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Graubünden in der Schweiz: Im Engadin: Wo die Bergluft wie Champagner wirkt

Ein Glücksfall für Graubünden: Der Schweizer Not Vital ist der neue Herr von Schloss Tarasp. Der Künstler verwandelt seine Welt in Traumlandschaften und verzaubert das Engadin mit seiner Kunst.

Wehrhaft auf einem Berg im Unterengadin: Die Ursprünge des Schlosses Tarasp reichen rund 1000 Jahre zurück.

Wehrhaft auf einem Berg im Unterengadin: Die Ursprünge des Schlosses Tarasp reichen rund 1000 Jahre zurück.

Picture Alliance

Einst lebten hier Fürsten, dann übernahmen die Industriellen, und nun ist ein Künstler der König des Engadins. Damit das auch klar zu erkennen ist, hat der neue Bewohner von Schloss Tarasp der Anlage einen markanten Turm mit drei Treppen hinzugefügt: das "House to Watch the Sunset", das Not Vital nun leichten Fußes erklimmt. Der im Engadin geborene Künstler ist Anfang des Jahres 70 geworden. Und es sieht so aus, als arbeite er hier nun an seinem größten und persönlichsten Monument.

Steil, ohne Geländer führen die Treppen zum Aussichtspunkt. "Gefahr macht uns wach", sagt Not Vital, der sich auch in seinen anderen Großprojekten rund um die Welt um nichts so wenig schert wie um Sicherheit. Wer den Aufstieg schwindelfrei übersteht, gerät spätestens oben ins Taumeln: Der Blick ins Tal der Gemeinde Scuol im Unterengadin, hinüber zum Schloss und auf die mehr als 3000 Meter hohen Berge – all diese Perspektiven berauschen wie das Licht und die Luft, der man hier nachsagt, sie wirke wie Champagner.

Unterhalb des Schlosses errichtete Not Vital das "House to Watch the Sunset".

Unterhalb des Schlosses errichtete Not Vital das "House to Watch the Sunset".

Vital hockt sich auf die oberste Stufe und weist auf eine besonders markante Felsformation: "Der Piz Pisoc ist der schönste Berg." Und wenn der Künstlerkönig dies sagt, fühlt es sich an, als schöbe sich aus den Sommerwölkchen ein Finger heraus und berührte den Gipfel. Er hat sie alle porträtiert, die Majestäten neben ihm, die er aus seinen Fenstern sehen kann. In seiner "Fundaziun Not Vital" in Ardez, wo er mithilfe seines Bruders, des Architekten Duri Vital, ein altes Engadiner Patrizierhaus in ein Künstlerhaus umgebaut hat, türmen sich Gipsgipfel auf hohen Sockeln: Piz S-chalambert, Piz Ajüz, Piz Lischana, Piz San Jon, Piz Pisoc.

Führung durch den "Parkin"

Heimat ist sein Thema: die Berge, die Tiere, das Wasser, der Schnee, das Licht. Aber auch das Zuhausesein in der Welt. Vital betreibt Studios in Sent, und Rio de Janeiro – und entwickelt rund um die Welt Projekte, etwa im Niger, in Chile, in der Mongolei und im Südpazifik. "Ich nenne diese Arbeiten Scarch", sagt Vital – eine Kombination aus "sculpture" und "architecture". Sie handeln von der Schönheit der Natur und der Kraft der Elemente. Und weil das Erhabene vielleicht nur dann auszuhalten ist, wenn der Mensch ihm eine Fußnote hinzufügt, sucht Vital nach diesen sublimen Landschaften und schmeichelt ihnen mit elegant- minimalistischen Ergänzungen aus Marmor, Edelstahl oder Gold eine weitere Dimension ab.

Schweizer Bahnerlebnisweg Albula: Wandern an der Welterbestrecke
Aussteigen und loswandern in Graubünden: die Station Preda der Rhätischen Bahn, wo der Bahnerlebnisweg Albula entlang der Unesco-Welterbestrecke beginnt.

Aussteigen und loswandern in Graubünden: die Station Preda der Rhätischen Bahn, wo der Bahnerlebnisweg Albula entlang der Unesco-Welterbestrecke beginnt.

Nirgends ist dies dichter und spielerischer versammelt als im Dörfchen Sent. Hier, wo sein Elternhaus steht und ein künstlicher Felsbrocken auf der Wiese sein Malatelier beherbergt, hat Vital einen verzauberten Garten angelegt, den "Parkin". Gäste können einmal pro Woche an einer Führung teilnehmen.

