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Die dunkle Macht hinter Trump: Das Netzwerk der Lügner

Der künftige US-Präsident schart eine Riege ultrakonservativer Hardliner um sich, die das Verbreiten politischer Unwahrheiten zur Strategie ausgerufen haben. Ihr Einfluss reicht tief nach Europa - und lässt für das Wahljahr 2017 Schlimmes befürchten.

Donald Trump

Markige Worte: Mehr als 70 Prozent von Donald Trumps Aussagen im Wahlkampf waren nachweislich falsch. Hier spricht er nach seiner Ernennung zum republikanischen Präsidentschaftskandidaten im Juli.

Wenn die Historiker eines Tages zurückblicken auf dieses Jahr 2016, auf Brexit und Donald Trump, könnte das in etwa so ausfallen, wie Historiker heute über das frühe Mittelalter sprechen, als "dark ages", dunkle Zeiten und Rückfall der Menschheit. Sie werden sich gewiss fragen, wie es so weit hat kommen können. Wie ein Mann mit mandarinenfarbenem Haar, der, wenn er den Mund aufmachte, vornehmlich Unflätigkeiten und Lügen ausspuckte, Präsident der mächtigsten Nation auf Erden werden konnte. Und wie dieser Präsident Trump dann das Weiße Haus noch weißer machte und zugleich dunkler, indem er viele weiße Männer zu engsten Vertrauten und Beratern erhob, die finstere Überzeugungen in sich trugen. Also der Reihe nach:

Jeff Sessions etwa, 69 Jahre, Senator aus Alabama, der bereits während Ronald Reagans Ägide zu rassistisch war für ein Amt als Bundesrichter. Der den Ku-Klux-Klan für "okay" erklärte, bis ihm irgendwer steckte, dass einige der Rassisten Shit rauchten. Der Bürgerrechtsgruppen "Kommunisten" und einen schwarzen Kollegen im Sklavenjargon "Boy" schimpfte. Und der, noch unter Präsident George W. Bush, gegen die Abschaffung von Folter votierte.

Dieser Jeff Sessions wird nun Justizminister. Oder Michael Flynn, 57, General im Ruhestand, von Haus aus Demokrat, aber stramm anti-islamisch. Der war während des Wahlkampfs einer der lautesten Unterstützer Trumps, hält den Islam für ein Krebsgeschwür und Wladimir Putin für einen prima Alliierten im Kampf dagegen. Und er ist wie sein Boss Trump keiner, der es mit der Wahrheit sehr penibel nimmt. Sein notorischer Hang zu Verdrehungen hat in Washington bereits einen festen Begriff gefunden - die "Flynn facts" , Flynns Tatsachen. Das Problem ist: Flynns Tatsachen sind auch Trumps Tatsachen. Die "New York Times" konstatierte, man wisse schon nicht mehr, wo Trumps Überzeugungen enden und Flynns beginnen. Dieser Michael Flynn wird nun Nationaler Sicherheitsberater.

2016 - ein Jahr von Lug und Trug

Und während der scheidende Präsident Barack Obama vergangene Woche in Berlin mit Angela Merkel zusammensaß und sich sorgte um die weltweit rasende Verbreitung von "fake news", saßen in New York sein Nachfolger Trump und ein Mann zusammen, der für die weltweit rasende Verbreitung von "fake news" hauptberuflich zuständig war. Und ist. Stephen Bannon, 62, Boss der rechten Onlineplattform "Breitbart News Network" und Pionier der ultrakonservativen Netzbewegung "Alt-Right". Dieser Stephen Bannon wird nun Chefberater.

