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Interview KT Tunstall: Die Frau, die den "Frock" erfand

Es gibt die Popgören, es gibt Rockmusikerinnen, es gibt die klassischen Songwriterinnen. Und es gibt KT Tunstall. "Meine Wurzeln liegen im Folk", sagt die 31-jährige Schottin mit chinesischen Wurzeln im stern.de-Interview. Gleichzeitig verbeugen sich ihre Songs aber immer auch tief vor dem Pop - so auch auf ihrem neuen Album.

Von Annette Stiekele

Eigentlich müsse man das, was sie mache, "Frock" nennen, so KT Tunstall. Das trifft wohl am ehesten ihre Mischung aus Rock und Folk und ein paar Bluesspuren. Mit ihrem konsequent eigenen Weg hat KT Tunstalls eine kometenhafte Karriere gestartet. Und bewiesen, dass Intelligenz nicht unbedingt ein Hindernis ist, wenn man als Frau in der Popbranche erfolgreich sein will.

Vor drei Jahren landete sie nach den typischen Stationen Straßenmusikantin, Musikkurse, Leben im musikalischen Untergrund, mit ihrem Debüt "Eye To The Telescope" einen Megahit. Das Album verkaufte sich weltweit vier Millionen Mal. Für ihre Single "Suddenly I See" sahnte sie unter anderem den British Music Award als Best British Female Solo Artist ab und war für einen US Grammy nominiert. Ihre Musik verzierte den Film "Der Teufel trägt Prada", diverse TV-Serien sowie die Casting Show American Idol.

Die bodenständige Schottin lässt sich nicht aus der Fassung bringen

KT Tunstall war die Frau der Stunde. Doch der ganze Rummel scheint die bodenständige Schottin kaum aus der Fassung zu bringen. Sie engagiert sich im Kampf gegen den Klimawandel, baut ihre Londoner Wohnung ökologisch um und fährt auf Tourneen ausschließlich in Bussen mit Biodiesel. Wenn sie mal Zeit hat, trifft sie ihren Freund, den ehemaligen Joe Strummer-Schlagzeuger Luke Bullen. Und zeigt bei alledem keine Spur von Übermut: "Da bin ich sehr schottisch. Wir sind schlecht im Geld ausgeben."

Derzeit steht ihr bevor, wovor sich die meisten erfolgreichen Debütanten fürchten: Das zweite Album. "Drastic Fantastic" heißt es. Ab dem 7. September steht es in den Läden. "Das neue Album spiegelt meine Persönlichkeit stärker als das erste", meint KT Tunstall. Und während sie das sagt, wirkt diese zierliche, eigenwillig hübsche Person vor allem eines: selbstbewusst. "Das erste Album ist viel trauriger geworden, als ich wollte. Die Leute haben dann nach meinen Konzerten gesagt, wow, die Show ist viel rockiger als das Album." Begeistert waren sie da natürlich erst recht.

KT Tunstall ist weder das Resultat einer Casting-Show, noch das Produkt von Marketingstrategen: "Ich frage mich oft, wie ich es geschafft habe, durch das Netz zu schwimmen ohne manipuliert zu werden. Wenn etwas schief geht, trage ich allein die Schuld." Das Rockbizz geht mit weiblichen Anwärterinnen in der Regel wenig zimperlich um. Aber KT Tunstall wollte nicht als eines dieser entsetzlichen Frauenpopprojekte enden, mit denen sich Produzenten heutzutage ihre spannenden Ideen - mit Männern - finanzieren.

"Wir zeigen den Mittelfinger und sagen, scheiß drauf!"

Und da traf sie auf Steve Osbourne. Der hatte schon den Happy Mondays, U2 oder New Order den letzten Schliff verpasst und war damit der ideale Mann für sie. Er hat ihre beiden Alben produziert. "Osbourne steht für wirklich intelligente männliche Rockmusik. Ich hatte eine Idee von Melodie, er die Männlichkeit und die Band." Tunstall sieht sich in einer Linie mit sehr eigenständigen Musikerinnen wie PJ Harvey, Charlotte Hatherley oder Chrissie Hynde. "Wir zeigen den Mittelfinger und sagen, scheiß drauf. Wir lieben, was wir tun. Auch wenn es eine Menge Typen gibt, die ihren Rock Status nicht rechtfertigen müssen. Sie sind männlich und tragen Lederjacken. Das langt."

Bei der Arbeit geht auch KT Tunstall oft an ihre Grenzen. Ohne dabei allerdings wie Amy Winehouse in der Rehab zu landen. "Meistens fühle ich mich wohl, aber nicht immer. Dann wäre ich ja ein Freak," räumt KT Tunstall ein. "Einmal im Monat bin ich total erschöpft. Dann verliere ich mein Selbstvertrauen. Deshalb nehmen die Leute irgendwann Drogen und trinken zuviel. Sie können dann sagen: Ja, ich bin brillant. Darum bin ich berühmt."

Nicht schwer zu erraten, wo KT Tunstall ihre Batterien wieder auflädt: "Beim Spielen. Das ist eine Droge in sich." Im ersten Jahr habe sie allerdings auch zuviel getrunken. "Aber was soll's, ich bin jung. Das ist Rock'n' Roll und ich bin kein Sittenwächter." Aha. Natürlich liebt sie die Partys. Den Glamour. Mit vielen jungen Indie-Bands ist sie befreundet. Aber dauernder bedeutungsloser Spaß mache sie krank.

"Das ganze Leben ist ein Comic"

Auf "Drastic Fantastic" erleben wir eine junge Frau, die mit großer Überzeugung von den Sonnenseiten, Herausforderungen und Bruchstellen des Lebens singt. "Alle Songs handeln von Warnung, Risiko und Spiel. Es geht darum, wie drastisch man sein muss, um ein fantastisches Level zu erreichen." Tunstalls Songs sind immer autobiografisch - auch wenn sie erfunden sind. Als wichtige Inspirationsquelle diente die Frank-Miller-Verfilmung "Sin City" von Roberto Rodriguez. Das ganze Leben sei doch ein Comic, sagt KT Tunstall. In "I Don't Want To See You Now" versetzt sie einem Typen, der sie übel fallengelassen hat, einen musikalischen Schlag. "Ich mag diesen Punkspirit von Iggy Pop. Impulsiv und gefährlich." Eine derartige Rohheit passt eigentlich nicht zu der zierlichen Schottin. Aber obwohl sie als Adoptivtochter eines Physikers und einer Lehrerin aus einer ausgesprochen netten Familie stamme, habe sie manchmal Lust, "zu sagen, wie es ist und nicht höflich zu sein." Dabei hat sie diesmal nicht nur ihre geliebte Gretsch Falcon Gitarre im Anschlag, sondern auch Piano, Rhodes und Ukulele.

Neben all ihren Tugenden will KT Tunstall auch noch wahrhaftig sein. "Sei immer unfehlbar in Deinem Wort" lautet ihr Ethos. "All diese Künstler, die diese schrecklich deprimierten Lieder schreiben. Entweder lügen sie oder sie brauchen klinische Hilfe. Ich mag Dynamik und Vielfalt." Ganz schön viel Weisheit für eine 31-Jährige. In "Beauty Of Uncertainty" singt sie über ein Essay des kanadischen Schriftstellers Brian Hendricks: "Wenn einer die Sicherheit zu seiner Muse erhebt, ist er tot. Er nimmt sich jede Chance auf Veränderung. Er nutzt keine Möglichkeiten, weil er alles schon entschieden hat." Kein Zweifel, KT Tunstall wird ihre Möglichkeiten nutzen.

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