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Kraftwerks Ralf Hütter im Interview: "Für Groupies sind die Roboter zuständig"

Zur Veröffentlichung des überarbeiteten Gesamtwerks der Pop-Pioniere Kraftwerk gab Gründungsmitglied Ralf Hütter eines seiner seltenen Interviews. Mit stern.de sprach der passionierte Radfahrer über Maschinen, elektronische Volksmusik und das Herz des Roboters.

Herr Hütter, wann sind Sie zuletzt die Bergetappe der "Tour de France" gefahren?
In diesem Jahr bin ich nicht gefahren. Wir waren sehr viel auf Tournee, da hatte ich keine Zeit, mich in Form zu bringen. Das wäre Quälerei geworden.

Was war zuerst da: Die Begeisterung für das Rennen oder der Song "Tour de France"?
Zuerst gab es die Begeisterung. Das fing gegen Ende der 70er an, als wir am Album "Die Mensch-Maschine" arbeiteten. So sahen wir das Radfahren - der Mensch in Einheit mit der Maschine. Und dann gab es erste vage Ideen, das auch musikalisch umzusetzen.

Haben die Dopingfälle der letzten Jahre ihre Haltung zur Tour verändert?
Nein. Doping ist in unserer Gesellschaft überall präsent, natürlich auch im Leistungssport. Wir betreiben das ja als Gesundheitsprogramm. Die "Tour de France" ist für uns mehr eine Art Poesie, eine Idee. Wie ein mobiles Orchester, das durch die Lande fährt.

Fahrräder, Autobahnen, Raumfahrt, Züge - Fortbewegung war von Anfang an ein wichtiger Aspekt im Kraftwerk-Konzept.
Für uns ging es immer um die Bewegung als solches, um einen Schwebezustand. Es geht gar nicht darum, irgendwo anzukommen, sondern um unablässiges Fortbewegen. "Endlos, Endlos" ist der Song, der es auf den Punkt bringt. Statik passt einfach nicht zu unserer Musik.

Die Seefahrt haben sie links liegen lassen.
Oh, ich werde leicht seekrank, und ich bin wasserscheu. Außerdem geht es um Dynamik, um ein Kontinuum, nicht um eine Zielerreichung. Wir sind ja kein Reisebüro.

Die Musik von Kraftwerk war von je her sehr eigenwillig und neu, richtete sie sich gegen etwas? War sie als Anti-Rock’n’Roll gedacht?
Nein, ganz und gar nicht. Ende der 60er haben wir als Studentenband angefangen, das hatte offene Strukturen. Mit dem Start unseres KlingKlang-Studios änderte sich das. Wir hatten unseren Raum, unser Konzept. Elektronisch erzeugte Volksmusik aus dem Rhein-Ruhrgebiet. Wir haben uns aber nicht im geringsten abgegrenzt, im Gegenteil: Die Musik ging immer um die Dinge, die uns umgaben. Was wir sahen, waren nicht Palmen, sondern Schlote, Autos und Züge.

Was machte die Maschinen so reizvoll?
Diese Gleichförmigkeit, die Rhythmik, die daraus entsteht, das hat uns einfach immer fasziniert. Dabei war immer das Sinfonische im Vordergrund. Kurze Songs, Singles - das hat uns eigentlich nie interessiert.

In Deutschland wird Kraftwerk bis heute mit einer etwas distanzierten Ehrfurcht wahrgenommen.
Ja, die Deutschen machen sich das vielleicht etwas zu schwer. Heute ist das aber schon anders als früher. Wir machen das jetzt seit 40 Jahren, eine lange Zeit also, in der einfach unglaublich viel passiert ist.

Wurde Kraftwerk früher verkannt?
Das mag sein. Hierzulande wurde das eher belächelt. Wir mussten sogar Tourneen absagen, weil keiner zu den Konzerten kam. Dabei ist der "Roboter", den wir ja in die Popmusik einführten, zu deutsch ganz einfach ein "Arbeiter". Und der Arbeiter hat natürlich auch ein Herz, ein romantisches sogar. Auch Humor ist unverzichtbar. Ohne ihn wird es sehr trocken. Mit unserem Album "Autobahn" sind wir nach Frankreich, in die USA, nach England. Dort wurde es damals besser verstanden.

Den Roboter schicken Sie auch gern mal vor, wenn es um Interviews geht, wie jüngst im "heute journal" des ZDF geschehen.
Ja, das ist ein Teil des Werks, das ist das Wesen der Sache. Der Roboter kann sich viel besser ausdrücken. Außerdem ist er geduldiger mit Beleuchtern und Fotografen. Früher haben wir das mit Schaufensterpuppen gemacht, den "Showroom Dummies".

Epigonentum ist fester Bestandteil der Popgeschichte, die legitimen Kraftwerk-Nachfolger hat es jedoch nie gegeben.
Unsere Ideen, unsere Visionen haben sich weltweit ausgebreitet bis in den Mainstream. Wir werden heute gecovert von Streichquartetten, von Stadionrockern. Von U2 oder Coldplay. In Detroit haben wir die Funk- und HipHop-Szene maßgeblich geprägt. Das war natürlich fantastisch.

In Südamerika sind Sie gerade gemeinsam mit Radiohead auf Tour gewesen. Wie lebt es sich denn als Musik-Arbeiter im heutigen Rock’n’Roll-Zirkus?
Wir sind auch da so, wie wir immer sind. Wir landen in einer Raumkapsel und sind ganz einfach Kraftwerk. Das funktioniert in Mexico City oder im Sambodrom von Rio de Janeiro genauso wie in Wolfsburg.

Hatte Kraftwerk eigentlich jemals Groupies?
Dafür sind die Roboter zuständig.

Als beim Konzert in Wolfsburg ein Computer ausfiel, schien das Publikum fast ein wenig erleichtert. Es sind also doch keine Maschinen, keine Roboter, sondern Menschen dort auf der Bühne.
Wenn man da oben steht, ist das natürlich nicht so lustig. Man weiß ja auch nicht, wie lange so ein Ausfall dauert und ob der überhaupt behoben werden kann. Da ging es glücklicherweise. Passieren kann das immer. Es ist eben die Mensch-Maschine, es ist keine bloße Maschine.

Ihr Credo ist "Immer vorwärts", wie schwer fällt da so eine rückwärts gewandte Arbeit, wie die an den bisherigen Alben, die jetzt komplett überarbeitet neu erscheinen?
Das war einfach lange fällig. Die Qualität, die bisher auf dem Markt ist, stammt aus der Zeit der Vinylalben. Da mussten wir einfach mal in die KlingKlang-Archive und das alles aufarbeiten. Wir haben den Songs aber nichts hinzugefügt, es läuft alles in Originalform. Dafür gibt es viel umfangreicheres Artwork, mehr Fotos.

Wann gibt es ein neues Album?
Bald. Sehr bald. Wir sind im Studio und arbeiten 168 Stunden die Woche.

Ingo Scheel