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Neues von Aggro Berlin: Deutsche Gangsta-Wertarbeit

Schon sein Album "Neue Deutsche Welle" hat dem Rapper Fler Protest eingebracht. Viele stellten ihn wegen Nationalstolz und Adler in die Nazi-Ecke. Nun ist "Fremd im eigenen Land" erschienen - mit Tracks wie "Deutscha Bad Boy". Im ausländerarmen Berlin-Hellersdorf gab Fler die erste Autogrammstunde.

Von Johannes Gernert

Sie haben einen interessanten Bezirk für die erste Werbeaktion ausgesucht. "Fremd im eigenen Land" heißt das neue Album des Rappers Fler, das beim Label Aggro Berlin erschienen ist. Ein paar hundert Exemplare davon unterschreibt er in einer Einkaufspassage in Hellersdorf. In kaum einem anderen Teil Berlins ist der Ausländeranteil so gering wie in den klotzigen Plattenbauten im Nordosten der Stadt. Fler inszeniert sich eigentlich gern als einziger Deutscher unter Migranten-Kumpels. Das hat er schon vor drei Jahren auf seinem Album "Neue Deutsche Welle" getan. Weil er dabei nicht nur mit Nationalstolz, sondern auch mit Frakturschrift und verfremdeten Hitler-Zitaten operierte, gab es einige Proteste. Bei der nächsten CD hat er auf solche Promo-Provokationen verzichtet - prompt hielt er sich nicht ganz so lange in den Charts.

Das neue Album heißt nun also "Fremd im eigenen Land", die erste Single dazu "Deutscha Bad Boy" und ein Track "Ich bin Deutscha". Im ausländerarmen Hellersdorf dürfte es einige junge Rechte geben, die so einen Refrain gerne mitgrölen. Vor der kleinen Bühne ist allerdings nur eine Glatze zu sehen: die eines Security-Mannes.

Das Label Aggro selbst hat vier Sicherheitsleute mitgebracht. Sie stehen in Lederjacken vor den Metall-Gittern und schauen fast noch ein wenig nervöser, als es Bodyguards ohnehin schon immer tun. Die Teenies mit Trucker-Caps und weiten Hosen stehen über die Rollentreppen bis ins Foyer hinunter Schlange.

"Hauptsache, der Rubel rollt"

Ende vergangenen Jahres ist Fler nach einem Auftritt bei MTV mit einem Messer angegriffen worden. Die Polizei ermittelt noch. Auch vor der Hellersdorfer Einkaufspassage stehen einige Einsatzwagen. Wo Rapper sind, scheint in diesen Tagen der Ärger nicht weit. Auf "Fremd im eigenen Land" ist Massiv vertreten, der erst kürzlich in Berlin angeschossen wurde. "Geb' euch das Ghetto in 'ner Kugel verpackt", reimt er darauf angesichts des aktuellsten Vorfalls seltsam treffend. Fler selbst liefert zu den Beats des renommierten DJ Desue deutsche Gangsta-Wertarbeit. Er rappt eine Liebeserklärung an eine Frau, eine an den Alkohol. Die hat sogar so etwas wie eine Story und einen irgendwie ansprechenden tristen Witz: "Und ich lauf und ich lauf, vielleicht nicht immer geradeaus."

Nicht ganz so bekömmlich ist die zweispurige Koksline: "Mein Stoff ist der feinste, der weiße, der reinste." Die nämlich versteckt sich im Track "Ich bin Deutscha". Der Refrain lautet dann: "Ich bin stolz auf, was ich bin, denn ich hab' Identität". Es wäre jetzt durchaus spannend, etwas darüber zu erfahren, was genau für den 1982 geborenen Patrick Losensky alias Fler diese Identität genau ausmacht, die ihm offensichtlich so wichtig ist. Schon in den Zeilen um den Refrain herum allerdings präsentiert er in etwas wirren Fetzen nur die üblichen Gangsta-Ghetto-Fantasien aus der "Ich-fick-deine-Mutter-Stadt", wie er Berlin nennt. Das hört sich inhaltlich genauso an wie bei seinem ehemaligen Kumpel Bushido, dem derzeit erfolgreichsten deutschen Rapper, mit dem sich Fler irgendwann zerstritten hat. Es klingt auch sehr ähnlich. Wer da nun von wem abkupfert, ist gar nicht so sehr die Frage.

Was aber ist das spezifisch Deutsche an Fler, wenn alles, was er uns mitzuteilen hat, klingt wie bei den Kollegen Migranten, von denen er sich doch angeblich abgrenzen will? Ohne Inhalte verkommt diese Identität zur hohlen Verkaufsphrase, über die sich nicht einmal streiten lässt. In dieser Hinsicht ist Fler ganz offen: "Ich bin deutsch, bin drauf stolz/ Leute sagen, ich bin Proll/ Leute sagen, ich bin Nazi/ mir egal, sagt, was ihr wollt/ Hauptsache, der Rubel rollt."

Die antirassistische Musikervereinigung Brotherskeepers, die ihn schon für sein Album "Neue Deutsche Welle" kritisiert hatte, versteht die aktuelle CD deshalb als "gezielte Provokation", die bestenfalls Bankkonten füllt. Bei diesem Album erstmals auch die des Majorlabels Universal, mit dem Aggro Berlin seit kurzem kooperiert. Das Label hat seine Stereotyp-Strategie längst optimiert. Die unterschiedlichen Aggro-Rapper wirken wie ein Comicfiguren-Kabinett. Sido: das "superintelligente Drogenopfer", der sympathisch Durchgeknallte. B-Tight: Der "Neger, Neger", so heißt sein Album, mit Riesenglied und dicken Eiern. Und eben Fler: der Deutsche, ein "Deutscha Bad Boy". Neben ihm auf der Hellersdorfer Autogrammbühne schließlich sitzt breit und glatzköpfig einer der neuesten Aggro-Zugänge: Joe Rilla, Plattenbau-Ossi und selbsternannter Hooligan, Albumtitel: "Auferstanden aus Ruinen".

High? Oder Heil?

In den entscheidenden Augenblicken verstehen es die Aggro-Verantwortlichen dann exakt so scharf an den Grenzen von Rassismus und ungesundem Nationalismus entlang zu schrammen, dass es zwar jeder mitbekommt, ihnen aber keiner so richtig etwas nachweisen kann. Reiner, weißer Stoff? Arier? Und diese Rufe im Hintergrund, sowohl bei "Deutscha Bad Boy" als auch bei "Ich bin Deutscha", klingen wie "high"? Oder wie "Heil"? In Onlineforen wird darüber hitzig gestritten. Schon seit MTV das Video zu "Deutscha Bad Boy" vor ein paar Wochen nicht in die Rotation nahm, wird im Netz diskutiert. Aggro stellt unterdessen völlig klar: "Fler fickt die NPD".

Ein Rentner in schwarzer Lederjacke ist beim Promo-Termin in Hellersdorf auch da. Warum er sich das Album gekauft hat, will er nicht sagen, als er am Stock davon humpelt. Es sei jedenfalls für ihn selbst.