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"Love": Die Beatles singen "Gnik Nus"

Das erste offizielle Remix-Album der Beatles ist da. Das Album "Love" bietet einige Klangperlen - gemischt von dem legendären Produzenten George Martin. Kreischen im Hintergrund und psychedelische Übergänge machen aus dem Album aber keine Offenbarung.

Zunächst die schlechte Nachricht für Beatles-Fans: So wie es aussieht, schlummern keine unentdeckten Songs der "Fab Four" mehr in den Archiven. Doch neue CDs von den Beatles erscheinen mit Neuauflagen, Neu-Zusammenstellungen, Neu-Abmischungen trotzdem praktisch zu jedem Weihnachtsgeschäft. Diesmal jedoch gibt es tatsächlich etwas Besonderes: Für das Album "Love", dessen Deutschlandpremiere am Donnerstagabend in Hamburg über die Bühne ging, wurden erstmals mehr als zwei Dutzend Beatles-Songs von Original-Studiobändern im Mehrkanal-Ton abgemischt. An den Reglern saßen der inzwischen 80- jährige Beatles-Produzent George Martin und sein Sohn Giles. Sie experimentierten auch viel mit den bekannten Aufnahmen und bastelten Elemente verschiedener Songs mit zum Teil überraschendem Ergebnis zusammen.

"Love" besteht aus einer CD mit dem Stereo-Ton und einer DVD mit der Raumklang-Version. Die CD klingt fein mit dem sauberen Klang und den originellen Experimenten, man ist jedoch geneigt zu sagen: Ganz nett, aber keine Offenbarung. Es braucht schon die DVD mit ihrem räumlichen Sound und eine Kombination aus fünf Lautsprechern und Bass-Subwoofer, um zu verstehen, warum Paul McCartney die Scheibe schon mal werbewirksam als "magisch" bezeichnet hat.

Schlagzeug gepaart mit anwachsendem Lärm

Der erste Titel, "Because" als reine A-cappella-Version, mag noch nicht sonderlich spektakulär sein. Doch dann, zum Auftakt von "Get Back" bricht auf den Hörer ein bombastisches Klangpanorama nieder: Ein wuchtiges Schlagzeug gepaart mit einem anwachsenden Lärm, der an ein landendes Flugzeug erinnert. Die Anatomie dieser kleinen Passage ist beispielhaft für "Love": Ein Akkord aus "A Hard Days Night", dazu Ringos Schlagzeugsolo aus "The End" und das gewaltige Finale von "A Day In The Life", rückwärts gespielt. Man dachte sich halt, was ein gutes Ende war, müsste sich umgedreht auch am Anfang ganz gut machen, scherzen die Produzenten.

Mehr als eine Stunde lang füllt die Musik den ganzen Raum aus und man wundert sich immer wieder, wie es gelang, die nur mit vier bis acht Tonspuren aufgenommenen Songs so natürlich klingend in der Gegend zu verteilen. Da kommen Chor, Stimmen oder Klavier mal von hinten, mal von der Seite, das Klirren des Hi-Hat fliegt durch die Luft und Bass und Schlagzeug gewinnen dank dem Subwoofer schlicht an Fülle und die Songs an Drive. Wobei natürlich dass alles darauf fußt, dass die Beatles eben tolle Musik gemacht haben, die erstklassig aufgenommen worden war.

Eine Idee aus den 90ern

Die Idee für das Album wurde vor mehreren Jahren geboren, als sich der inzwischen gestorbene Beatle George Harrison mit dem Gründer des Cirque du Soleil, Guy Laliberté, anfreundete. Sie dachten sich eine Show zu Beatles-Musik aus, und George Martin, der in den 90er Jahren schon hunderte Stunden Studioaufnahmen für die "Anthology"-Reihe ausgewertet hatte, wurde mit dem Soundtrack dazu beauftragt. Er holte seinen Sohn dazu und die Arbeit begann noch im Jahr 2003.

Bei den Experimenten kamen zum Teil bizarre Kombinationen ganz im Geiste heutiger Internet-"Mash-Ups" heraus. Als Giles Martin auf die psychedelischen Sitar-Klänge von "Within You, Without You" das Schlagzeug aus "Tomorrow Never Knows" mischte, fühlte er sich nach eigener Bekenntnis "als würde ich der "Mona Lisa" einen Schnauzbart anmalen". Das Ergebnis auf dem Album klingt jedoch überraschend harmonisch und modern. Und wer hätte gedacht, dass Ringos Gesang aus dem frechen "Yellow Submarine" zu den rührseligen Streichern von John Lennons Gute-Nacht-Lied "Good Night" passen könnte. Außerdem gibt es da noch ein kleines Stück mit dem Namen "Gnik Nus". Richtig: Es ist "Sun King" im Rückwärtsgang. Bei "Strawberry Fields" oder "I'm The Walrus" entstanden praktisch eigenständige Versionen, die es mit den Originalen aufnehmen können.

Eine waghalsige Aktion

Die Vorgabe war von Anfang an, dass nur Teile von Beatles- Originalaufnahmen für das Album verwendet werden sollten. George Martin schrieb lediglich nach langem Zaudern einen zusätzlichen Streicher-Part für "While My Guitar Gently Weeps". Sein Sohn war überrascht, wie gut der Ton auf den zum Teil mehr als 40 Jahre alten Bändern noch ist.

Für die Deutschland-Premiere des Albums wurde die Hansestadt ausgesucht, wo die Beatles einst ihre Karriere begannen. In einer waghalsigen Aktion seilten sich Kletterer vom Dach des riesigen Bunkers am Heiligengeistfeld ab: Symbolisch mit leuchtend gelben und orangen Buchstaben auf dem Rücken, die vor der grauen Betonmauer des grimmigen Bauwerks die Worte "Love" und "The Beatles" bildeten.

Andrej Sokolow/DPA / DPA
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