Das passt irgendwie in die Zeit. 2016 war ein Jahr von Lug und Trug. Die Briten und ein schockerstarrtes Europa erlebten den von permanenten und penetranten Lügen befeuerten Brexit, Amerika und die ganze Welt den fleischgewordenen Wahnwitz Trump. Noch mal4 zur Erinnerung, denn man kann das nicht oft genug wiederholen: Mehr als 70 Prozent von Trumps Aussagen im Wahlkampf waren nachweislich falsch, fanden aber dennoch Gehör, weil verbreitet im Netz, auf Twitter und Facebook. Eine Industrie der professionellen Wort- und Fakten-Verdreher ist entstanden, nicht nur in den USA. Auch in Europa, auch in Deutschland. Und Besserung ist nicht in Sicht. 2017 ist Wahljahr. Und Wahljahr ist traditionell auch Lügenjahr. Der große Mark Twain schrieb einst, man müsse die Tatsachen kennen, ehe man sie verdrehen kann. Aber selbst das gilt offenbar nicht mehr oder ebenso wenig wie das Bonmot aus analogen Zeiten: "Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht."

Oder eben doch und erst recht. Der Politpraktikant Trump umgibt sich im Oval Office schließlich ganz bewusst mit drei Politprofis von überaus zweifelhafter Reputation, mächtige Einflüsterer von rechts, die ihm vermutlich das Wort singen, weil es Trump nicht besser weiß. "Das ist ein Muster und kein Unfall" , notiert der amerikanische Kolumnist Michael Tomasky. Nicht nur ihm schwant Böses. Es ist, als träte ausgerechnet im lichten Weißen Haus die dunkle Seite der Macht zusammen.

Bannon ist die bei Weitem unheimlichste Personalie des neuen Präsidenten. Er kokettiert sogar mit seiner Passion fürs Sinistre. "Dick Cheney, Darth Vader, Satan. Das ist Macht" , sagte er in seinem ersten Interview nach seiner Ernennung. Geführt, natürlich, im Trump Tower. Wer die Welt beruhigen will, sagt: Er bekam den Posten nur, um das radikale Trump-Lager zu befrieden. Wer ihn näher kennt, sagt, er habe Angst.

Ein Mann ohne moralischen Kompass

Kurt Bardella kennt ihn. Er war bis zum vergangenen Sommer Sprecher von Breitbart, und er ist unmissverständlich in seinem Urteil: "Jeder sollte gewarnt sein. Bannon wird einen enormen Einfluss auf Trump ausüben. Er kann geschickt Strippen ziehen. Seine Gegner räumt er aus dem Weg. Denn er ist ein Mann fast ohne moralischen Kompass. Was er tut, grenzt an Anarchismus." Schon während des Wahlkampfs klang Trump zuweilen wie das Echo seines radikalen Beraters, hörte Trump auf Bannons Rat, den er im August zu seinem Kampagnenmanager berief. Das dürfte sich während der Präsidentschaft kaum ändern, denn es ist nicht davon auszugehen, dass Bannon in Washington eine charakterliche Runderneuerung durchläuft.

Stephen Bannon

Stephen Bannon wird unter Donald Trump zum Chefberater im Weißen Haus


Er ist, im Gegenteil, genau dort angekommen, von wo aus sich seine Netzagenda in die Realität übersetzen lässt. Bannon ist blitzgescheit und ausgestattet mit einem tiefen Hass auf alles Liberale, Linke und die Washingtoner Elite, die er, daraus hat er nie einen Hehl gemacht, am liebsten abschaffen würde. Er verspricht, Konservative und Populisten zu einer wirtschaftsnationalen Bewegung zu bündeln. "Wir werden die nächsten 50 Jahre regieren." Er verspricht obendrein nicht weniger als eine Revolution. Der Werkzeugkasten dieser Revolution ist das Netz und da seine Plattform Breitbart.

"Geburtenkontrolle macht Frauen unattraktiv und verrückt", "Junge Muslime sind tickende Zeitbomben", "Wollen Sie lieber, dass Ihr Kind Feminismus bekommt oder Krebs?". Das sind Schlagzeilen auf Breitbart. Sie hetzen gegen Transsexuelle, Immigranten, Juden, Schwarze, Lesben und Schwule und überhaupt gegen jede Minderheit. Die Leserschaft ist jung und schätzt vor allem eines: Auf Breitbart darf jeder unzensiert kommentieren, ganz gleich, ob er dabei den Autor eines Artikels, Frauen oder Behinderte beleidigt. Und Bannon ist der Mann, der Breitbart zu einem globalen Propagandaerfolg machte. Ab Januar einer der wichtigsten Männer im Weißen Haus. Und damit auch der ganzen Welt.

