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New Order: Schuften für die Lässigkeit

Im 25. Jahr ihres Bestehens veröffentlichen New Order mit "Waiting For The Sirens' Call" ein neues Album - und wirken dabei noch immer bemerkenswert frisch.

Das Geheimnis dauerhaften Erfolgs ist harte Arbeit. Diese unromantische Weisheit scheint einem Ratgeber für junge Karrieristen zu entstammen, doch ausgesprochen hat sie dieser Tage Bernhard Sumner. Der 49-jährige Sänger und Gitarrist der Popband New Order hat in seiner über 25-jährigen Karriere gelernt: Für die musikalische Originalität, die einem in jungen Jahren zufliegt, muss man im Alter schuften. Die Früchte der jüngsten Anstrengung präsentiert das britische Quartett auf seinem neunten Studioalbum "Waiting For The Sirens' Call".

Gewaltiges Gesamtwerk

Bis heute ist der New-Order-Sound, eine Fusion aus Disco-affinen Rhythmen, New-Wave-Synthieklängen und britischem Gitarrenpop einzigartig und in seiner Lässigkeit unerreicht; der größte Hit "Blue Monday" füllt bis heute jede Tanzfläche. Eigentlich könnten sich Sumner, der 49-jährige Bassist Peter Hook, der 47-jährige Schlagzeuger Stephen Morris und der für die Keyboarderin Gillian Gilbert neu in die Band gekommene 29-jährige Phil Cunningham daher auf die Verwaltung des musikalischen Erbes beschränken. Einen Eindruck vom gewaltigen Umfang des Fundus vermittelte etwa die 2002 erschienene 4-CD-Box "Retro" mit 56 Titeln.

Doch ähnlich wie Robert Smith und seine Band The Cure oder das Pop-Duo Pet Shop Boys weigern sich New Order, die 1980/81 aus der legendären Wave-Rock-Formation Joy Division hervorgegangen sind, beharrlich, sich auf den Lorbeeren früherer Tage auszuruhen. Schuld ist laut Sumner ein "kreativer Instinkt", der ihn seit seiner Kindheit antreibt und den er im im Musikmagazin "Intro" so umschrieb: "Dinge zu erschaffen, Musik zu machen; etwas hervorzubringen, das schön ist und die Menschen bewegt."

Tanzbarkeit und emotionale Tiefe

Bewegend wirkt die Musik der alten Haudegen seit jeher auf zweierlei Weise. Zum einen legen New Order auch beim neuen Album einen starken Akzent auf die Tanzbarkeit, wie etwa der Song "Hey Now What You Doing" zeigt oder auch das Stück "Jetstream", bei dem die Sängerin der Scissor Sisters, Ana Matronic, mitsingt. Zum anderen schaffen es New Order immer wieder, trotz des Einsatzes von Elektronik, ihren Liedern eine emotionale Tiefe zu geben, wie man sie oft nur von "handgemachter" Musik kennt. So umweht etwa den Opener "Who's Joe?" trotz seines flotten Tempos unverkennbar eine melancholische Schwere.

Zu Musik mit Gefühl bekennt sich Sumner freimütig: "Das Wichtige an New Order sind nun mal Herz und Seele. Wenn etwas zu sehr nach einer Wiederholung oder Pastiche klingt, ist es nicht gut genug." Diese Haltung, an die sich das neue Bandmitglied Phil nach eigenen Worten erst gewöhnen musste, hat zur Folge, dass beim Songwriting viele Ideen schon deshalb ausscheiden, weil sie zu sehr nach New Order klingen.

Kreativer Ausbruch als Grundlage für weiteres Album

An brauchbaren Ideen herrschte während der sieben Monate dauernden Arbeit an dem Album aber glücklicherweise kein Mangel. Statt der benötigten elf schrieb das Quartett 18 Songs - ein Novum, das Sumner als überraschenden "kreativen Ausbruch" erlebte, denn normalerweise schreibt die Band immer genau so viele Songs, wie sie für ein Album braucht. Nach seinem Eindruck sind "die übrigen sieben Songs so stark, dass sie vielleicht die Grundlage für ein weiteres Album bilden." Eine Fortsetzung der schier unendlichen New-Order-Geschichte ist also in Sicht.

Wie stark der Einfluss von New Order auf die heutige Musikszene auch heute noch ist, zeigt das Beispiel der US-Band The Killers, die sich nicht nur musikalisch an die legendäre Band anlehnt: 2002 gegründet, haben die Killers sich ihren Namen aus dem Video von New Order zu "Crystal" entlehnt: Darin trat eine offenbar perfekte Band mit einem großartigen Song, hervorragendem Aussehen und der Jugend auf ihrer Seite auf, die sich The Killers nannte.

Live-Termine:

10.06. Hurricane-Fesival in Scheeßel
11.06. Southside (Neuhausen op Eck)
03.07. Rock Werchter (Belgien)

Torsten Holtz/AP / AP
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