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Norwegische Band Kvelertak: Die härteste Versuchung seit A-ha

Sehr hart und sehr erfolgreich: Kvelertak ist eine der größten norwegischen Bands seit A-ha. Zu den Fans des explosiven Metal-Punk-Gemischs zählt sogar die norwegische Kronzprinzessin.

Ein Musiktipp von Ingo Scheel

Das war schon wirklich besonders", grinst Sänger Erlend und Gitarrist Vidar, wegen eines Sturzes auf der Australien-Tour knieverletzt an Krücken, pflichtet ihm bei: "Unsere Altvorderen waren ja zuweilen mal kritisch wegen dieser derben Band, in der wir spielen. Aber die Royals beim Auftritt. Hier schaut mal, Mette-Marit und Haakon hören Kvelertak. Meine Großeltern waren sehr stolz."

Stolz in der Heimat, Euphorie, aber auch Verwunderung im Rest der Welt. Das norwegische Prinzenpaar beim Konzert einer Band, die in ihren Videos Köpfe rollen lässt, die Zombies und metzelnde Wikinger durch die Fjorde jagt oder sich auch einmal von Kindern doubeln lässt? Gepeikert bis in den Augenwinkel, einem Sound fröhnend, der in seinen derbsten Momenten einer Kreissäge gleichkommt, die durch Scherben und Metall fräst. Darüber das kreischende Organ von Erlend Hjelvik, der auf Norwegisch (!) alte Sagen zitiert. Ihr Wappentier eine Eule, deren ausgestopftes Exemplar Hjelvik Abend für Abend zum Show-Opener "Apenbaring" auf dem Kopf trägt. Wie konnte das passieren?

Kvelertaks Erfolgsstory liest sich so klar wie die Abendluft ihrer Heimatstadt Stavanger. Ein erstes Demotape verschafft ihnen lokale Aufmerksamkeit, mit den Shows wächst das Interesse der Plattenfirmen. 2010 erscheint das selbstbetitelte Debüt und lässt Kinnladen nach unten klappen. Der Siegeszug beginnt.

"Es muss zuerst uns Spaß machen"

Einen solch kruden Stilmix hatte es bis dato noch nicht gegeben. Hier standen plötzlich Black-Metal-Passagen gleichberechtigt neben hymnischen Punk-Refrains, feierten die Twin-Guitars etwa von Thin Lizzy ebenso fröhliche Urständ wie weiträumige Westcoast-Riffs, an Größen wie Boston gemahnende Melodiebögen, Honky-Tonk-Pianos und AC/DC-Updates - Kvelertak (norwegisch für Würgegriff) machten plötzlich alles möglich.

Erlend und Leadgitarrist Bjarte Lund Rolland kennen sich bereits aus Schulzeiten. "Ich spielte erst Keyboard in einer Coverband, wir coverten Songs von Metallica, Dire Straits und Jerry Lee Lewis", erinnert sich der Mann mit dem Sauerkrautbart. "Später hatten Bjarte und ich eine Band. Wir nannten uns Abbadon. Und lösten uns nach dem ersten Gig auf." Die nächste Zusammenarbeit sollte längerfristig und vor allem erfolgreicher werden. Die Band ist zu sechst, gleich drei Gitarren bilden den Nukleus. Die Songs stammen größtenteils aus der Feder Rollands. Hat er einen Masterplan? "Bjarte denkt immer nur im Kontext des ganzen Songs. Es muss heavy sein, es muss rocken. Aber ebenso unverzichtbar ist die Catchyness", so Hjelvik. "Es muss uns Spaß machen, die Songs zu spielen. Das ist erstmal das Wichtigste. Alles andere ergibt sich", ergänzt Vidar.

Die Kronprinzessin ist begeistert

Und wie es sich ergibt. Dave Grohl überreicht ihnen die erste Goldene Schallplatte, Metallica, einst gecovert, outen sich als Fans. Als Drummer Kjetil auf US-Tour ausfällt, springt Jay Weinberg, der Sprößling des legendären Springsteen-Drummers, ein. Das britische Magazin "Kerrang" bezeichnet sie als die beste norwegische Band seit A-ha. Kein Wunder, dass die Kronzprinzessin zu "Metal-Marit" mutiert.

Dabei sind die Shows des Sextetts der entscheidende Baustein des Kvelertak'schen Konstrukts. "Ihr kennt alle den Moment, wenn ein Konzert den rotglühenden Bereich erreicht?" fragt Blogger und Musiker Philipp Wolter in einem Beitrag über die Band, und hat die Erklärung parat: "Kvelertak schaffen es bei ihrem Auftritt, diesen Moment auf das gesamte Konzert auszudehnen." Das ist ebenso treffend wie schweißtreibend. Kvelertak-Shows setzen in Sachen Schub neue Maßstäbe, ihre Shows sind Rock‘nRoll in seiner puren Essenz.

Konzertverlegungen wegen großer Nachfrage

Und den Schub nehmen die Norweger auch für das zweite Album mit ins Studio. Wiederum dreht Curt Ballou (Converge) an den Reglern, "Meir" (dt. für ,Mehr‘) nennen sie die Platte, die in ihrer Heimat Norwegen schließlich Platz eins der Charts erreicht. Und ihren Fankreis auf der ganzen Welt noch einmal vergrößert. Nach einer Clubtournee im Frühjahr und diversen Festival-Shows kommen die Norweger jetzt für eine weitere Handvoll Shows in hiesige Clubs. Auf der nächsten Tour dürften die Hallen erneut eine Nummer größer werden, zuletzt mussten wegen zu großen Andrangs bereits Konzerte verlegt werden.

Ein drittes Album unter der Ägide Ballous ist dabei jedoch unwahrscheinlich, so erfolgreich das Ergebnis auch war. "Vielleicht machen wir etwas ganz anderes beim nächsten Mal", deutet Vidar an und schaut im Dressing Room der "Großen Freiheit" zu Hamburg etwas frustriert auf seine Krücken. Am Abend bringen Kvelertak im Rahmen des Reeperbahnfestivals ihre Beinah-Schon-Klassiker unters Volk, am Horizont zeichnen sich jedoch bereits Perspektiven ab. "Wir haben schon neue Riffs parat, spielen einen komplett neuen Song", so Vidar. Hank Shteamer von Pitchfork.com wagt einen Ausblick: "Das Album 'Meir' ist noch nicht ihr Opus Magnum, aber ein klarer Indikator dafür, dass es das nächste oder übernächste sehr wohl sein könnte."

Nicht auszudenken, was passiert, sollten die Norweger in der Lage sein, noch eine Schippe draufzulegen. Es bleibt spannend unter den Schwingen der Eule.