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Interview mit Wolfsheim-Sänger Heppner: "Auf einmal waren wir Visionäre"

Während im Wolfsheim die Anwälte beraten, hat Sänger Peter Heppner jetzt sein Solodebüt veröffentlicht. "solo" ist der schlichte Titel des Werks. Im stern.de-Interview sprach der Sänger über alte Freunde, Dieter Bohlen und darüber, dass Wolfsheim-Fans nicht so traurig sein müssen, wie er selbst stets klingt.

Von Ingo Scheel

Mit einem Songtitel Ihres neuen Albums bringen Sie einen Vornamen zurück in die deutsche Popmusik, den man fast schon vergessen hatte: Wer ist "Walter"?

Walter ist ein sehr guter Freund von mir, der im letzten Jahr gestorben ist. Ein ganz wichtiger Freund aus der Jugendzeit, als wir angefangen haben, Musik zu machen. Aus genau dieser Zeit kommt der Traum, Musik machen zu wollen. In einer Band zu sein, Erfolg zu haben. Wir haben davon geträumt, mit unseren Songs nach England zu gehen und es dann in London oder Manchester zu schaffen. Ich hatte das Gefühl, dass das festgehalten werden sollte. Das war ich uns schuldig.

„solo“ ist Ihr erstes Soloalbum – warum hat es so lange gedauert, bis Sie allein unter Ihrem Namen veröffentlicht haben?

Ich bin ja nicht arbeitslos gewesen. Ich habe Wolfsheim gemacht, Schiller, viele Nebenprojekte, wodurch dann auch international die Nachfrage immer größer wurde. Es war nicht so, dass ich ständig untätig herumsaß. Letztlich ist die Idee dann von außen an mich herangetragen worden. Und dann habe ich mich selbst gefragt, wie es denn werden würde – ein Heppner-Soloalbum. Wird es genauso klingen, wie das, was ich die letzten 20 Jahre gemacht habe oder wird es etwas ganz anderes?

Wenn man die CD durchhört, stellt man fest, dass es Wolfsheim-Hörer nicht eben verschrecken wird – wäre ein Soloalbum nicht mal die Möglichkeit gewesen, etwas ganz anderes auszuprobieren?

Es wird auch keine Schiller-Hörer, keine van-Dyk- oder Witt-Hörer verschrecken. Es ist insofern eine konsequente Weiterentwicklung dessen, was ich die letzten 20 Jahre gemacht habe.

Ihre unverwechselbare Stimme mal in einem ganz anderen Kontext – hätte das nicht auch interessant sein können?

Das ist ein bisschen schwierig bei mir. Ich mache keine Musik nach Konzept oder Zielgruppe, sondern nach meinem Geschmack. Ich mache mir selbst im Grunde die beste Musik, die ich kriegen kann. Das hab ich immer schon so gemacht und werde das jetzt nicht ändern. Ich mache nicht Musik, um irgendwelche Stilrichtungen zu erforschen. Wenn es irgendwann mal passiert, das ich ganz andere Sachen gut finde als in den letzten 40 Jahren, dann mache ich vielleicht auch einmal ein ganz anderes Album. Aber so drastisch werde ich meinen Geschmack wohl nicht mehr verändern. Ich will nicht ausschließen, dass es mal andere Ansätze geben könnte. Zum Beispiel mit dem Babelsberger Filmorchester, mit dem ich in der Vergangenheit schon zusammengearbeitet habe. Vielleicht "Greatest Hits" auf klassisch - das wäre durchaus denkbar.

Haben Sie sich mit der Idee "Soloalbum" auch auf theoretischer Ebene beschäftigt und geschaut, wie es andere denn eigentlich gemacht haben?

