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Massive Attack: "100th Window": Kreativzelle ohne Saft

Auf ihrem neuen Album liefern Massive Attack wenig Innovatives. Stattdessen verwaltet Robert Del Naja alias 3D mit einem mäßigen Album das Erbe der TripHop-Formation.

Die Erfinder des TripHop, Massive Attack aus Bristol, müssen zurzeit schwere Schelte einstecken. Das neue Album "100th Window" (Virgin/EMI) wiederholt aus Sicht vieler Kritiker lediglich alte Soundideen. Tatsächlich ist der britischen Kreativzelle für elektronische Musik zwölf Jahre nach dem Durchbruch ein wenig der Saft ausgegangen: Auf das "große neue Ding" wartet man vergebens, Massive Attack verwalten ihr Erbe. Doch es wäre voreilig, die vielschichtig produzierte Platte allein deswegen zu verreißen.

Stilprägendes Debüt

Mit ihrem Debüt "Blue Lines" schafften es Massive Attack 1991, ein ganz neues musikalisches Genre namens TripHop zu prägen, eine innovative Mischung aus zeitlupenartig geloopten HipHop- und Dub-Beats, kombiniert mit verstörender Sample-Technik und hauchzarten Gesangslinien. Zusammen mit Portishead blieben Massive Attack über Jahre hinweg die Vorreiter der britischen TripHop-Szene mit Sitz in Bristol. 1998 erschien das bis dato letzte Massive-Attack-Album "Mezzanine", das verstärkt mit Gitarrensounds experimentierte und sich weltweit gut drei Millionen Mal verkaufte.

"100th Window" ist ein Soloprojekt

Seither sind fast fünf Jahre verstrichen und in der Zeit ist aus dem Duo eine Ein-Mann-Show geworden. "Grant Marshal hat eine Art Urlaub gemacht, weil er ein Kind bekommen und ein neues Leben angefangen hat", berichtet Robert Del Naja alias 3D. Der 37-Jährige hat das vierte Album "100th Window" deswegen im Alleingang aufgenommen. Vier Lieder singt 3D selbst, als Co-Produzent fungierte wie gehabt Neil Davidge. Ebenfalls wieder mit von der Partie ist Horace Andy, der als Gast die Stücke "Eyerywhen" und "Name Taken" gewohnt hingebungsvoll singt, die eher belanglosen Kompositionen aber leider trotzdem nicht recht zur Geltung bringen kann.

Lichtblick Sinead O'Connor

Doch es gibt Lichtblicke: Eine bereichernde Verstärkung hat Del Naja sich mit Sinead O'Connor ins Boot geholt. Die helle Stimme der Irin kontrastiert 3D gekonnt mit der düsteren Stimmung des Albums und verleiht dem träumerischen "What Your Soul Sings" einen Zauber, der den Song zu einem Höhepunkt des Albums macht. Ebenso gut singt O'Connor auf der ersten Single "Special Cases".

Eher beunruhigend geriet "A Prayer for England": Unterlegt von nervös wummernden Basslinien singt O'Connor darin über Kindesmisshandlung - ein Schicksal, dass sie nach ihren Worten früher selbst erlitten hat ("Let not another child be slain"). 3D hält die Sängerin zu Recht für eine der großen Stimmen der Gegenwart, "mit unbedingtem Willen, ungefilterten Gefühlen und echtem Ärger in der Stimme", wie er sagt.

Eintönigkeit lädt zum Weghören ein

Negativ zu Buche schlägt die offenbar gewollte Eintönigkeit des Albums. Die Stücke unterscheiden sich in Tempo und Instrumentierung kaum voneinander - und verschmelzen daher beim Durchhören zu einem Soundbrei, der ungewollt das Weghören fördert. Das lang erwartete "100th Window" ist daher kein Schritt nach vorn für die Elektroniker, eher ein Fazit ihres bisherigen Schaffens.

Neues Album in Sicht

Für enttäuschte Fans ist jedoch Hoffnung in Sicht: Die Band arbeitet bereits an neuem Material und sammelt Songs für das nächste Album, das schon in zwölf Monaten erscheinen soll. Laut Plattenfirma gibt es Pläne, mit Tom Waits und Mike Patton (einst Faith No More) zusammen zu arbeiten. Vorher sind im Frühjahr Konzerte geplant. Am 1. und 2. Mai wird die Band im "Tempodrom" in Berlin auftreten und am 12. und 13. Mai im "Palladium" in Köln.

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