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St. Moritz: Am Anfang war das Grandhotel

Der Tourismus in den Alpen beginnt mit dem großen Palast. Wie gestrandete Ozeanriesen liegen sie gut sichtbar an Seeufern. Ihre Kinder heißen Macht, Reichtum und Prominenz.

Von Marina Kramper

Diese Kinder sollen wachsen und gedeihen. Jahr um Jahr werden die Häuser deshalb prachtvoller. Sie bekommen Panoramapools, Tennishallen und eigene Skilifte. In der Zeit, als die Grandhotels ihren touristischen und gesellschaftlichen Siegeszug antraten, waren Reisende reich, adelig oder beides. Arme Menschen konnten dienen. Sie begleiteten ihre Herrschaften als Kindermädchen, Kammerzofe, Diener und Hauspersonal. Ihre Kammern waren unter dem Dach, hatten selten eine Heizung. Man reiste mit der ganzen Familie, blieb ein bis zwei Monate und verbrachte die Sommerfrische auf mindestens 1600 Höhenmetern.

Die High Society spielte Karten, trank Tee, schrieb Briefe und versuchte, ihre Kinder standesgemäß zu verkuppeln. Ein Spaziergang durch den Garten war den Damen genug, die Männer ertüchtigten sich beim Kricket, Golf oder Tennis. Und man zog sich mindestens dreimal am Tag um. Je später der Abend, je feiner die Klamotten. Dafür hatte man schließlich Schrankkoffer und Ankleidepersonal in die Eisenbahnwaggons wuchten- und vor Ort wieder auf Kutschen umladen lassen.

Licht- und die Schattenseiten der Hotellerie

Aber wie in jeder Familiengeschichte gibt es auch unter den Grandhotels schwarze Schafe. Eltern, die von ihren Kindern zu viel erwarten, und Kinder, die sich den Ansprüchen verweigern. Die Geschichte der Grandhotels im Schweizer Engadin kennt sie beide: Die erfolgreichen Hotels, die mit ihrer Grandezza, ihrer Größe und ihrem Ruhm Schlagzeilen machten, und die andere Geschichte, die vom Scheitern, vom Verlust, von der Cholera und vom Tod handelt. Das Engadin ist erhaben genug, beides zu vereinen.

Die Idee der Grandhotels ist aus dem Geist der Gründerzeit geboren und das Engadin mit seiner Landschaft bot sich an, die Visionen in die Natur zu übersetzen. Überall auf der Welt bauten Männer mit Visionen gigantische Bauwerke, Fabriken, Türme und Grandhotels.

Das Wettrüsten um die High Society begann in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Der Schweizer Pionier Johann Badrutt und der belgische Graf Camille de Renesse lieferten sich eine Posse um Macht und Einfluss. Badrutt gilt als der originäre Erfinder des Wintertourismus. Die Anekdote ist legendär: Er lud eine kleine Gruppe einflussreicher Londoner zu einem mehrwöchigen Winteraufenthalt in sein Hotel und machte das Angebot: "Sollte auch nur einen Tag die Sonne nicht scheinen, so zahle ich Ihnen alle Kosten Ihrer Reise".

Größenwahn im Oberengadin

St. Moritz errang bald den Rang des mondänsten Kurortes der Welt. Camille de Renesse, ein belgischer Graf und Intimfeind Badrutts, musste sich für seine gigantischen Pläne einen anderen Ort suchen. In Maloja am Silser See, am Ende des Oberengadins, wurde er fündig. Auf der Landzunge am südlichen Zipfel entstand seine Vision von Großmannssucht. Schon früh begann er, den Einheimischen mit teurer Münze das Land abzukaufen. Im Stil einer mittelalterlichen Burg ließ er auf einem Hügel oberhalb Malojas sein Schloss Belvedere errichten. Unten am See entstand ab 1881 das Hauptwerk, der Maloja Palace, ein fünfgeschossiges Riesengebäude mit drei Flügeln und einer riesigen Kupferkuppel. 300 Zimmer mit 450 Betten sollten zu einem "Reunionsplatz der aristokratischen konservativen Welt" werden. Ungefähr 20 Millionen heutiger Schweizer Franken investierte der visionäre Graf in sein Lebenswerk.

Ein Ozonator, eine Art Klimaanlage, blies mit Ozon angereicherte Frischluft durch alle Räume. Ein eigener Golfplatz, eine Flotte von Booten auf dem Silser See, eine Taubenschussanlage, eine Mineralquelle, ein Spielcasino, ein Theater, elektrische Beleuchtung und ein Pferdedroschken-Dienst nach St. Moritz sollten die mondäne Welt überzeugen, dass sich hier der Nabel der Welt befindet.

Die große Pleite

Wie die "Titanic" bereits auf ihrer Jungfernfahrt einen Eisberg rammte und unterging, so ging der Graf de Renesse schon fünf Monate nach der Eröffnung vom 1. Juli 1884 mit seinem Maloja Palace pleite. Was war passiert? Der Graf hatte zu hoch gepokert. Bei der Wintersaison hatte er die eiskalten und berüchtigten Maloja-Winde nicht berücksichtigt. Ein vollmundig angekündigtes Spielcasino durfte nicht gebaut werden. Eine Heilquelle sollte Kranke kurieren, doch der Graf konnte sich nicht entschließen, wen er nun hauptsächlich beherbergen wollte: Kranke oder amüsierwütige Gäste. Falsches Marketing würde man das heute nennen.

