Mann nach der Zugabe zuflüsterte: "Die war jetzt ein büschen langweilig" ("büschen" ist Hamburgerisch für "bisschen"), könnte der Pianist Igor Levit ihre Worte vernommen haben. Ganz bestimmt hat er sie gehört. Denn im großen Saal der Elbphilharmonie hört man alles, vor allem das Flüstern. Der Saal ist wie ein riesiger Verstärker, in alle Richtungen.

Igor Levit in der Elbphilharmonie

Igor Levit war für zwei Abende nach Hamburg gekommen, um Beethoven zu spielen, einmal fünf, einmal vier von Beethovens insgesamt 32 Klaviersonaten. Und zweimal wurde es zum Fest, dem jeweils ein Ringen vorangegangen war. Ein Ringen des Pianisten mit dem Publikum und diesem Saal.

Es hat ja etwas Tollkühnes, sich in die Mitte von mehr als 2000 Menschen zu setzen, von denen ein Teil vornehm informiert und Klassik-gebildet ist, ein Teil freundlich-neugierig – und ein Teil sich wie auf der Kirmes (die in Hamburg "Dom" heißt) benimmt. Letztere sind die, die, kaum hat der Pianist die ersten Töne angeschlagen, zum Smalltalk ansetzen, die eine Tafel Ritter Sport auspacken, die mit dem Blitzlicht ihres Smartphones den Künstler blenden wie Fußball-Idioten den gegnerischen Torwart mit einem Laser-Pointer.

Hüsteln steckt an

Igor Levit, aktueller Star der Klassikszene, hat auch wacker die lange Sinfonie des Hüstelns überspielt. Es ist nur allzu menschlich, dass der Hals kratzt, aber es ist nahezu beschämend-absurd, wie viele Hälse offenbar zur gleichen Zeit kratzen. Hüsteln steckt an: Einmal musste Levit zwischen zwei Sonatensätzen sogar selbst aufhusten.

Und an beiden Abenden, dem Sonntag und dem Dienstag, war es so, dass der erste Teil der mühsame war. Es waren die weniger glanzvollen Sonaten; das Publikum nervte sich selbst und wohl auch den Künstler. Vielleicht hat der Pausen-Wein die Kehlen beruhigt, aber dann wurde es zweimal besser, gewaltig besser.

Levit hat sich Beethoven zur Aufgabe gemacht. Die 32 Sonaten hat er jüngst in einer CD-Box veröffentlicht; jetzt bringt er sie zur Aufführung. Er spielt sie nicht chronologisch hintereinander ab, sondern fügt sie neu zusammen, sodass innere Zusammenhänge offenbar werden. Es ist unter Pianisten dieser Meisterklasse völlig üblich, ohne Noten zu spielen, das heißt: Levit hat sich Beethoven auswendig gelernt und dabei jede Note zu seiner eigenen gemacht. Er weiß bei dem Tastendruck, was er tut, wohin er den jeweiligen Ton senden will. Er tritt nicht auf wie ein Rekorder, der Eingeübtes abspielt, sondern wie jemand, der die Noten mit Seele, Leben, Gefühlen auflädt. Er macht sie zu seiner Botschaft. Beethovens Klaviersonaten gelten als ein eigenes Gebirge in der klassischen Musik. Levit hat darin jede Steilwand vermessen. Die eine Sonate wird er mehr lieben als die andere, das ist seinem Spiel mitunter anzumerken.

Würdevolle Selbstdisziplin

Den ersten Satz der "Appassionata" verwandelte Levit dann von der Pflicht ins Heilige: Er beugte sich über den Konzertflügel, als wolle er ihn sich einverleiben. Das Instrument schrumpfte unter seinen Händen; Levit selbst wuchs zu einem Superhelden. Sein rechtes Bein schlug wiederholt aus, als tanzte er Ballett (oder als kämpfte er Karate). Und: Am Ende des Satzes herrschte vollkommene Stille. Das Hüsteln, Knistern, Tuscheln war ausgetrieben. Was folgte, war ein Rausch, ein Emporschwingen in die höchsten Sphären der Musik (auch wenn Levit dabei ein-, zweimal der Finger verrutschte). Jede Hemmung, jedes Hadern waren abgelegt. Aber seltsam: Im tosenden Schlussapplaus brauchte Levit drei Abgänge, bis er sein Lächeln fand. So endete der Sonntag.

Der Dienstag hielt als Höhepunkt die etwas weniger stürmische "Pathétique" bereit, eine Meditation über Schönheit. Auch hier hatten sich Künstler und Publikum endlich aufeinander eingestimmt. Levit lächelte diesmal sogar etwas früher.

Was Levit kann, sollte sein Publikum noch üben: würdevolle Selbstdisziplin.