Auf verschlungenen, unebenen Pfaden geht es steil bergauf und bergab. Am Hügel versinkt ein Haus in der Wiese. Ein mit Haaren behangener Turm überragt ein Tal und mündet in eine Brücke. Auf einer Lichtung schwingt sich eine Treppe in die Luft und endet in einer freischwebenden Bühne. Überall blüht, summt und brummt es. Ein Lustgarten mit Karpfenteich, Lauben- Bar und Schwimmbecken – so sieht sie aus, die zeitgemäße Variante eines Parks "sans souci", dem Paradies der Sorglosigkeit.

Der Glücksfall für Graubünden

Vital, der wirklich Not mit Vornamen heißt, verwandelt seine Welt in eine Traumlandschaft, ohne sie sich untertan zu machen. Als er im März 2016 Schloss Tarasp für 7,9 Millionen Schweizer Franken von der deutschen Adelsfamilie von Hessen erwarb, sicherte er das rund 1000 Jahre alte Gemäuer auch für die Öffentlichkeit. Ein Glücksfall für den Kanton , die mit immer neuen Galerien, Privatmuseen und Veranstaltungen wie dem "Origen"- Theaterfestival, dem "Festival da Jazz" in St. Moritz oder den "Engadin Art Talks" kulturinteressiertes Publikum anlockt.

Kunst am Bau: Not Vital in der Kapelle von Schloss Tarasp, das er im März 2016 erwarb.

Kunst am Bau: Not Vital in der Kapelle von Schloss Tarasp, das er im März 2016 erwarb.

"Hier wird Kunst gesammelt, gefördert und gezeigt. Das Engadin zieht Pioniere, Unternehmer und Künstler gleichermaßen an, seien es Friedrich Nietzsche, Wazlaw Nijinsky oder in der Gegenwart etwa Gerhard Richter", beschreibt Stefan Hildebrandt, Kunsthändler und Herausgeber des "Engadiner Art Guide", den Kulturstandort rechts und links des Inn. Und es geht weiter: Ende des Jahres eröffnet die Unternehmerin und Sammlerin Grazyna Kulczyk, eine der reichsten Frauen Polens, auf dem Gelände eines mittelalterlichen Klosters im Unterengadiner Dorf Susch ein Museum für zeitgenössische Kunst.

Werke von Andy Warhol und Paul Klee im alten Gemäuer

Not Vital hat das Schloss von historistischem Kitsch befreit, aufs Feinste renovieren lassen und mit Kunst aus seinen Studios und seiner Sammlung bestückt: Teppiche und Stoffe aus Afrika und Südamerika, Bilder, Zeichnungen und Grafiken von Andy Warhol, Max Ernst, Paul Klee und Rembrandt, aber auch von Zeitgenossen wie dem Kubaner Kcho und chinesischen Künstlern, mit denen Vital arbeitet und die er immer wieder zu sich ins Tal einlädt.

Viele der Räume im Schloss Terasp gestaltete der Schweizer Künstler Not Vidal selbst, auch diesen Speisesaal.

Viele der Räume im Schloss Terasp gestaltete der Schweizer Künstler Not Vidal selbst, auch diesen Speisesaal.

Mit einem riesigen eisernen Schlüssel, den er wie ein Pfand mit sich herumträgt, schließt Not Vital das Tor auf. Über Wehrgänge, Innenhöfe und steile Stiegen führt er durch die Festung, die im 11. Jahrhundert von den Herren von Tarasp gegründet wurde und nach wechselvoller Geschichte zu Beginn des 19. Jahrhundert an den neuen Kanton Graubünden überging. Neuen Glanz brachte im Jahr 1900 der Dresdner Industrielle Karl August Lingner ins Haus: Der Mann, der die Menschheit mit der Markteinführung von Odol beglückte, inszenierte sich hier als moderner Sonnenkönig und lebte seine Hygiene-Obsession in Form etlicher opulenter Badezimmer aus.

Vital, der seine Ateliers gern mit freistehenden Betten und Badewannen ausstattet, hat dem historischen Ensemble eine neue Variante hinzugefügt: Unterm Dach gibt es eine Stube aus Arvenholz mit Sauna, Dampfbad, Dusche, Daybed. Er streckt den Kopf durch ein Dachfenster, schaut über sein Tal und sagt, eher zu sich selbst als zu seinen Gästen: "Man könnte das Tor zumachen und immer hier bleiben."

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