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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Saft Punk – das Getränkeregal als antifaschistischer Schutzwall

Micky Beisenherz und der AfD-Smoothie, den Edeka-Kunden niemals stehen lassen können werden.
Micky Beisenherz und der AfD-Smoothie, den Edeka-Kunden niemals stehen lassen können werden.
Edeka räumt Smoothie-Flaschen mit dem AfD-Logo aus dem Regal. Doch das Gegenteil von gut gemacht ist gut gemeint, findet stern-Kolumnist Micky Beisenherz. Die Kunden hätten abstimmen sollen.

Wenn Fruchtplempe bei Twitter trendet, dann weißt du: Nature is healing. Endlich geht es wieder um die wichtigen Dinge. Smoothies? Ernsthaft? Trinkt das noch wer? Haben sich vermutlich auch die Krawallschachteln von "True Fruits" gedacht und sich überlegt, mit welcher Aktion man möglichst schnell ein paar Flöze aus dem Erregungsbergwerk holen könnte.

Die Firma aus Bonn fällt seit Jahren als eine Art Boris Palmer der Lebensmittelindustrie auf. Folgerichtig haben sie ihre Flaschen mit den Namen der im Bundestag vertretenen Parteien versehen und auf die Rückseite Teile von deren Wahlprogramm gedruckt. Inklusive absichtlicher Fehler, damit der Kunde mitraten kann, was da wohl bewusst falsch etikettiert wurde. Politische Bildung aus dem Mixer quasi.

Bei Edeka wiederum liebt man zwar Lebensmittel, aber viel mehr noch "Vielfalt, Toleranz und die Förderung einer offenen Gesellschaft". Die Flaschen mit dem Akronym der gaulandschen Bimbespartei verschwanden, bevor sie den Weg in die Läden fanden. Natürlich nicht ohne das beifallerheischende Getöse. Man ist ja schließlich nicht nur im Wahlkampf, sondern immer auch im Wettbewerb mit Lidl, Netto und zirka 2000 Rewe-Citys allein in Köln-Ehrenfeld.

Edeka schickt AfD-Flaschen mit Werbegetöse zurück

"Danke für eure Lieferung. Die AfD-Flaschen haben wir aber nicht bestellt, die gehen wieder zurück. Rechts ist bei uns kein Platz im Regal", so prangt es auf den Kacheln, die prominent im Netz geteilt wurden. Das Getränkeregal als antifaschistischer Schutzwall.

Das ist Haltung. Das ist Klasse. Viele haben noch während sie dieses Bild in der Schlange vor der Kasse im Tengelmann auf dem Handy sahen, die Einkäufe fallen lassen, um umgehend in den Edeka zu rennen und dort als Kunde ihren Support zu zeigen. Logo, wenn die AfD aus dem Regal genommen wird, jubeln wir natürlich reflexhaft. Gut gemacht. Richtig so! Die Demokratie wird schon am Obststand verteidigt.

Leiiiiiiiiider zahlt das natürlich wieder komplett ein auf das Opfernarrativ der dauerbeleidigten Steppjackenfaschos. "Guckt mal, wie die mit einer demokratischen Partei umgehen! So ist es doch immer." Für Edeka ist es eine schöne Imagekampagne ohne größere Einbußen. Der durchschnittliche AfD-Wähler hat so viel Interesse an Smoothies wie am Arte-Abendprogramm oder Tino Chrupalla am Genitiv. Gute Gratis-Promo.

Die chronisch verhaltensauffällige Saft Punk-Truppe "True Fruits" freut sich ebenfalls. Hat diesmal sogar ohne sexistische Gags geklappt, den Kariesbooster zu bewerben. Wenngleich die Gilde der Werber dank dieser Aktion imagetechnisch wieder einmal einen Schaden erlitten haben dürfte, den sie nicht einmal mit einer Longboard- Kohorte im St.-Pauli-Hoodie wiedergutmachen könnten. Lange Gesichter an den Tischtennisplatten der Nation.

Die AfD freut sich - leider

"True Fruits" wird's nicht kümmern. Edeka freut sich. Und leider auch die AfD. Wie viel schöner wäre es gewesen, hätte man die AfD-Suppe nicht aus dem Regal geräumt, sondern im Gegenteil: Es wäre das einzige Produkt gewesen, das wie Blei im Regal bleibt, weil der Kunde es eben nicht will. Tja, blöd. Chance verpasst.

Wer sich wirklich ärgern darf, ist die FDP. Während die Flaschen der SPD rot sind oder die der Grünen grün, sind die Gläser der AfD ebenso gelb wie die der Liberalen. Bitter. Diese farblichen Kongruenzen dürften lediglich Kemmerich in Thüringen nicht weiter übel aufstoßen. Da haben die von "True Fruits" gepennt.

Hätte man da nicht ein paar Nüsse oder besser noch Kotzfrüchte schreddern können? Dann wär' das Zeug in dem Glas so braun gewesen wie die Texte drauf. So sind wieder einmal nur alle in ihrer Pose erstarrt. Und Weidels AfD wedelt sich einen von Mallorcas Palmen. Saftladen. True Frust.


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