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Jungstars: Neue deutsche Quelle

Man singt wieder deutsch - und das lohnt sich: Bands wie Wir sind Helden, Silbermond und Juli gehören zu den Musikern des Jahres. Der stern stellt die erfolgreichsten Jungstars vor.

Auch ich hab sie übersehen. Hab nicht hingehört, hab sie unterschätzt. Gut zwei Jahre ist es her, da drückte mir mein Freund Marc eine CD in die Hand. Weißes Cover, vorn stand "Wir sind Helden" in schwarzer Schrift. Sonst nichts. Blöder Name, dachte ich, "Wir sind Helden". Doch mein Freund Marc sagte nur: "Hör die mal! Die haben noch keinen Plattenvertrag, aber die Helden werden mal ganz groß!" Ich hab die CD in mein Regal gestellt. Gehört hab ich sie nicht.

Hätte ich's bloß getan. 2004 war das Jahr von "Wir sind Helden". Ausverkaufte Konzerte, Sieger des Musikpreises Echo, und von ihrem Debütalbum "Die Reklamation" haben sie mehr als 500.000 Stück verkauft - ein Sensationserfolg für die darbende deutsche Musikindustrie. Wichtiger aber noch: "Wir sind Helden" haben die Musikkonzerne auf ein lange vernachlässigtes Bedürfnis von Popfans aufmerksam gemacht - es ist der Wunsch nach einer eigenständigen deutschsprachigen Popkultur, die nicht billig kopiert, was gerade in den USA oder England läuft. "Wir sind Helden" haben die Tür geöffnet für eine neue Generation von jungen, spannenden Gruppen, für die es ganz natürlich und selbstverständlich ist, deutsch zu singen.

Dabei sah es am Anfang ziemlich finster aus für die Helden. Das Dumme war: Deutschsprachige Popmusik mit intelligenten Texten galt 2002 bei den ebenso ahnungs- wie mutlosen Marketingabteilungen der Musikkonzerne als Sargnagel. Es war die Hochzeit der Castingshows: 14 Millionen Zuschauer sahen dem Abiturienten Alexander Klaws dabei zu, wie er Plastiksongs von Dieter Bohlen auf der RTL-Showbühne nachträllerte. Englisch, natürlich. Die Helden hatten derweil ihre selbst produzierte CD an zwei Dutzend Plattenfirmen geschickt, ihr Werk großzügig an Freunde und Bekannte verteilt, die sich mit fleißiger Mundpropaganda bedankten, und schon ein paar ausverkaufte Konzerte gegeben. Doch einen Plattenvertrag gab's nicht.

Nur gut, dass sie sich

nicht entmutigen ließen: Für 1000 Euro nahmen "Wir sind Helden" ein charmant wackeliges Kamikaze-Video zu ihrem Song "Guten Tag" auf, schickten es an MTV, die es prompt in der Dauerrotation spielten. Und so kam dann endlich doch ein Vertrag, dazu ein Auftritt in der Harald Schmidt Show, der sich als Fan outete, und schließlich eine endlose Tournee durch Deutschlands Konzerthallen.

Die Gruppe ebnete anderen Musikern den Weg. Selten zuvor war die deutschsprachige Popmusik so präsent wie in diesem Jahr: Bands wie Juli und Silbermond, Virgina Jetzt! und Tele, Mia und Klee waren überall zu hören. Und überaus erfolgreich. Mitte November beispielsweise wurden fünf von sieben Spitzenplätzen der deutschen Albumcharts von deutschsprachigen Produktionen gehalten. Da klingt es wie ein Witz, dass ausgerechnet Altrocker wie Udo Lindenberg oder Heinz Rudolf Kunze verzweifelt eine gesetzlich festgeschriebene Deutsch-Quote für das Radio forderten. Deutschsprachige Popmusik, das haben Bands wie Silbermond oder Juli eindrucksvoll bewiesen, braucht keine staatliche Unterstützung.

Ich höre jetzt

auch genauer hin. Neulich bekam ich eine CD einer unbekannten Band aus Uelzen bei Lüneburg zugeschickt. Weißes Cover, fünf Stücke, vorn stand "Madsen" drauf, sonst nichts. Ich hab sie gehört, sie ist großartig. Ich werde sie demnächst mal meinem Freund Marc in die Hand drücken.

Hannes Ross / print
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