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International Pony: Kindermund tut Unwahrheit kund

Das erste Album der Discoband International Pony hatte außen auf dem Cover Kinder und es sang ein Kinderchor. Da ist es nur konsequent, die neue CD "Mit Dir sind wir vier" einmal an einem Vierjährigen zu testen.

Von Niels Kruse

Kann man Kleinkindern in musikalischen Fragen vertrauen? Sollte man es überhaupt? Keine Ahnung, aber ich will es einmal ausprobieren und lasse deshalb meinen vierjährigen Sohn eine Platte rezensieren. Das kam so: Als er neulich zu Besuch war, rannte er nackt durch die Wohnung und bettelte um Süßes. Ich ignorierte seinen Wunsch, um mich aber weich zu kriegen, versuchte er meine Aufmerksamkeit auf etwas anderes umzulenken. Das macht er oft, wenn er was will.

Offenbar fiel ihm gerade nichts Besseres ein, deutete auf die neue International Pony-CD und verlangte sie zu hören. Einen Grund hat er nicht genannt. Ich vermute, die obskuren Superhelden im Stil alter Funkadelic-Platten auf dem Cover hatten es ihm angetan.

Der Zwerg konnte natürlich nicht ahnen, dass ihn diese Band schon Zeit seines Lebens begleitet. Und noch weniger, dass ich seine Bitte dafür nutzen würde, endlich einmal eine Platte an einem Kleinkind zu testen.

Hörprobe "Gothic Girl"

Vierjährige könnten sich aus mehreren Gründen für das neue Album "Mit Dir sind wir vier" interessieren. Zum einen, weil bei der Band Stefan Kozalla mitspielt, alias DJ Koze, alias Adolf Noise, alias Monaco Schranze, einem weit über Hamburg hinaus bekanntem House- und Techno-DJ mit Faible für alberne Geräusche und kindgerechte Melodien.

2002 brachte Kozalla zusammen mit Erobique und seinem alten Kollegen Cosmic DJ die erste International-Pony-Platte heraus. Sie hieß "We love Music" und die erste Single-Auskopplung "Leaving Home" entpuppte sich schnell als Hit - ein Disco-Stück, das sowohl Charthörer als auch Clubgänger begeisterte. Im Video waren für diese Art von Musik viel zu viele Kinder zu sehen. Damals fand ich Kinder erstmals süß, denn der Sohn war zu dem Zeitpunkt keine drei Monate alt. Auch in den folgenden Jahren hat sich das Kind nie ernsthaft über die Band und deren Musik beschwert.

Hörprobe "Solid Gold"

Und nun wollte er sogar eine Platte von ihnen freiwillig hören. Beim ersten echten Lied, "Solid Gold", zuckte der Sohn immerhin leicht. Aber dann wurde schnell klar: Für bestimmte Stücke ist der junge Mann vielleicht noch zu klein. Die darauf folgenden Lieder, "Still so much" eine sehr ruhige und sehr mollige Elektroballade mit fröhlicher Melodie und das melancholische "Gravity" hat das Kind immerhin noch ignoriert, doch die erste Single-Auskopplung "Gothic Girl", ein Funk-Kracher und gesungener Witz, fand er dann schon "doof".

Normalerweise hätte er an dieser Stelle darauf bestanden, wieder "Sesamstraße" oder "Räuber Hotzenplotz" zu hören, doch dann kam Song Nummer sieben und von dem konnte er plötzlich gar nicht genug bekommen. Gefühlte zehn Mal drückte er die "Zurück"-Taste des CD-Spielers, der Sohn bog sich vor Lachen am Boden. Was deswegen erstaunlich war, weil der Track "Vodka Biene" eigentlich nur aus einem melodiös-verschrobenen Gefiepe besteht, das in einem skurrilen Dialog endet.

Hörprobe "Vodka Biene"

Doch dann war Schluss mit Lustig. Die folgenden Stücke beurteilte er mit den Ausrufen: "Blöd", "Will ich nicht" und "Ausmachen". Mit dem Drücken des "Aus"-Knopfs an der Anlage unterstrich er sein persönliches Fazit. Ich dagegen finde: Der Sohn irrt gewaltig und hat eigentlich keine Ahnung von guter Musik. Künftig werde ich ihm in musikalischen Fragen nicht mehr trauen können. Aber gut, welche Eltern mögen schon die Musik, die ihren Kindern gefällt? Oder umgekehrt.

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