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Muse-Frontmann über das neue Album "Drones": Matt Bellamy, die Drohnen und der Terminator

Muse ist eine der ultimativen Festivalbands. Ein Gespräch mit Matt Bellamy über Korrumpierbarkeit, trojanische Pferde und darüber, warum "Drones" eigentlich das Album zum neuen "Terminator"-Film ist.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Matt Bellamy, Frontmann der Rockband Muse

Matt Bellamy ist seit 20 Jahren Frontmann von Muse

Die erste Album-Single von "Drones" heißt "Dead inside". Dieses "Du bist innerlich tot" ist eine der ältesten Songzeilen der Popkultur. Was hat die uns heute zu sagen?

Sie haben Recht, das ist eine Konstante des Pop und Rock im 20. Jahrhundert. Das Album beschreibt eine persönliche Reise, die damit beginnt, sich selbst, die Hoffnung, den Glauben zu verlieren. Man arrangiert sich damit, innerlich tot zu sein, was den Menschen verletzlich macht, manipulierbar, so dass er wiederum andere verletzt. Dann entdeckt er seine innere Kraft und geht als gestärkter Charakter daraus hervor, indem er die Liebe wiederfindet. Es geht darum, dass Menschen Gefühle zulassen müssen. Das Gesamtthema des Albums ist politisch, deshalb der Titel "Drones" (Drohnen). Die Idee dazu kam von einem Buch, das ich gelesen habe, über Amerikas Drohnen-Krieg. Von 2000 bis 2010 sind in Afghanistan und Pakistan Tausende Menschen gestorben. Ich war beeindruckt, wie gängig und wie einfach es ist, so zu töten.

Mit dem Joystick.

Genau. Das ist echt düster. Und ich wusste nicht, wie involviert (US-Präsident) Obama ist. Er steht hinter dem Drohnenkrieg. Weil er angeblich präziser und effektiver ist. Diese Worte finde ich problematisch. Denn mit Präzision, Effektivität, mit maschinenartigem Verhalten verabschiedet sich die Menschlichkeit, das Mitgefühl. Und als nächstes wollen sie die Drohnen mit künstlicher Intelligenz ausstatten, so dass die Maschine selbst entscheiden kann zu töten...

Skynet (das tödlich-intelligente Maschinennetz im "Terminator") ist längst da!

Das ist es. Und Obamas Entschuldigung, Präzision und Effizienz, stimmt nicht: Es werden genauso viele unschuldige Menschen getötet wie bei jedem anderen Bombensystem. Was wirklich dahinter steckt ist doch eine Art Feigheit: Beim Akt des Tötens mehrere Leute dazwischen zu stellen.


Aber auch das hat Tradition. Denken Sie an Henker in den USA. Drei drücken den Knopf, damit keiner weiß, wer getötet hat.

Ja, das stimmt. Aber da gibt es eine Verbindung. Die Drohne repräsentiert für mich die Evolution der gesamten Technologie des 20. Jahrhunderts. Und die tötende Drohne ist der Punkt, an dem es kippt. Es reicht. Das geht nicht nur einen Schritt zu weit, es ist sogar möglich, dass die Entwicklungen des 20. Jahrhunderts mehr Schlechtes als Gutes hervorgebracht haben. Ich habe eine Theorie: Im Moment schätzen wir Präzision und Effizienz zu sehr, dass wir geradezu psychopathisches Denken honorieren. Also Denken, bei dem andere Menschen egal sind. Auf den höchsten Wirtschafts- und Politikebenen haben die Leute mit dem größten Erfolg zuweilen ähnliche Charakterzüge wie Psychopathen. Der Grund dafür, dass wir diese Leute bevorzugen – so geht meine Theorie – ist unsere Bewunderung für die Technologie. Eine Maschine kann 100 Autos viel schneller herstellen als Menschen es könnten. Ein Computer kann den Verkauf von Währungen viel schneller und genauer berechnen als ein Mensch. Deshalb haben wir uns daran gewöhnt zu denken, dass Effizienz und Präzision toll sind. Deshalb finden wir Menschen toll, die sich wie Maschinen benehmen. Und deshalb meinen wir, diesen Menschen müssten wir die meiste Macht geben. 

Entschuldigung, aber Sie arbeiten doch auch für diese Maschinen-Menschen.

Vertraglich gesehen wirklich nicht.

Aber Muse ist da, wo SIe sind, weil jemand mit Ihnen Geld verdient.

Ich verstehe, was Sie meinen. Sehen Sie, Filme wie "V for Vendetta" oder "Apocalypse Now" oder Stanley Kubricks Filme...

Den Sie auf dem Album auch zitiert haben...

Ich verehre ihn! Er ist der Größte. Es geht doch um Kunst, und das Ziel ist hoffentlich, die Menschen zum Nachdenken zu bringen. Ich kann mit 100-prozentiger Sicherheit sagen, dass niemand aus der Wirtschaftswelt Einfluss auf den kreativen Prozess bei uns hatte. Null! Der Grund ist, dass wir früher nur bei kleinen unabhängigen Labels unter Vertrag waren. Niemand hat uns reingeredet. Und als wir mit dem vierten Album zu Warner gekommen sind, waren wir schon mächtig genug, einen Vertrag auszuhandeln, der uns völlige Autonomie sichert.  

Es geht mir weniger um den kreativen Einfluss, denn darum: Wenn man sich das Geschäft mit der Popkultur anguckt, gibt es Leute, die die Kraft von Authentizität kennen und sie verkaufen. Meine Frage ist, wie Künstler mit diesem Dilemma klarkommen. Natürlich will man so viele Menschen wie möglich erreichen, aber dazu braucht man am Ende den Typen mit dem Maschinendenken.

Ja, aber es ist wie das Trojanische Pferd.

Sie, der Künstler, sitzen im Trojanischen Pferd?

So lange das, was drin ist, integer ist und nicht beeinflusst wird, sobald es bei den Menschen ankommt, wenn es ihnen wie bei diesem Album den Anstoß gibt, für sich selbst zu denken, immuner zu werden gegen Einflüsse von außen, funktioniert das Trojanische Pferd. Darum geht's.

Haben Sie das Trojanisch Pferd jemals in Frage gestellt?

Ich glaube, wir sind in der ultimativen Position, wo wir völlige künstlerische Freiheit und die Möglichkeit haben, mit einer großen Anzahl von Menschen zu kommunizieren. Als Künstler ist das die beste Position.

Muse gilt als DIE Festival-Band. Was ist das Verrückteste, was Ihnen je auf einem Festival passiert ist?

2000 haben wir in Moskau gespielt, auf dem "Stunt-Festival". Ich dachte, es wäre ein Rockfestival und habe nicht begriffen, dass wir tatsächlich auf einem Stuntmen-Festival sind, bis wir auf der Bühne standen und Motorräder um uns herum bretterten, Akrobaten durch die Gegend flogen und Trucks kollidierten.


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