Und dann brach in Italien auch noch die Cholera aus. Die Pässe in den Süden wurden gesperrt, die Eisenbahnwaggons und sämtliches Essen musste mit Chlor desinfiziert werden. Im noblen Grandhotel roch es wie in der Lungenheilanstalt. Die erforderlichen Gäste bleiben aus. Die belgische Bank, die "Caisse des Proprietaires", die dem Grafen Geld geliehen hatte, ließ ihn fallen. Seine Schuldenlast belief sich auf heute umgerechnet 67 Millionen Schweizer Franken.

Und dann passierte etwas, was bis heute nicht aufgeklärt werden konnte. Der Graf hatte auf das Leben seiner Frau, der Erbin eines riesigen Vermögens, eine enorm hohe Risikolebensversicherung abgeschlossen. Ein halbes Jahr nach der Insolvenz verstarb die Gräfin in einem Basler Hotel angeblich an einem Fettherz, einem Magenkatarrh oder Anämie. Alles nicht überzeugende Todesursachen, gemeinsam klingen sie noch unwahrscheinlicher. Sir Arthur Conan Doyle, der Erschaffer des Sherlock Holmes, nahm sich ein paar Jahre später des unglaubwürdigen Todesfalles an. Eine Lösung konnte auch er nicht liefern. Fest steht, dass die ausgezahlte Summe sofort von der belgischen Bank konfisziert wurde.

Kommt auch das Ende der Ära Badrutt?

Der Konkurrent aus St. Moritz konnte sich die Hände reiben. Der Badrutt's Palace war von Anfang an ein großer Erfolg. Zwei Jahre nach Maloja-Konkurs1886 eröffnet, wurde es wirklich zu dem "Reunionsplatz der aristokratischen konservativen Welt", von dem der belgische Graf geträumt hatte. Aus dem "Palace" sind so viele Anekdoten zu vermelden, wie es sich nur Menschen mit zu viel Geld einfallen lassen können. Champagnergetränkte Ballonfahrten über die Alpengipfel mit anschließender Bruchlandung und rauen Trinkgelagen in der Bar, die mit einer "Zerlegung" des Mobiliars endeten. Aber die Gentlemen beglichen die Schäden stets mit einem Scheck.

Wieder in die Schlagzeilen gelangt das Badrutt's Palace Hotel erst kürzlich, weil der letzte Badrutt, selbst kinderlos, das Hotel nach seinem Tode an den jetzigen Direktor Hans Wiedemann vererben wird. Ein Neffe Badrutts hatte den Familienfrieden empfindlich ins Wanken gebracht, nachdem er mit seinen Anteilen versucht hatte, das Haus in eine Appartementanlage umzuwidmen. Dann schon lieber ein Grandhotel verschenken, als die Tradition des Hauses ändern. Damit geht 130 Jahre nach dem Grafen de Renesse auch die Ära Badrutt ihrem Ende entgegen.

Das Hotel Maloja Palace hingegen hat sich nie wieder richtig von dem Untergang erholt. Unter der Herrschaft des damaligen belgischen Hauptinvestors, der "Caisse des Proprietaires" und einem neuen Direktor, lief das Hotel noch ein paar Jahre. Danach verkam das Riesenschiff zu einer Jugendherberge für belgische Kinder. In den beiden Weltkriegen waren dort Soldaten stationiert. Lüster und Thonetstühle wurden durch Resopal und Tischtennisplatten ersetzt. Nur die belgische Fahne wehte bis vor kurzem auf dem Dach des ehemaligen Lebenstraumes, dessen kupferne Kuppel allerdings ebenso verschwand wie die Ozonatoren aus den Zimmern. 2006 wurde das Maloja Palace von dem Italiener Amadeo Clavarino gekauft. Inzwischen sind die Zimmer unprätentiös renoviert, allein der Geist weht durch die Flure: Genehmigungen lassen auf sich warten, die Neueröffnung ist für den Dezember 2008 geplant.

Unaufdringlicher Luxus im Waldhaus Sils

Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte: Das Waldhaus in Sils Maria, ein monumentaler Bau, ist seit 1908 im Besitz einer einzigen Familie. Eingebettet in Tannenwälder liegt es an den Berg geschmiegt in der Nähe des Julierpasses. Unzählige Intellektuelle, Schriftsteller, Popmusiker, Komponisten und Opernstars sind im Waldhaus abgestiegen und haben ihr Hohelied auf die familiäre Gastlichkeit gesungen. Hier holten sich die Künstler Inspirationen für Gemälde, Gedichte und andere bedeutende Werke.

Nietzsche lebte jahrelang in einer Hütte am Fuße des Hauses und kam immer dann in die hellen Hallen, wenn der Übermensch in ihm die Einsamkeit zu sehr spürte. "Wie wennste schwebst" beschrieb Siegfried Jacobson in einem Brief an Kurt Tucholsky seine Empfindungen. Das Waldhaus gehört heute zu den "Swiss Historic Hotels". Ohne den Pomp des "Fin de Siècle" wird hier zum Tee Brahms oder Dvorak gespielt. Umgeben von der Kulisse der Bergwelt fühlt man sich dann wirklich " wie wennste schwebst".

Badrutt's Palace Hotel

Adresse: Via Serlas 27, CH-7500 St. Moritz, Tel. +41 81 837 1000
www.badruttspalace.com

Hotel Maloja Palace

CH-7516 Maloja, Tel. +41 818 24 33 77
www.malojapalace.com

Grandhotel Waldhaus

CH-7514 Sils-Maria, Tel. +41 81 838 5100
www.waldhaus-sils.ch

Tourismusorganisation Engadin St. Moritz

Via San Gian 30, CH-7500 St. Moritz, Tel. +41 81 830 08 00
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