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Postpunk-Dokumentation: Ein popkultureller Glücksfall

Mit den Sex Pistols sorgte John Lydon alias Johnny Rotten Ende der 70er für Aufsehen. Die interessantere Musik machte er, wie viele seiner Altersgenossen, erst danach: Postpunk. Der Musikjournalist Simon Reynolds schildert diese Zeit in seinem Buch "Rip it up and start again".

Von Julian Weber

Punk hat der englische Musikjournalist Simon Reynolds verpasst. 1976 war er gerade 13 Jahre alt. Als die Sex Pistols erst London und dann die ganze Welt mit brachialen Rock'n'Rollsongs und furchterregendem Aussehen in Aufruhr versetzten, besuchte Reynolds eine Schule in Herfordshire, tief in der englischen Provinz. Seine Leidenschaft galt damals der Science-Fiction-Literatur. Zwei Jahre später, die Punkexplosion war schon verpufft, entdeckte Reynolds die Zukunft der Popmusik in Gestalt der Band Public Image. "No Future" sangen die Sex Pistols. Nach ihrer Auflösung hatte Pistols-Sänger John Lydon mit Public Image Limited (PIL) aber doch einen musikalischen Neuanfang gewagt.

"Das Public Image gehört mir", kräht er wütend, begleitet von schneidenden metallischen Gitarrenakkorden und einem schmatzenden Bass, der seine Tiefe vom Reggae ausgeborgt hat. Bis heute sorgt Lydons Punkphase zwar für große Schlagzeilen, die interessantere Musik machte er jedoch, wie viele seiner Altersgenossen, zwischen 1978 und 84, in der Ära des Postpunk. Über diese bislang wenig dokumentierte Zeit hat Simon Reynolds ein faszinierendes Buch geschrieben. Es heißt "Rip it up and start again. Schmeiß alles hin und fang neu an. Postpunk 1978 - 1984" und erscheint jetzt auch in deutscher Fassung.

Musik, zum Greifen nah

Der Autor bezeichnet dieses halbe Jahrzehnt am Ende der Siebziger als popkulturellen Glücksfall. Denn die Musik, so Reynolds, sei damals zum Greifen nah gewesen. Woche für Woche erscheinen Platten immer neuer, unbekannter Bands. DJs wie der legendäre John Peel präsentieren sie im Radio und die englischen Musikmagazine, die sogenannten "Weeklies" NME und Melody Maker, heizen die Stimmung mit informativen Storys zusätzlich an.

Musiker und Plattenfirmenbesitzer kommen zu Wort

Weil damals so Vieles gleichzeitig passierte, hat Reynolds die Geschichte des Postpunk auch nicht chronologisch nacherzählt, sondern getrennt nach Städten und Szenen, nach Plattenfirmen und Subgenres gegliedert. Und doch behält er immer den Überblick und schildert lebendig und anschaulich, auch für Leser, die die Zeit gar nicht selbst mitbekommen haben. Denn Reynolds hat mit mehr als 120 Gewährsleuten des Postpunk gesprochen. Musiker, Plattenfirmenbesitzer und Konzertveranstalter berichten teilweise überhaupt zum ersten Mal über ihre Motive, beschreiben Höhenflüge, aber auch Niederlagen. Ihre Aussagen sind für "Rip it up" zentral. Die Übersetzung von Conny Lösch trifft den richtigen Ton und ist umsichtig.

"Die Idee des Postpunk war, dass man Gewohnheiten durchbrechen, von eingefahrenen Wegen abkommen und neue Bereiche erforschen musste." (Keith Levene, Public Image Ltd.)

"Im Postpunk änderten sich durchschnittlich alle ein, zwei Jahre die musikalischen Vorzeichen. Sobald sich Bands mit düsterem Sound durchzusetzen begannen, fingen andere an, extrem fröhlich und poppig und romantisch dagegen anzusingen", erklärt Simon Reynolds. Für Popfans bleibt Ende Siebziger also gar keine Zeit, sich mit der Vergangenheit und den Dinosauriern des Rock auseinanderzusetzen. Heute ist es dagegen genau umgekehrt. Selbst junge Bands, wie die Strokes oder DFA beziehen sich musikalisch und stilistisch auf die Geschichte des Postpunk, und die Wiederveröffentlichung auch von Alben aus jenen Jahren ist für eine Musikindustrie im Zeitalter der schwindenden Umsätze oft die einzig ertragreiche Einnahmequelle. So visionär wie noch der Postpunk klingt heute freilich kaum noch ein Künstler. Das findet auch Simon Reynolds, der dem Retrophänomenen eher kritisch gegenübersteht. Inzwischen lebt er in New York, wo er als freier Journalist arbeitet. Die Jahre des Postpunk seien für seinen Musikgeschmack sehr prägend gewesen, gesteht der Engländer, deshalb tauchte er beim Schreiben von "Rip it up" auch tief in seine eigene Geschichte als Musikfan ein.

