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Konzert in der Elphi Nils Frahm, der Keith Jarrett der Generation Spotify

Pianist und Komponist Nils Frahm
Pianist und Komponist Nils Frahm
© Alexander Schneider/beatsinternational.com
Pianist Nils Frahm mixt zeitgenössische Klassik mit minimalistischen Elektro-Klängen. Bei seinem Konzert in der Elbphilharmonie versetzte er sogar die zurückhaltenden Hamburger in Ekstase.

Hamburger Applaus funktioniert meist so: Ist eine Aufführung zu Ende, herrscht ganz kurz Stille – war's das schon?, ja, das war's –, dann setzt ein erst zaghaftes, sich langsam steigerndes Klatschen ein, und je mehr geklatscht wird, desto mehr ist der Einzelne davon überzeugt, dass es gut, ja außergewöhnlich war, was er gerade erlebt hat. Es kann schon mal passieren, dass sich der Hamburger mit langem Anlauf in einen Rausch klatscht.

Was am Samstagabend kurz nach 23 Uhr in der Elbphilharmonie geschah, dürfte die Hamburger im ausverkaufen Großen Saal selbst überrascht haben: Der letzte Ton der einzigen Zugabe von Nils Frahm war noch nicht verklungen, da sprangen die Zuschauer förmlich aus ihren bequemen Sesseln und schickten dem einsamen Künstler eine so überschäumende Anerkennung auf die riesige Bühne, dass dieser sich schon fast wegducken wollte, als prasselten Pfeile auf ihn nieder.

Nils Frahm ist ein Tasten- und Frickel-Künstler

Wie es dazu kam? Nils Frahm ist ein Phänomen. Ein Tasten- und Frickel-Künstler, dessen Lieder mal wie Etüden für Klavierschüler klingen, mal wie ein Soundtrack für einen Breitwand-Kinofilm, in dem gerade eine neue Welt erobert wird. Aus einer Nische heraus hat sich Frahm mit Hilfe der Streamingdienste ein Weltpublikum erspielt; die Abrufzahlen einzelner seiner Stücke sollen in die Millionen gehen. Es handelt sich um Musik für die gut informierte Kultur-Elite. Eine Art Keith Jarrett der Generation Spotify. Wer sie hört, fühlt sich außerordentlich zeitgenössisch, muss aber keine Ecken und Kanten fürchten: Frahm, 35, tendiert sich Glatten und Abgerundeten.

Er machte aus seiner Darbietung auch keinen Gottesdienst. Zwischen den Stücken griff er in der Elbphilharmonie zum Mikrofon und plauderte sich seine Nervosität aus dem Künstlerleib. So erzählte er davon, dass er sich vor wenigen Tagen ein Gemüsemesser in die Hand gerammt habe – und zeigte dem Saal seinen bandagierten Daumen. Es könne passieren, dass er später den Steinway-Flügel vollblute, sagte er und spielte weiter. Spielen heißt bei Frahm: Er drückte in seinem Maschinenpark zuerst auf ein paar Knöpfe, begann auf einer der vielfach vorhandenen Klaviaturen, lief von hier nach dort, setzte auf einer weiteren Klaviatur fort, drückte wieder ein paar Knöpfe, drehte an ein paar Reglern. Mittlerweile hat sich der Klang zu einer Mauer aufgetürmt. Der sonst so geräuschempfindliche Große Saal wird geflutet mit Tönen; das Publikum schwimmt in der Musik. Embryonale Glückseligkeit breitet sich aus.

Exakt so wie angekündigt, lief es ab

Später erklärte Frahm noch den Aufbau eines seiner Hits: Die Maschine spiele einen C-Moll-Akkord, er selbst setze währenddessen zu einer Melodie an, drehe den C-Moll-Akkord nach und nach lauter, wechsele nach ein paar Minuten zu einem F-Moll-Akkord und löse das Ganze am Flügel auf. Danach sei das Konzert beendete, er verlasse die Bühne für etwa 15 Sekunden, um zur Zugabe zurückzukehren. Exakt so wie angekündigt, lief es ab: Alle wussten, was als Nächstes passiert, aber alle waren geplättet von der Wucht, mit der es passierte.

Am Ende donnerte er wie ein Tasten-Löwe alter Prägung die Akkorde in den Flügel, so als interpretiere er ein Tschaikowski-Konzert. Letzter Ton, Donnerapplaus, draußen Sommernacht im April.


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