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Musical über sozial Schwache: Singen im Hartz-Viertel-Takt

Warum immer nur Löwen, Katzen oder Phantomen, dachte sich Autor Erik Gedeon und schrieb ein Musical über Hartz-IV-Empfänger. Das Sozial-Singstück hatte am Freitag in Dresden Premiere.

Passen das Genre Musical und das Thema Arbeitslosigkeit zusammen? Autor Erik Gedeon ist davon überzeugt. Mit "Hartz IV - Das Musical" erlebte am Freitagabend im Dresdner Schauspielhaus ein Stück seine Uraufführung, das sich diesem sensiblen Thema widmet. Wenige hundert Meter entfernt drehten sich illustre Gäste in Smoking und großer Robe zu Walzerklängen in der Semperoper beim ersten Opernball seit 67 Jahren. Während hier die Karten von 200 bis 1200 Euro kosteten, kamen Hartz IV-Empfänger zum Symbolpreis von einem Euro ins Schauspielhaus.

"Lachen, wenn es nicht so traurig wäre"

Die Szenerie ist trist in einem Arbeitsamt irgendwo in Deutschland: Graue Wände, eine vertrocknete Grünpflanze, eine Informationstafel ohne Informationen und an der Wand eine Uhr, die schon lange steht. Sieben Menschen starren auf die Nummernanzeige, die sie aufrufen soll. Dazu erklingen Melodien aus berühmten Musicals von "Cats" über "Phantom der Oper" und "Jesus Christ Superstar" bis zur "West Side Story". Das Publikum nimmt das abstruse Geschehen mit Beifall auf. "Man könnte darüber lachen, wenn Arbeitslosigkeit nicht so traurig wäre", sagt eine Frau. Ihr Begleiter ergänzt: "Ich muss das erst verarbeiten."

"Chor der Arbeitslosen" in Hauptmannscher Tradition

Das Theater kam bereits 2004 mit der umstrittenen Inszenierung von Gerhart Hauptmanns "Die Weber" in die Schlagzeilen. Darin machten Hartz IV-Empfänge als "Chor der Arbeitslosen" ihrer Wut über die Politik Luft. Nach wenigen Aufführungen wurde die Inszenierung verboten, später wurden Stellen gestrichen oder geändert. "Auch ich habe Angst vor Arbeitslosigkeit und mache mir Sorgen um meine Existenz", gibt Musical-Autor und Regisseur Gedeon, Jahrgang 1963, zu. Er wolle zeigen, was das für den einzelnen bedeute, sagte der freischaffende Künstler und frühere künstlerischer Leiter am Thalia Theater Hamburg.

Soziale Autisten zur Untätigkeit verdammt

Die Menschen auf der Bühne sind zur Tatenlosigkeit verdammt, keiner nimmt mehr Anteil am Schicksal des anderen. Da kann sich eine Frau in Wehen auf dem Boden krümmen oder ein junger Mann eine um die andere Waffe aus der Tasche ziehen. Ein anderer schlägt seine Frau, alle wenden sich beim penetranten Geruch eines Penners ab. Ein eisiger Hauch weht über die Bühne. Erst Musik bringt die Menschen zusammen.

Musikalische Untermalung ein Potpourri aus bekannten Musical-Melodien

Bedenken, ein so ernstes Thema mit Songs aus berühmten Musicals zu verbinden, weist Gedeon zurück. "Musik gehört nicht nur in die schönen Tempel der Künste, sondern auch an den Abgrund", sagt er. "Das ist das Merkmal von Hartz IV: Man lebt von dem Rest." Deshalb habe er keine neue Musik geschrieben. Lachen erscheint ihm da als Tabubruch. "Musicals in Deutschland sind bislang nur von Katzen, Löwen und Rollschuhfahrern auf Luxuslinern bevölkert", sagt er. Es sei an der Zeit, auch Arbeitslose auf die Bühne zu bringen.

Lachen als Kraftquelle

Dramaturg Stefan Schnabel, der auch für die "Weber" verantwortlich zeichnete, sieht hier die Situation der Protagonisten aussichtsloser und verzweifelter. "Lachen und Singen steigert aber die Widerstandskräfte", meint er. Für Gedeon ist es kein Stück mit politischer Botschaft. "Ich habe auch nicht den Hauch einer Illusion, politisch etwas bewegen zu können." In der Abschlussszene reicht einer der Darsteller einer Schauspielerin zumindest einen wärmenden Handschuh - eine Geste für aufkeimendes Verständnis und Zusammengehörigkeitsgefühl am Rand der Katastrophe, die Arbeitslosigkeit bedeutet.

Gudrun Janicke/DPA / DPA
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