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Kim Wilde: Kambodscha-Kim

Eine Generation von Männern wird nostalgisch: Kim Wilde, der Star der Achtziger, ist wieder da. stern-Redakteur Tobias Schmitz blickt schwärmend zurück.

Bis zu meinem zehnten Geburtstag hatte mein vorpubertäres erotisches Universum die Größe eines "Bravo"-Posters. Im Zentrum jenes Universums stand, nein, schwebte Agnetha, die Blonde von Abba. Die aber hatte 1981, das merkte ich intuitiv, ihre aufregendste Zeit schon hinter sich. Unschlagbar war sie 1977 gewesen, mit langem, glattem Haar und diesem angedeuteten Silberblick. Vier Jahre später, Abba stand kurz vor dem Aus, glich Agnetha einer adretten Hausfrau, die selbst auf Zehnjährige wie mich etwas gestrig wirkte. Ganz anders war die (nach Mama und Agnetha) dritte Frau meines Lebens: Kim Wilde.

Sie war 21, blond und höllisch aufregend. Was an ihrem unglaublichen Mund lag, der niemals lächelte und auf den Postern immer geheimnisvoll glänzte. "So einen Mund will ich auch", erklärte ich meiner Mutter, die mir erklärte, dass der Glanz durch "Lipgloss" hervorgerufen werde, was mir sicherlich nicht stehen würde. Jedenfalls: Es war Zeit, Agnethas Poster zu überkleben. Mit Kim Lipgloss Wilde. Meine Mutter ahnte das Schlimmste. Wild. Die Wilde. Was für ein Name. Und was für Musik: "Kids In America" war ein Titel, den ich trotz fehlender Englischkenntnisse locker übersetzen konnte: Kinder in Amerika! Und ich dachte: Schön, dass die wilde Kim über uns Kinder singt. Dann sang sie "Cambodia". Sicher auch so ein amerikanisches Kind. Als mir jemand erklärte, dass Cambodia ziemlich genau Kambodscha bedeutet, war mir auch das recht: "Kambodscha ist ein Land", merkte ich mir, "und zwar das Land von Kim Wilde." So lernte ich Geografie. Kambodscha-Kim hing plötzlich dutzendfach in meinem Kinderzimmer, und ich begann, in der Schule Mädchen zu suchen, die Kims Mund hatten.

Es gab keine. Außer vielleicht Mitschülerin Carmen, die auch hübsch war und vor allem einen klasse grünen Anorak trug. Dann sagte Carmen mir, dass sie nicht mich, sondern Stefan liebte. Kims niemals lächelnder Lipgloss-Mund tröstete mich über die schlimmsten seelischen Schmerzen hinweg. Ist ja klar, dass Kim nie lächelt, dachte ich, wer unglücklich und ungeliebt ist wie wir, der lächelt nicht. Kim, ich verstehe dich!

Als ganz plötzlich die vierte Frau meines Lebens - Madonna: Like a Virgin - auftauchte, wurde Kim überklebt. Weg war sie, fast 20 Jahre lang. Bis ich eines Tages im britischen "Guardian" einen Text mit Tipps für Hobbygärtner entdeckte. Daneben stand ein kleines Foto, das eine Frau mit pervers hübschem, lächelndem Mund zeigte. Kim Wilde. Etwas runder als mit 25, verheiratet, Mutter zweier nicht-kambodschanischer Kinder und anerkannte Gartenexpertin. Wie schön, dachte ich, früher waren wir beiden unglücklich, jetzt schreiben wir beide Artikel.

Ich vergass sie, bis sie 2003 in dominaähnlichem, engem schwarzem Leder an der Seite von Nena die englischen Zeilen zu "Irgendwie, irgendwo, irgendwann" sang. Ich verbuchte das als nostalgischen Ausrutscher. Bis eine Pressemappe kam und die Ankündigung: Kim Wilde, platinblond, null Lipgloss, macht ein neues Album. "Never Say Never" - sag niemals nie! Ach du liebes bisschen. Sie meinte es ernst!

"Kim", schrie es in meinem Innersten, "tu! das! nicht! Bleib, wo du bist! Komm nicht zurück! Du kannst nur verlieren!" Dann kam die Platte: acht routiniert produzierte öde neue Songs und sechs alte, darunter Kinder in Amerika und Kambodscha in neuen, aber nicht besseren Versionen. Kim, schöne Kim, warum?

Sie sitzt in einem Hotel in Berlin, streicht sich mit einer wohlüberlegten Geste eine Haarsträhne aus dem Gesicht und überlegt. "Anfangs fand ich die Idee selbst etwas seltsam. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto aufgeregter wurde ich. Und jetzt fühlt es sich einfach richtig an." Sie lächelt. Wieso hat sie früher immer so böse geguckt? "Damals war ich jung, und ich dachte, coole Sängerinnen lächeln nicht." Jetzt wird sie 46 und muss sich in TV-Shows mit Popstars rumschlagen, die ihre Söhne und Töchter sein könnten und "You Came" für einen brandneuen Kim-Wilde-Titel halten. "Mein Alter ist nicht wichtig", sagt sie, "ich fühle mich heute viel besser als früher." Sie blickt einem direkt in die Augen. Ihr schöner Mund ist ein halb geöffnetes Geheimnis. Sie weiß genau, was sie macht, und sie macht es gut. "Mein Mann ist total begeistert", lacht sie, "vor zehn Jahren heiratete er eine Gärtnerin. Jetzt hat er einen Popstar!"

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