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"Der Mann am Klavier": Jazz-Pianist Paul Kuhn ist tot

Bis zuletzt konnte Paul Kuhn die Finger nicht vom Klavier lassen. Der Jazz-Pianist und "Mann am Klavier" feierte seit Jahrzehnten Erfolge im Showgeschäft. Nun ist er im Alter von 85 Jahren gestorben.

"Paulchen" Kuhn aus Wiesbaden war schon zu Lebzeiten eine deutsche Swinglegende. Er verkörperte ein gutes Stück Fernsehunterhaltung und Showgeschichte der alten Bundesrepublik. In der Nachkriegszeit machte er seinen Landsleuten musikalisch Beine. Jetzt ist Paul Kuhn im Alter von 85 Jahren gestorben, wie seine Agentur am Montag mitteilte.

Als virtuoser "Mann am Klavier" und Jazzmusiker aus Leidenschaft und später auch als begnadeter Entertainer, wie sie im deutschen Sprachraum eher selten sind, machte Kuhn schnell Furore. Der Mann mit dem zerknautschten Gesicht, dem müden Blick und den Tränensäcken brachte einen gehörigen Schuss Ironie in Musikshows und machte den Swing nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland populär. 2010 wurde er mit einem Jazz-Echo für sein Lebenswerk geehrt.

Sein Weg führte ihn vom US-Soldatensender AFN in die Unterhaltungsshows im deutschen Fernsehen wie "Pauls Party", ab 1968 sogar als Big-Band-Leader des damaligen Senders Freies Berlin (SFB) mit zahlreichen Schallplattenaufnahmen. "Es war eine tolle Zeit", erinnerte sich Kuhn später immer wieder gerne. "Wir haben zwar überwiegend Unterhaltungsmusik gespielt, aber wenn wir mit dem Jazz loslegten, waren sogar die Amis begeistert und meinten: "That's A Real Band". Was will man mehr.

"Es gibt kein Bier auf Hawai"

Auch als Sänger von Stimmungsliedern ("Es gibt kein Bier auf Hawai") mit markant-sonorer Stimme wurde Kuhn bald populär. Er gastierte mit seiner Band im In- und Ausland von der Londoner Royal Festival Hall bis zu den Wiener Festwochen. In den frühen 50er Jahren war Kuhn Mitglied bei den "German All Stars", wo sich später auch Max Greger und James Last ihre ersten Sporen verdienten.

Vor allem die Berliner schlossen Kuhn schnell in ihr Herz und sahen ihn stolz als Exportartikel an, vergleichbar mit seinem Kollegen und Weggenossen Harald Juhnke. Mit ihm bestritt Kuhn Tourneen - mit allen Juhnke-typischen Kapriolen, die "Paulchen" dem verdutzten oder auch verärgerten Publikum erklären musste ("Er hat Zahnschmerzen - er kommt wirklich nicht").

Für Kuhn war es denn auch selbstverständlich, dass er, selbst gesundheitlich schon angeschlagen, bei der Trauerfeier für Juhnke am 9. April 2005 in der Berliner Gedächtniskirche seinem Freund dessen Lieblingslied noch einmal auf dem Klavier spielte (Frank Sinatras "My Way"). Noch im gleichen Jahr unterzog sich Kuhn einer schweren Herzoperation, stand dann aber bald wieder auf der Bühne.

Bühnendebüt mit acht Jahren

Obwohl Hesse ("Mir ham'se in Wiesbaden jroßjezogen", wo er am Konservatorium Mozart und Beethoven studierte) hatte Kuhn schon früh eine enge Verbindung zu Berlin: 1936 debütierte er als achtjähriger Akkordeonspieler auf der Funkausstellung am Funkturm.

Seinen ersten Plattenvertrag erhielt er in den ersten Nachkriegsjahren nach seinen Engagements als Pianist in der damals berühmten "Femina"-Bar, wo er allabendlich zum Jitterbug aufspielte, einem damals sehr populären amerikanischen Jazztanz. "Wir waren die Fürsten von Berlin, 80 Mark am Abend für jeden, eine sagenhafte Gage", schwärmte Kuhn später.

Schon 1946 leitete er eine eigene Combo, in den 1950er Jahren spielte er beim Tanz- und Unterhaltungsorchester des WDR. Bald gehörte Kuhn, der auch komponierte, zu den gefragtesten Arrangeuren in Deutschland. Nach seiner Zeit als SFB-Big-Band-Leader in Berlin gründete er 1981 in Köln ein eigenes Unterhaltungsorchester. Zu seinen beruflichen Wegbegleitern auf der Showbühne gehörten immer wieder Caterina Valente, Bibi Johns, Gitte Haenning, Alice Babs, Gretchen Kauffeld, Roberto Blanco und Udo Jürgens.

Älterwerden "ein bisschen scheiße"

Noch im Frühjahr 2011 gab der in der Schweiz lebende Paul Kuhn sein spätes Spielfilmdebüt als Hauptdarsteller in der Altenkomödie "Schenk mir dein Herz" mit Paulchen als lebensbejahendem Patienten einer Reha-Klinik. In einem Interview sagte er dazu: "Ich höre schlecht, sehe nicht mehr sehr gut, aber sonst geht es mir eigentlich ganz gut." Älterwerden sei eigentlich "ein bisschen scheiße", denn "es wird immer weniger, was man kann... was soll das dann noch?" Bis zuletzt gab ihm aber seine Frau Ute Kraft und Zuversicht.

1971 erhielt Kuhn die Goldene Kamera, 1976 den Deutschen Schallplattenpreis. Nach seinem Karriereknick 1980, als der SFB aus Spargründen seine Big Band auflöste, stand Kuhn zunächst vor dem Nichts. Er bekam Probleme mit dem Finanzamt, wurde wegen Steuerhinterziehung verurteilt.

Doch dann legte Kuhn beruflich noch einmal los und ging mit alten Bandleader-Kämpen wie Hugo Strasser und Max Greger wieder auf "Nostalgie-Tour" - jeder um die 80 Jahre alt. Junge Zuhörer seien erstaunt, meinte Kuhn dazu, dass da "so alte Säcke" noch derart flott aufspielen.

Er konnte es nicht lassen

Seinen 80. Geburtstag im März 2008 feierte Kuhn in seiner Vaterstadt Wiesbaden mit einem swingenden Jazzfest unter dem Motto "As Time Goes By" (Wie die Zeit vergeht). "Paulchen" beendete das Konzert mit dem Lied "The Party Is Over" - Die Party ist vorbei.

Dennoch konnte Kuhn es bis zum Schluss nicht lassen. "Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht am Klavier sitze", erzählte der Musiker der Nachrichtenagentur dpa kurz vor seinem 85. Geburtstag im März. Zwei Tage später ging er auf seine letzte Tournee.

tkr/Wilfried Mommert/DPA / DPA