"Bannon ist ein geborener Demagoge"

"Bannon besitzt dieses enorme Gespür für den Puls der Gesellschaft", sagt Kurt Bardella, sein früherer Sprecher. "Er hat das Talent, die Gefühle der Masse in Worte zu fassen, Menschen zu mobilisieren und zum Handeln zu bewegen. Dabei handelt er immer nach demselben Muster. Gehe keinen Schritt zurück. Gestehe nie einen Fehler ein. Überrenne deine Kritiker." Man könnte auch sagen: Bannon ist ein geborener Demagoge.

Er stammt aus Virginia und wurde in eine demokratische Familie geboren. Er wuchs auf, als Amerika in das Vietnam-Trauma glitt. Die linke Antikriegspropaganda jener Zeit verachtete er. Er machte einen Abschluss an der Harvard Business School, ging zur Navy und schaffte es bis zum Marineoffizier. Sein scharfer Verstand und seine einnehmende Art bescherten ihm einen Job bei Goldman Sachs. Aber dort hielt es ihn nicht lange. Er gründete seine eigene Investmentfirma, managte das Ökoprojekt "Biosphäre 2" und wurde danach Filmproduzent.

Eine Dokumentation über Ronald Reagan brachte ihn 2004 mit Andrew Breitbart zusammen. Es war die Zeit, als Facebook aufkam, aber nur Visionäre ahnten, wie die sozialen Medien unser Leben verändern würden. Andrew Breitbart war einer dieser Visionäre. Im Keller seines Hauses arbeitete er an einer rechtspopulistischen Website, die schon damals darauf ausgerichtet war, nicht nur zu informieren, sondern mit den Lesern zu kommunizieren. "Es hat 60 Sekunden gedauert, da war ich von Andrew und seiner Idee begeistert" , sagte Bannon einmal. Sieben Jahre nach ihrer Begegnung starb Breitbart, gerade 43 Jahre alt.

Breitbart - "Propagandamaschine des Weißen Hauses"

Seitdem herrscht Bannon über das geistige Erbe und ein ständig wachsendes Netzimperium. Mehr als 30 Millionen Besucher verzeichnete Breitbart vergangenen Monat. Vor allem aber ist die Seite die weltweit meistgelesene Quelle für politische Inhalte. Die Beiträge werden millionenfach auf Facebook gepostet und geteilt. Und zwar in einer Frequenz, die die traditionellen Leitmedien "New York Times" , "Washington Post" und "Wall Street Journal" nicht einmal kombiniert erreichen.

"Breitbart", sagt der im Streit ausgeschiedene Kurt Bardella, "wird die neue Propagandamaschine des Weißen Hauses." Wie diese Propagandamaschine funktioniert, erfuhr auf ganz perfide Art Hillary Clinton. Exemplarisch an dieser Stelle für viele infame Exzesse die jahrelange Genese der Lüge von der todkranken Hillary:

Hillary Clinton

Immer wieder lieferte der angeblich so schlechte Gesundheitszustand von Hillary Clinton ihrem Kontrahenten Donald Trump Angriffspunkte im Wahlkampf


Auf einer Reise als Außenministerin durch Europa hatte sich Clinton im Dezember 2012 ein Darmvirus gefangen. Zurück in Washington brach sie in ihrem Haus zusammen und schlug mit dem Kopf auf - Gehirnerschütterung. Bei einer Nachuntersuchung wurde ein Blutgerinnsel in einer Vene hinter ihrem rechten Ohr entdeckt, vermutlich eine Folge des Sturzes. Ihre Ärztin verordnete Blutverdünner, nach einigen Wochen war alles überstanden. Dachte sie. Und dachte falsch. Es ging erst richtig los. Online und insbesondere auf Breitbart wuchs das Gerücht, Clinton kämpfe mit viel schwereren Problemen. Vielleicht verheimliche sie einen Schlaganfall, Parkinson. Oder gar Alzheimer. Aus den vielen "Vielleichts" wurde im Netz ein "ganz sicher". Den Humus für Gerücht und Lüge bereitete Breitbart.