Postpunk ist eine stilistische Reaktion gegen das, was vorher war, erklärt Simon Reynolds. "Er reagiert auf Punk, korrigiert ihn, komplettiert ihn, folgt seiner Logik und vollführt sich dabei selbst." Wie der englische Autor auf mehr als 500 Seiten akribisch herausarbeitet, spielt dabei vor allem die Black Music eine maßgebliche Rolle. Punk ist bei aller Rebellion ein rein "weißes" Phänomen, in dem sich junge Engländer und Amerikaner aus der Mittelklasse hervortaten. Man bedient sich stilistisch beim harten Rock'n'Roll und Beat früherer Musikepochen, während Postpunk sich von den Ende der Siebziger gängigen Stilen Reggae, Funk und Disco inspirieren lässt.

Je mehr sich Postpunk für andere Genres öffnet, desto unterschiedlichere Gesellschaftsschichten beginnen sich auch für die jungen Musiker zu interessieren. Postpunkhits waren Ende Siebziger auch in den Clubs der Afroamerikaner beliebt. Die New Yorker Postpunkszene jener Tage ist integriert. Musiker wie Blondie oder die Talking Heads treten zusammen mit der Funkband Chic und den ersten Rappern auf, auch in England produziert der schwarze Reggaeproduzent Dennis Bovel 1979 ganz selbstverständlich die weiße Frauenband The Slits.

Aus dem Durcheinander entsteht futuristische Musik

"Postpunk ist in der Bohème verwurzelt", so Simon Reynolds. "Und die Bohème begeistert sich traditionell für schwarze Kulturen. Man bewundert sie, möchte sein wie sie, möchte von ihr anerkannt werden." Für Reynolds löst Postpunk erst die Wunschvorstellung des Punk ein. Die jungen Postpunkbands können Ende der Siebziger lange nicht so flüssig spielen wie ihre schwarzen Vorbilder. Genau dieses Manko aber ist der Schlüssel zum Verständnis des Stils. Denn die Postpunkbands bestehen aus Dilettanten und guten Musikern, aus Außenseitern und Lichtgestalten. Und gerade in diesem Durcheinander entsteht eigenständige, futuristische Musik.

Dezentral operierende Plattenfirmen, idealistische Macher

Wichtig für die kreativen Höhenflüge des Postpunk ist auch, dass das Monopol der Plattenindustrie durchlöchert wird. Punkrock wurde bei allen Widersprüchen kommerziell einfach ausgeschlachtet, schon wenige Jahre später wandert das Knowhow des Popbiz von großen Plattenmultis über zu kleinen unabhängigen, dezentral operierenden Plattenfirmen und unerfahrenen, aber idealistischen Machern. So einer ist etwa der kürzlich verstorbene Tony Wilson gewesen. Im nordenglischen Manchester gründete er 1979 mit Factory Records ein Label, das einflussreiche Platten veröffentlichen und Karrieren von Bands wie Joy Division oder New New Order fördern sollte.

Sie alle hatten Träume

"Wilson ist ein Impresario, der es vor Postpunk nie zu etwas gebracht hätte. Er hatte keinerlei Erfahrungen im Umgang mit der Musikindustrie und auch keine Ausbildung als Manager durchlaufen. Wilson ist typisch Postpunk, ein Intellektueller, der chaotisch agierte, aber ein ästhetisches Programm schuf, das bis heute Bestand hat", schreibt Wilson. Die Wurzeln der Indie-Kultur liegen zweifelsohne in der Umwälzung des Postpunk begründet. Vielleicht mangelt es aber gerade heute an waghalsigen und mutigen Figuren, wie Tony Wilson. "Die Protagonisten in meinem Buch haben etwas auf sich genommen. Manchmal verlief ihr Leben nicht nach Plan. Aber alle hatten sie Träume, die sie wahrmachen wollten. Deshalb sind sie für mich wahre Helden."

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