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Kolumne Winnemuth: Stromausfall? Gaanz ruuuuhig!

Stromausfall macht erstmal panisch. Man hat kein Licht, kein Netz, ist abgeschnitten von der Welt. Ein Notfall - oder vielleicht doch ein Glücksfall?

Von Meike Winnemuth

Mutter mit Kind bei Kerzenschein - Ein Stromausfall beruhigt das Leben

Kann nach der ersten Aufregung ganz schön beruhigend sein: ein Stromausfall

Der ist ausgefallen. Als ich gerade eben in der Spätnachmittagsdämmerung nach Hause kam, ging nichts mehr. Ich klicke mich durch, die Wohnung bleibt dunkel. Wie in allen Alltagskrisen greife ich automatisch zum Handy: erst mal checken, wie viel Saft das Ding noch hat – Mist, nur noch 22 Prozent. Alles unter 30 Prozent macht Menschen wie mir feuchte Hände. Licht? Wer braucht schon Licht? Für diesen Zweck hat Gott Großpackungen von Ikea-Teelichtern geschaffen. Aber für alles, was man in einer schwach teelichterleuchteten Wohnung tun kann, bis der Strom wieder da ist, BRAUCHE ICH MEIN HANDY, VERDAMMT. Ruuuhig, nur keine Panik jetzt. Ich könnte das Handy ans Laptop hängen, so wie zwei Taucher im Unglücksfall abwechselnd aus einer Pressluftflasche atmen. Aber dann habe ich vielleicht nicht mehr genug Akkupower, um diese Kolumne ... Ruuuuuhig.

Verblüffend, wie einem so ein sofort den Hirnstecker zieht. In einem Umkreis von fünf Gehminuten gibt es circa 30 Cafés, Kneipen und Restaurants, in die ich jederzeit umziehen könnte. Alle haben Strom (glaube ich). Fast alle haben WLAN (weiß ich). Wieso tue ich also so, als ob ich nackt im Schneesturm auf dem Annapurna sitzen würde?

Ohne Internet plötzlich himmlischer Frieden

Unten auf der Straße steht ein weißer Transporter, daneben ein Mann in Warnweste, um den sich Anwohner versammelt haben. Man sei dran. Irgendwelche Fremdfirmen müssten kommen, um irgendwas aufzugraben. Und wann wird ... "Im Lauf des Abends." Ich gehe wieder hoch und mache mir eine Flasche Rotwein auf, vom Guten. Es ist kurz vor fünf. Dies ist ein Notfall. Wer weiß, ob ich hier lebend rauskomme.

Okay. Dann ist das jetzt so. Das Handy lasse ich sanft entschlafen, ich brauche den Akku für diese Kolumne. Ohne Handy kein Internet, ohne Internet plötzlich himmlischer Frieden. Hier drinnen flackern matt die Teelichter, draußen vor dem Fenster tobt das neonhelle Leben – und ich sitze auf einer kleinen, feinen Insel der Ahnungslosigkeit, rausgerupft aus dem Registrieren- und Reagierenmüssen. Ein paar Stunden einfach nichts mehr mitkriegen: herrlich! Soll die Welt doch ohne mich passieren.

Eigentlich wollte ich über das Scheißjahr 2016 schreiben, aber plötzlich habe ich keine Lust mehr. Zumal ich vor zwölf Monaten schon über das Scheißjahr 2015 geschrieben habe und wir ohnehin nur auf dem Weg in ein weiteres Scheißjahr sind: Am 20. Januar wird Donald Trump zum König der Welt gekrönt, anschließend werden sämtliche tollen Leute sterben, die 2016 noch nicht gestorben sind, und im Herbst ist Bundestagswahl. Silvester beendet nichts Altes, und der 1. Januar startet nichts Neues, diese Illusion habe ich mir schon vor Jahren abgewöhnt. Es geht einfach immer nur weiter.

Silvester als Amüsierbefehl hat sich erledigt

Das habe nicht nur ich gemerkt. Nicht ein einziges Mal habe ich in den vergangenen Wochen die Standardfrage "Und was machst du Silvester?" gehört. Silvester als großes Ausrufezeichen am Ende des Jahres, als Partypflicht mit Amüsierbefehl hat sich erledigt. "Ach, lass uns einfach zu Hause bleiben und was essen", höre ich überall, es müssen nicht mal andere Leute dabei sein. Vielleicht einfach mal stocknüchtern vor Mitternacht ins Bett gehen, vielleicht sich einfach mal selbst vom Netz nehmen ...

Plötzlich geht das Licht an. Der Drucker fiept, der Ofen piept, der Router blinkt, alle Systeme melden sich wieder zum Dienst. Schon! Schade.

Aber ich habe mir gut gemerkt, wo der Sicherungskasten ist. Und weiß, dass ein Spannungsabfall, ein Nachrichtenstromausfall im Zweifel ganz leicht selbst hergestellt werden kann. Ich weiß ja jetzt, wo der Hauptschalter ist.