Das hab ich schon deshalb nicht gemacht, weil ich 99 Prozent aller Soloalben von Sängern irgendwelcher Bands ganz furchtbar finde. Ich muss allerdings sagen, dass zwei meiner absoluten Lieblinge, David Sylvian von Japan und Peter Murphy von Bauhaus, mir ausgesprochen gut gefallen. Ich kann beispielsweise mit Sylvian solo sogar noch einiges mehr anfangen als mit seiner Band Japan. Stichwort Depeche Mode – da muss ich leider sagen, dass ich sämtliche Solo-Alben aus dem Umfeld einfach nur ganz schlecht finde. Das wäre überhaupt nicht in Frage gekommen, mir so etwas als Vorbild zu nehmen. Ich habe eh nie nach Vorbild gearbeitet, ich wollte selbst etwas auf die Beine stellen. Dennoch: Ich habe mich schon hingesetzt und mich gefragt: Wie wird das werden? Wie klingt das denn wohl? So ist letztlich auch zum Titel "Alleinesein" gekommen. Das rührt genau daher.

Ihre eigentliche Band ist Wolfsheim und da ist die Situation momentan nicht eben einfach – gibt es die Gruppe überhaupt noch?

Theoretisch ja. Gott sei Dank. Markus Reinhardt, mein Bandkollege, versucht seit zwei Jahren mich aus der Band zu klagen, was ich nicht so ganz nachvollziehen kann. Ich verstehe auch die Gründe nicht, die er angibt. Er hat gerade vor Gericht in erster Instanz verloren, geht in Revision. Das ganze dauert also mindestens noch ein Jahr länger. Sein Vorwurf lautet, er hätte sich nicht bis 2009 in Sachen Wolfsheim-Album vertrösten lassen wollen. Dazu kann ich nur sagen, dass ich seit vier Jahren etwas Neues von Wolfsheim zu veröffentlichen versuche, unter anderem auch ein neues Album.

Wie ist die Prognose? Kann man noch solchen Geschehnissen überhaupt noch Musik zusammen machen?

Sagen wir es einmal so: Ich hoffe sehr – und danach sieht es aus –, dass ihm das Gericht auch in der Revision kein Recht geben wird. Dann sind wir erst mal wieder am Punkt Null. Ich hoffe, dass er sich anschließend besinnt und etwas zur Vernunft kommt, sodass wir darüber nachdenken können, in geraumer Zeit wieder zusammenzuarbeiten. Das geht natürlich nicht gleich morgen. Da muss jetzt Zeit ins Land gehen und die ausgestreckte Hand auch von ihm kommen. Ich kann nur ganz deutlich sagen: Ich möchte das Wolfsheim-Projekt gern weiterführen, weil mir unglaublich viel daran liegt, ich in den letzten 20 Jahren sehr viel Arbeit investiert habe und es als meine musikalische Heimat und Basis ansehe. Das gibt man nicht einfach auf.

Ist die Single "Alleinesein" im Zusammenhang mit der Wolfsheim-Problematik zu hören bzw. zu lesen?

Ich wollte mit der Platte keine Abrechnung zum Thema Wolfsheim machen. Beim Schreiben habe ich gemerkt, dass es hier gar nicht um Wolfsheim geht. Es gibt wichtigere Dinge für mich als die Schrullen eines Bandkollegen. Ich habe nicht nur Walter verloren. Ein Jahr zuvor ist mit Lothar Gärtner (Labelchef von Strange Ways Records., die Red.) ein anderer, sehr guter Freund von mir gestorben. Ich habe geheiratet, bin mittlerweile Vater einer Tochter. Das sind Dinge, die haben mich viel mehr bewegt und sich viel mehr niedergeschlagen bei der Arbeit am Album, als diese lächerlichen Vorgänge. Wir haben uns mit Wolfsheim immerhin aus einem Wilhelmsburger Fahrradkeller an die Spitze der deutschen Charts gespielt. Das ist ja letztlich das Tragische - dass es doch eher piefige Gründe sind, die zu solchen Belastungen geführt haben.