Es schlug die Stunde der Verschwörungstheorien

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Im Mai 2014 setzte Karl Rove, einst Berater von George W. Bush, die Lüge erstmals gezielt ein. Er behauptete, Hillary habe 30 Tage heimlich im Krankenhaus gelegen. Breitbart berichtete. Auch die seriösen Medien schrieben jetzt darüber. Clintons Ärztin bescheinigte ihr in einem öffentlichen Attest zwar eine "ausgezeichnete Gesundheit". Aber es half nichts. Breitbart und auch andere Medien griffen nun eben die Dementis auf. Clinton konnte tun oder auch lassen, was sie wollte. Der Zweifel blieb, und die Lüge gedieh weiter.

Im Sommer erschienen dann auf Youtube Videos, in denen Mediziner Ferndiagnosen stellten. Einer, "Doktor Ted Noel" , orakelte, Clinton habe mehrere Schlaganfälle erlitten und leide unter einem bleibenden Gehirnschaden. Sein Video wurde 4,5 Millionen Mal geklickt. Breitbart verlinkte es über seine Seite, sodann schlug die Stunde der Verschwörungstheorien, und deren groteskeste ging so: Hillary hat eine Doppelgängerin.

Donald Trump fragte scheinheilig, ob seine Gegnerin das nötige "physische und psychische Durchhaltevermögen" besitze. Die Lüge war inzwischen Teil seiner Kampagne geworden, und Breitbart multiplizierte sie. Trump-Helfer Rudy Giuliani rief auf, unter dem Stichwort "Hillary Clinton Gesundheit" zu googeln. Und dort lief eine Hitparade des Wahnsinns. Breitbart dominierte im Google-Ranking den Diskurs.

Als Clinton eine Lungenentzündung geheim halten wollte, gegen den Rat der Ärzte an der Gedenkfeier für die Toten des 11. September teilnahm und einen Schwächeanfall erlitt, ging das entsprechende Video viral. Und sie galt, Gipfel der Perfidie, obendrein noch als überführte Lügnerin. Breitbart zitierte einen Doktor, der den "plötzlichen Tod" der Kandidatin nicht mehr für ausgeschlossen hielt.

Steter Tropfen höhlt den Stein. Inwieweit diese und die vielen anderen Lügen, Übertreibungen und Auslassungen Hillary Clinton die Präsidentschaft gekostet haben, kann niemand mit Gewissheit sagen. Vermutlich werden auch darüber die Historiker eines Tages urteilen. Dass wir aber eine Zeitenwende durchleben, ist unstrittig. Der Hamburger Politikberater, Blogger und Social-Media-Experte Martin Fuchs sagt, auch er glaube, dass "das Zeitalter der fake news angebrochen ist" .

"Fake news" als Geschäftsmodell 

"Fake news" sind längst ein Geschäftsmodell. Bannons Breitbart hat vor Jahren bereits in London eine Europa-Filiale eröffnet, deren Chefredakteur Raheem Kassam erwog, für die Parteiführung der rechtspopulistischen United Kingdom Independence Party (Ukip) zu kandidieren. Ihm assistiert als publizistischer Pitbull der alerte Milo Yiannopoulos. Der, selbst homosexuell, ist entschiedener Gegner von Schwulenrechten und Homo-Ehe. Er hält Schwule für von Natur aus intelligenter und rät ihnen ernsthaft, sich mit Heteros zu paaren, um den IQ-Durchschnitt der Bevölkerung zu pushen. Nachzulesen auf, selbstverständlich: Breitbart. Yiannopoulos hat ein Manifest über die Alt-Right-Bewegung geschrieben und genießt insbesondere in den USA immense Popularität. In Santa Barbara trugen ihn Studenten auf einem Thron in die Uni und feierten ihn wie einen Hohepriester des "Postfaktischen". Postfaktisch heißt nichts anderes als die Wahrheit so lange massieren und dehnen, bis sie der eigenen Meinung entspricht.

