Giovanni Segantini im Engadin Graubündens Botschafter des Lichts


Als Junge wurde er mit sieben Jahren in eine Besserungsanstalt gesteckt, im Alter von 40 Jahren rissen ihm Kunsthändler die Gemälde von der Staffelei. Zum 150. Geburtstag ehrt das Engadin den staatenlosen Maler Giovanni Segantini an seiner letzte Wohn- und Arbeitsstätte.
Von Marina Kramper

Dem Himmel ist das Oberengadin so nahe wie kaum ein anderes Alpental. Bis zu einer Höhe von 1800 Metern zieht sich der Oberlauf des Inns vom Reschen- bis zum Malojapass. Im Talgrund liegen kristallklare Bergseen, die den fast immer blauen Himmel reflektieren. Weiter oberhalb lehnen sich die Berggipfel zurück, um dem eigentlichen Hauptdarsteller des Tales seinen Platz zu überlassen: dem Licht.

An 322 Sonnentagen im Jahr strahlt die Sonne fast platinfarben, und die auch im Sommer schneebedeckten Gipfelketten reflektieren die Sonnenuntergänge. "Ich habe begonnen, die Gegend hier in Besitz zu nehmen, die eine wahre Fundgrube für meine Kunst ist", schrieb der Maler Giovanni Segantini im Jahre 1894 an seinen Mailänder Galeristen Alberto Grubicy. Segantini war im August 1894 mit seiner Familie nach Maloja, im südlichsten Zipfel des Engadin übergesiedelt.

In diesem Teil der Schweiz, an der Quelle des Inn, entstanden einige seiner berühmtesten Werke. Hier fand er auch seinen frühen Tod im Alter von 41 Jahren, als er in seiner Lieblingshütte auf dem Schafsberg bei Pontresina 1899 starb.

Zu seinem 150. Geburtstag zeigt das Engadin eine Sonderausstellung im Segantini-Museum in St. Moritz. Verena Lawrence, die seit 1996 in dem prägnanten Kuppelbau mit der Anmutung eines Mausoleums arbeitet, freut sich über den Besucherzuwachs: "Die Segantini-Ausstellung bringt viele Leute in die Gegend, die sonst nicht gekommen wären. Und das sind nicht die Schönen und die Reichen, die üblicherweise St. Moritz besuchen. Die kommen hier nicht her. Die wollen sehen und gesehen werden und interessieren sich nicht für Kunst", so die klaren Worte der kunstsinnigen Engadinerin. In der Tat scheidet das Engadin die Geister. Für die einen ist es ein Ort der Ruhe, der Inspiration und der Erholung. Für die Anderen ist St. Moritz das touristische Premiumziel mit Grandhotels, Bentleys und Boutiquen.

In die Gästebücher des Engadins haben sich schon immer weltberühmte Künstler eingetragen; das hat Tradition. Schriftsteller wie Thomas Mann, Hermann Hesse und Arthur Conan Doyle, Philosophen, Maler und Musiker wie Friedrich Nietzsche, Gustav Mahler und Marc Chagall ließen sich hier zu bedeutenden Werken inspirieren.

Der staatenlose Künstler

Segantini kam im Januar 1858 am Gardasee zur Welt. Sein Geburtsort Arco gehörte damals noch zu Österreich. Aus armen Verhältnissen stammend, wurde er siebenjährig Waise und zog zu seiner älteren Halbschwester Irene nach Mailand, die den wilden Knaben einer Besserungsanstalt übergab, wo er weder Lesen noch Schreiben lernte. Irenes Abneigung sollte sein Leben weiter prägen. Sie gab seine österreichischen Papiere zurück, ohne die Italienischen zu beantragen. Segantini blieb bis zu seinem Tode staatenlos. Mehrmals, auch als er ein anerkannter Künstler war, zwangen die Behörden ihn zur Flucht.

In Mailand besuchte er nach einer Lehre bei einem Kulissenmaler die Kunstakademie Brera und fand den Mäzen und Galeristen Grubicy, der sich nicht nur um seine stets prekäre finanzielle Lage kümmerte, sondern ihm Lesen, Schreiben und die aktuelle Kunst nahe brachte.

