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Live in London: Coldplay gegen Deutschland

Ein gutes Konzert dauert 90 Minuten: stern-Redakteur Hannes Ross besuchte das erste Konzert mit neuem Album in London - und erlebte währenddessen, wie Ballack einen Kreuzbandriss erlitt und Podolski wegen Schiedsrichterbeleidigung vom Platz flog. Wer hat gewonnen?

Von Hannes Ross

Man kann ja nicht alles im Leben haben. Schon klar. Nur manchmal stellt das Leben einen vor schwerwiegende Entscheidungen, die man nicht mal seinen schlimmsten Feind an den Hals wünscht: Deutschland oder Coldplay gucken. Wem schaue ich beim Spielen zu? Beide Teams spielen zur selben Zeit. Die einen in London, die anderen in Wien.

Ich entschied mich für Coldplay. Warum? Ganz einfach - die Mannschaftsleistung, der Spieleinsatz und die Leidenschaft, die Coldplay auf ihrer neuen CD "Viva La Vida" abgerufen hatten, war Weltklasse-Niveau. Dagegen waren die Deutschen gegen Kroatien wie eine gelangweilte Dorf-Kapelle, die nur ihre alten Standards runterdudelt. Natürlich hatte ich meinen Kumpel Holger zuvor strenge Anweisungen gegeben: jedes auffällige Spielereignis, also Tore, Fouls, Platzverweise, Elfmeter, mir sofort per SMS mitzuteilen.

20.56 Uhr

Kapitän Chris Martin kommt. Er trägt eine Art Zirkus-Direktor-Anzug. Eine Hose mit glänzenden Streifen und dazu ein schwarzes Jackett mit bunten Bändern um den Arm. Er hüpft auf einem Bein. Wie niedlich! Hunde wedeln mit dem Schwanz. Wenn Chris Martin sich freut, hüpft er auf einem Bein. Dazu singt er: "If you love me, won't you let me know". Das Publikum regiert verhalten. Aber immerhin, vorne links vor der Bühne nickt ein kleines schwarzhaariges Mädchen mit dem Kopf. Das ist Kelly Osbourne, die Tochter von Ozzy Osbourne.

Keine Meldung per SMS aus Deutschland. Spielstand Deutschland-Österreich Null-Null

21.32 Uhr

Schonend bringen Coldplay ihrem Publikum bei, dass sie jetzt nicht mehr die kleinen Geschwister von U2 sein wollen, sondern viel lieber die Kumpels von Radiohead. Nach jedem neuen Song - die übrigens alle großartig, sperrig und bombastisch klingen; produziert hat der Altmeister des Kunstrock Brian Eno - versöhnt Chris Martin seine Fans stets mit einer bekannten Wohlfühl-Nummer. Bei "In My Place" schwelgt das abgebrüht coole Londoner Publikum sogar kurzzeitig in purer Glückseligkeit. Statt Feuerzeugen werden jetzt aber filmende Handys geschwenkt.

Das Handy piept. Sie haben eine neue SMS empfangen: "Ballack Freitstoßtor! Ein Hammer! Im Stile von Roberto Carlo"

21.44 Uhr

Das mit dem Rock'n'Roll wird Chris Martin nie richtig lernen - und dafür muss man ihn einfach lieben. Mitten im Konzert schnallt er seine Gitarre ab, hebt sie in die Luft wie Moses die Steintafel mit den Zehn Geboten und für einen winzigen Augenblick wirkt es so, als würde er die Gitarre gleich auf den Boden in tausend Stücke zerschlagen... Doch dann legt er sie nur vorsichtig auf den Boden. Und schaut ein bisschen erschreckt über sich selbst.

Die Hiobsbotschaft per SMS aus Deutschland: "Ballack mit Kreuzbandriss verletzt, Podolski Rot-Karte für Schiedsrichter-Beleidigung und Österreich gleicht aus. Eins-Eins

Ausgerechnet jetzt spielen Coldplay auch noch ihren neuen Trauersong "Lost". Verhöhnen uns hier wieder einmal die Briten? Der Abend ist für mich gelaufen. Chris Martin erzählt auf der Bühne einen Fußballwitz: "Was macht ein England-Fan nachdem England die Europameisterschaft gewonnen hat? Er schaltet seine Playstation aus." Ist das die hohe Kunst der Ironie?

22.13 Uhr

Der letzte Song. "Fix You". Konfetti wird ins Publikum geschossen. Es herrscht Partystimmung. Die Coldplay-Fans liegen sich in den Armen. Keine andere Band kann so gut neue Lieder schreiben, die einem schon beim ersten Hören wie vertraute Melodien erscheinen, ohne dass irgendetwas wiederholt wird. Coldplay sind im Grunde ihres Herzen Volksmusiker. Lagerfeuer-Songs für Millionen.

Das Handy piept wieder: War nur Spaß, schreibt mein Kumpel Holger. Deutschland hat Eins-Null gewonnen

Coldplay und Deutschland gehen an diesem Abend beide als Sieger vom Platz.