Es ist kein Zufall, dass die klugen Menschen vom „Oxford Dictionaries“ soeben "post truth" , postfaktisch, zum "internationalen Wort des Jahres" gekürt haben, gefolgt im Übrigen von "Alt-Right". 2015, auch kein Quell der Freude, war es noch das harmlose Emoji. Der Präsident der Lexikalen rechnet damit, dass postfaktisch "einer der prägenden Begriffe der Gegenwart wird". Man kann das auch weniger nonchalant ausdrücken. Postfaktisch erklärt die gefühlte Wahrnehmung zur Wahrheit - und damit schlimmstenfalls die Unwahrheit gleich mit. Und noch weniger nonchalant: Die Lüge wird salonfähig.

Lügen, kleiner Exkurs hier, haben viele Namen. Sie heißen Blackout oder Unwahrheit, Gedächtnislücke, Ausflucht, Irrtum, Märchen, Blendwerk, Ente, manchmal auch Ehrenwort. Und natürlich heißen sie Wahlversprechen, die, postfaktisch, gern in Missverständnisse umgetauft werden. Aber am Ende des Tages liegt die Wahrheit eben nicht in der Mitte. Es sind alles Lügen. Und sie sollten auch so heißen.

Gleich zwei Dutzend hanebüchener Lügen listete der englische Labour-Politiker Richard Corbett nach dem EU-Austritt auf. Die dreisteste von allen leuchtete auf dem roten Brexit-Bus, mit dem Boris Johnson über die Insel tourte: "Wir schicken der EU 350 Millionen Pfund pro Woche. Stecken wir das Geld lieber in unser Gesundheitssystem." Die 350 Millionen stimmten nie, sie waren während der Kampagne abendfüllend dementiert worden, aber der Boris-Bus rollte mit falschen Zahlen unverdrossen weiter. Tags nach dem historischen Votum verabschiedete sich Nigel Farage, der schrillste Anti-Europäer, von dem Claim. Das sei ein Fehler gewesen, räumte er selten kleinlaut ein.

Lüge tarnt sich als Wahrheit

Nun gehören Lügen und Gerüchte zum Leben seit der ersten ganz großen Lügengeschichte, der von Adam und Eva. Seither gilt das gebrochene Wort. Immer und überall. Der Mensch lügt nach einer frischen Erhebung der Universität Würzburg zweimal am Tag, was schon ein gewaltiger Fortschritt ist. Vor Jahren kursierte die Zahl von 200 Lügen pro Tag. Das bekämen wohl selbst Trump und sein Chefdemagoge Bannon nur unter größter Mühe hin.

Und doch haben Lüge und Gerücht eine neue Dimension und Qualität erreicht. "Die Aufsplitterung der Nachrichtenquellen hat eine atomisierte Welt kreiert, in der sich Lügen, Gerüchte und Klatsch mit alarmierender Geschwindigkeit verbreiten. Lügen werden vor allem online in einem Netzwerk geteilt, dessen Mitglieder einander mehr trauen als den Mainstream-Medien, und also kann die Lüge genau dort wie Wahrheit erscheinen" , notierte der "Economist" nach dem Brexit - aber noch vor Trumps Triumph. Die Kollegen merkten obendrein selbstkritisch an, dass selbst gut beabsichtigter Journalismus mit seinem Hang zu Fairness und politischer Korrektheit eine falsche Balance geschaffen habe. Und zwar eben auch auf Kosten der Wahrheit.

Populisten oder besser: Lügner wie Nigel Farage, Marine Le Pen, Wladimir Putin, Donald Trump, Stephen Bannon oder Frauke Petry fühlen dieses Vakuum. Und füllen es unter tatkräftiger Mithilfe von Facebook, Twitter oder digitalen Extremisten wie Breitbart. Bannons Leute möchten demnächst eine Dependance in Paris eröffnen, Marine Le Pens Front National herzte die künftigen Prätorianer schon vorfreudig auf Twitter. Im kommenden Jahr sind ja Wahlen in Frankreich. Und in Deutschland.