Von Brad Pitt stammt der Satz "Seit ich Kinder habe, möchte ich bessere, verantwortungsvolle Filme machen, die ich ihnen später ohne schlechtes Gewissen zeigen kann". Hat Sie die Vaterrolle künstlerisch verändert?

Ich habe mich das Gleiche gefragt. Ich habe mich auch gefragt, ob ich meinem Kind eines Tages erklären kann, warum ich das alles gemacht habe. Ich habe dann für mich festgestellt, dass ich das ohne weiteres kann. Als Dieter Bohlen würde ich mich fragen, ob ich das meinen Kindern zumuten kann. Ich selbst muss das nicht.

Nach dem letzten Single-Erfolg "Wir sind wir" (2004), zusammen mit Paul van Dyk, gab es einige an Kritik. Da war unter anderem von "hohlem Pathos" und Nationalismus-Anklängen die Rede - hatten Sie das im Hinterkopf, als Sie die Arbeit an Ihrem Solo-Album begonnen hast?

Nein, das kann ich nicht sagen. Die Kritik war ja letztlich auch gar nicht so laut, wie sie im nachhinein klingt. Faktisch waren das zwei, drei Berichte. Vor allem ein Bericht in der "FAZ", wo der Autor seine Zapp-Erlebnisse schildert, zwischen Olympiade-Berichterstattung und MTV hin und her schaltete und beim Betrachten des Clips zum Fazit kam: "Das können sie, die Deutschen. Brüllen und Schießen". Alles hatte sich erledigt mit der Fußball-Weltmeisterschaft in diesem Land. Auf einmal waren wir keine "Nationalisten" mehr, sondern "Visionäre".

Inwieweit spielte die Zusammenarbeit mit Guido Knopp vom ZDF dabei eine Rolle?

"Wir sind wir" sollte eigentlich für die Knopp-Produktion "Das Wunder von Bern" produziert werden. Wir sind nur nicht rechtzeitig fertig geworden, sodass die Dokumentation ohne den Song und unser Song ohne die Dokumentation funktionieren musste. Wir haben dennoch Originalbilder aus der Dokumentation im Single-Artwork und im Clip verwendet, diesen thematischen Bogen haben dann viele aber nicht mehr richtig hinbekommen. Das Material haben wir aus den Archiven des ZDF bekommen, das extra für uns diese Bilder und Filme freigegeben hat. Eine einzigartige Geschichte damals.

Mit "solo" gehen Sie auch auf Konzertreise – wie ist die Gefühlslage vor der ersten "echten" Solo-Tour?

Das ist natürlich spannend. Ich habe eine tolle Band beisammen. Ein anderes Team kümmert sich gerade um die Licht-Arrangements, Animationen und Projektionen. Das sieht klasse aus, ich wünschte, ich könnte das als Zuschauer irgendwo sehen, aber das ist mir leider nicht vergönnt.

Ihrer Tochter aber doch sicherlich, oder?

Ja, das ganz bestimmt. Ich hoffe, dass wir für sie ein Plätzchen im Konzertsaal finden, wo es nicht ganz so laut ist.

Wolfsheim: Markus Reinhardt korrigiert

Herr Peter Heppner hat sich in seinem Interview über den Fortbestand der Künstlergruppe "Wolfsheim" und dazu, dass die Künstlergruppe "Wolfsheim" seit 2003 keinen neuen Albumtonträger veröffentlicht hat, wie folgt über mich geäußert:
1. "Das scheitert daran, dass Herr Reinhardt seit vier Jahren im Urlaub ist."
2. "Er (Markus Reinhardt) ist nach Griechenland ausgewandert und lebt dort sicher ziemlich gut gerade."
3. (Ohne ihn (Markus Reinhardt) kann kein Album stattfinden.)
"Er ... meint, ich hätte das im Alleingang machen müssen."

Hierzu stelle ich fest, alle diese Äußerungen von Herrn Peter Heppner sind unzutreffend.

Hamburg, den 25.11.2008
Markus Reinhardt