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Jazz-Musiker Kuhn wird 85: Happy Birthday, Paulchen!

Noten kann er keine mehr lesen, doch in die Tasten haut Paul Kuhn immer noch täglich. "Der Mann am Klavier" wird heute 85 Jahre alt - und geht sogar wieder auf Tournee.

Seit 60 Jahren ist Paul Kuhn schlichtweg "Der Mann am Klavier". Aus der Anspielung auf seinen 50er-Jahre-Schlagerhit ist mit den Jahren immer mehr ein Ehrentitel für den international gefeierten Jazz-Star geworden. Seine Musikerkarriere begann schon im Kindesalter. Nun wird Paul Kuhn 85 Jahre alt, zwei Tage zuvor startete seine aktuelle Tour. "Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht am Klavier sitze", erzählt der Musiker im Interview.

Auf die Frage, ob er aus Spaß auch mal einen alten Schlager spiele, antwortet er: "Nee, die fallen mir da gar nicht ein. Ich hab' sie ja nicht geschrieben, ich hab' sie ja nur aufgenommen." Sein erster Hit "Der Mann am Klavier" wurde sein größter. Mit der ARD-Show "Hallo Paulchen" hatte der Schlagersänger mit dem verschmitzt-fröhlichen Zahnlückenlächeln den Namen weg und wurde zu einem der populärsten Entertainer der Showbranche.

"Ich habe nichts gegen die Zeit und die Schlager, das war halt so", sagt Kuhn. "Böse waren nur die von der Jazz-Polizei." Diese "Ewiggestrigen" rümpften die Nase und meinten, Kuhn sei für den Jazz verloren. In Wirklichkeit jedoch ist er dem Jazz, seiner "großen Liebe", nie untreu geworden. "Selbst bei meinen "populären Ausflügen" galt für mich immer das Motto "It don't mean a thing if it ain't got that swing"", erklärte Kuhn, als er 2010 mit dem erstmals verliehenen Jazz-Echo ausgezeichnet wurde.

Pionier des deutschen Fernsehens

Der 1928 in Wiesbaden geborene Sohn eines Croupiers lernte mit sechs Jahren Akkordeonspielen, galt bald als Wunderkind und trat unter anderem als Achtjähriger bei der Funkausstellung in Berlin auf. Damit war er im versuchsweise betriebenen Fernsehen zu sehen. "Man kann sagen, ich war einer der ersten Fernsehkünstler."

Seine Begeisterung für Jazz weckte Glenn Miller mit seiner Band, die Kuhn 1942 im BBC-Radio hörte. Im jugendlichen Alter war er "Truppenunterhalter" in Frankreich und jazzte nach dem Krieg beim US-Militärsender AFN und in Clubs für amerikanische Soldaten. Diese wollten auch Lieder wie "Ich hab' mein Herz in Heidelberg verloren" hören.

Während seiner Schlager- und Showkarriere arbeitete Kuhn als Arrangeur, Komponist und Produzent unter anderen für Heino und Howard Carpendale. 1968 übernahm er die Leitung der Big Band des Senders Freies Berlin und führte sie zu internationalem Ruhm. Sein Vertrag sah drei Fernsehshows im Jahr vor, darunter "Pauls Party". Als sich der SFB 1980 von der Big Band trennte, empfand Kuhn das als "Rauswurf".

Auf Tournee mit Peter Alexander

Er gründete seine eigene Big Band, mit der er Peter Alexander auf Tournee begleitete. Seinen Traum vom Jazz habe er sich erst seit Anfang der 90er-Jahre erfüllt, sagt er. Seither swingt er mit seinem Paul Kuhn Trio und tourte seit 2000 mit Max Greger, Hugo Strasser und der SWR Big Band als "Swing Legenden". 2008 nahm er zusammen mit Comedy-Star Mario Barth die CD "Mensch Berlin" auf.

Seit mehr als drei Jahrzehnten lebt Kuhn in der Schweiz. In diesem Jahr kann er mit seiner dritten Ehefrau Ute Silberhochzeit feiern. Doch auch mit über 80 Jahren ist Kuhn nicht müde. Wegen seiner Augenkrankheit, einer schweren Makula-Degeneration, kann er seit Jahren zwar keine Noten mehr lesen - die Musik ist für ihn aber noch wichtiger geworden, wie er sagt. In Los Angeles nahm er sogar ein neues Album auf; Arrangeur war der siebenfache Grammy-Gewinner Al Schmitt. "Paul Kuhn - The L.A. Session" erscheint am 22. März.

Inge Treichel, DPA / DPA
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