Wladimir Putin

Er gratulierte Donald Trump als einer der ersten zu seinem Wahlerfolg: der russische Präsident Wladimir Putin


2017 droht mithin abermals ein Jahr des Postfaktischen, der fake news, der Verschwörungstheorien, der gefühlten Wahrheit und der Lügen zu werden. Und auch hierzulande existiert dafür ein florierender Markt. Das "Compact"-Magazin kommt nach eigenen Angaben mittlerweile auf eine Auflage von 80.000 Exemplaren - mit Titelgeschichten wie "Merkel? Verhaften!" oder sogenannten Artikeln, die "Merkel, die Königin der Schlepper" heißen. Journalistisch sind die Methoden mal mindestens fraglich - die Schreiber bleiben bar aller Fakten stets im Vagen und spielen stattdessen mit Gefühlen und Ängsten. Ähnlich funktioniert der Blog "Politically Incorrect", auf dem jeder alles schreiben darf, solange es gegen Islam, gegen Flüchtlinge und gegen Merkel geht. Sie alle sind Spielwiesen der AfD.

Eine Art Stiftung Warentest für Wahrheitsgehalt

Schlüssige Antworten hat die Politik darauf noch nicht. Wie auch? Martin Fuchs, der Hamburger Politikberater und Blogger, sagt: "Eine der Hauptaufgaben der Parteien wird sein, die falschen Fakten der politischen Gegner wieder richtigzustellen." Vor allem die AfD nehme einen kleinen Ausschnitt aus einer großen Menge, um daraus eine Generalisierung zu machen. Er fordert mehr parteiliche Transparenz, Geld für Forschung und eine Art "Stiftung Warentest für fake news".

Besorgt beobachtet beispielsweise die Bundesregierung, wie der russische Staatssender Russia Today (RT) Deutschland beackert und Geschichten wie die des Mädchens Lisa aus Berlin in die Welt pustet. Die 13-jährige Russlanddeutsche war angeblich von Migranten 30 Stunden lang festgehalten und vergewaltigt worden. Es kam zu Demonstrationen in mehreren Städten und vor dem Kanzleramt. Der russische Außenminister meldete sich empört zu Wort, und RT schäumte die Empörung immer wieder auf. Allein, die Geschichte stimmte nicht. Es war eine der dreistesten Lügen des Jahres. Beim Verfassungsschutz bezeichnen sie Lisa als "Paradebeispiel" dafür, wie ausländische Staaten mit Lügen Stimmung machen. Im Bundespresseamt werden die Machenschaften des Putin-Senders schon lange kritisch verfolgt und in Protokollen festgehalten. In denen es dann etwa heißt: "Klassischer 70er Jahre SED-Duktus". Im kleinen Kreis warnt Innenminister Thomas de Maizière schon jetzt vor russischen Cyberangriffen im heißen Wahlherbst. Es könnte schmutzig werden.

Aus diesem Dickicht von Lug, Trug und in Algorithmen gegossenen Irrungen und Wirrungen, aus dem Sumpf der populistischen Lügner ragt nun eine Nachricht wie ein Leuchtturm. Sie beginnt mit einem Gerücht. Angeblich beabsichtigt Breitbart, auch nach Deutschland zu expandieren. Angeblich suchen sie Büroräume in Berlin. Und tatsächlich hat ein Suchmaschinenoptimierer und Marketingfachmann aus der Nähe von Bad Kreuznach die Domain breitbart-news.de angemeldet. Der Mann heißt Ayhan Benzer. Aber er ist bekennender und überzeugter Pegida- und Breitbart-Feind: "Ich bin der, der denen ans Bein pinkeln wird." Benzer will seine Computerkenntnisse nutzen, um Breitbart-Gerüchte im Google-Ranking möglichst weit nach unten zu drücken.

Wenn also eines Tages Historiker über diese Ära urteilen, könnte Ayhan Benzer ein Sternchen bekommen. Als jemand, der an die Macht der Wahrheit glaubte. Und deshalb Darth Vader herausforderte. Stephen Bannon, den Lord der Lügen aus dem Weißen Haus.