Segantini verliebte sich in die Schwester seines Freundes Bugatti, Bice Bugatti. Mit ihr hatte er vier Kinder und blieb ihr ohne Trauschein bis zu seinem Tode verbunden. Die Stadt engte Segantini zu sehr ein. Die Familie zog hinaus in die Natur, erst in die italienische Provinz, schließlich ins Engadin. Segantinis Kunst veränderte sich mit den Umzügen: Stand in der Brianza noch der ländliche Mensch fomatfüllend im Mittelpunkt der Gemälde, wurde in Maloja die Natur zum Hauptmotiv. "Nur wer hier oben auf den lichtgebadeten Triften der Alpenwelt gelebt hat, vermag der hohen künstlerischen Bedeutung dieser Farbenklänge inne zu werden. Das Licht, das alles zusammenschließt und die ewige Harmonie der Alpenwelt bildet", schrieb Segantini in einem Brief an die Geldgeber der Weltausstellung 1897 in Paris.

Zum Abwandern: Sentiero Segantini

Segantini arbeitete meistens im Freien. Seine Leinwände waren direkt vor den Motiven auf riesige Rahmen gespannt. In Maloja, wo er, seine Frau Bice und seine vier Kinder ein verwunschenes Holzhaus, das Chalet Kuoni, mit angebautem Atelier bewohnten, kann man heute auf den Spuren Segantinis wandern: An zehn Stationen des "Sentiero Segantini" verweisen Schautafeln auf die Gemälde, den Ort und die Umgebung. Der Weg zeigt Blicke ins angrenzende Bergell und über den See Richtung Norden, nach Sils und Pontresina. "Der Tod", ein Teil des Alpentryptichons, das in der Kuppel im Segantini-Museum hängt, "Die Eitelkeit" und "Das irdische Paradies“ entstanden hier.

Eine der Stationen führt in die "Chiesa Bianca", in die weiße Kirche. Segantini wurde hier aufgebahrt und auf dem Totenlager von seinem Freund Giovanni Giacometti, dem Vater des weltberühmten Bildhauers Alberto Giacomettis, gezeichnet. Die Kirche, das Schloss Belvedere des Grafen de Renesse und sein Grandhotel "Maloja Palace" wären verfallen, hätten nicht private Gönner den Wiederaufbau ermöglicht.

Segantinis Enkelin, Gioconda Segantini-Leykauf, verbringt hier ihre Sommermonate. Den Segantini-Sommer nutze auch sie zu einer künstlerischen Zusammenarbeit mit dem berühmten Großvater. Die Modeschöpferin hat einige Entwürfe in der Chiesa aufgestellt. "Am Engadin hat meinen Großvater vor allem das Licht fasziniert. Das Licht gab der Farbe das Leben. Und so lebten auch seine Bilder. Er hat nie das gemalt, was er gesehen hat, er hat das gemalt, was er ausdrücken wollte." Segantinis Enkelin, die die Tochter seines ältesten Sohnes Gotthardo ist, zeigt sich selbst begeistert von den Engadiner Farbspielen an den Felswänden. Für sie ist das Engadin kein Tal, sondern ein archaischer Horizont. "Wenn sie in Sils sind und den Sonnenuntergang betrachten, das ist atemraubend. Wenn man nur lange genug stehen bleibt und das Licht auf sich wirken lässt, dann kann man wirklich transzendentale Erfahrungen haben. Mein Großvater sprach davon, dass er mit diesem Licht das Wesen der Dinge erfassen kann".

Segantinis letzte Station war die heutige Segantini-Hütte auf dem Schafberg. Die Zahnradbahn "Muottas Muragl" befördert einen in die Höhe von 2400 Metern. Von hier oben reicht der Blick über das gesamte Oberengadin, über Samedan, Celerina, St. Moritz, Sils bis nach Maloja und zu den Eisfeldern an Bernina, Piz Palü und Corvatsch.

Im September 1899 lag Segantini hier oben im Sterben. Der Arzt, der dem an einer Blinddarmentzündung Erkrankten in der Hütte zu Hilfe kam, konnte nur noch den letzten Wunsch des 41-Jährigen erfüllen: "Ich will meine Berge sehen!" Und das Bett mit dem sterbenden Maler wurde ans Fenster geschoben.


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