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Graubünden in der Schweiz: Vom Rheintal bis zum Comer See: Wandern über alle Berge

Früher war der Septimerpass im Kanton Graubünden einer der wichtigsten Alpenübergänge. Heute ist es hier still geworden, sehr zur Freude von Murmeltieren, Gämsen – und Wanderern. Eine Tour vom Rheintal bis zum Comer See.

Erholung für Geist und Körper: Autor Uli Hauser genießt die Aussicht und die Einsamkeit bei seiner Wanderung durch die Schweizer Alpen

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Und plötzlich bist du da, wo Martin Luther war. Kaiser Barbarossa, der mit dem roten Bart. Könige und Bettler, Pilger und Händler. Seit fast zweitausend Jahren gibt es diese Route schon, sie ist immer noch gepflastert, und manchmal sieht man Spurrillen von Kutschen. Und irgendwie ist einem, als habe man sich in der Zeit vertan oder im Jahrhundert geirrt, weit und breit sind da nur die hochalpinen Berge, still und stumm. So viel wird sich hier nicht verändert haben, in diesem Tal, auf diesem Weg. Hier, an dieser Schwelle zum christlichen Abendland.

Septimerpass, schon mal gehört? Den Gotthard kennen die Leute und den Brenner, wenn es über die Alpen geht. Aber den wohl ältesten Übergang von Nord nach Süd kennen wohl die wenigsten Leute, und nicht nur deshalb ist es so schön hier, weil nichts los ist. Weit und breit kein Mensch und nur manchmal das Pfeifen von Murmeltieren, Achtung, da kommt einer, duckt euch. Und du gehst einsam deiner Schritte und freust dich, wie einfach Zeitreise sein kann. Auf diesem alten Treck mit Blick ins Engadin, wo sich die Schweiz so langsam in Richtung Italien schleicht.

Immer wieder herrlich, dieses Wandern. Ein Paar Socken, ein Paar Schuhe, Hose, T-Shirt, und einfach los. Wenig Schöneres gibt es, als draußen zu sein, den Wind deine Nase umtanzen zu lassen und den Augen Weite zu gönnen. Wir waren aus dem Rheintal gekommen, es gibt da diesen historischen Weg der Rompilger, die erst über den Bodensee setzten und dann über Rorschach langsam und gemächlich Höhenmeter machten. Aber so richtig markiert ist die Route der sogenannten Via Sett erst ab Thusis, von dort sind es 96 Kilometer über die Berge. Die letzte Strecke über den Pass aber ist die eindrücklichste. So schön, dass man sie am liebsten immer wieder hin- und hergehen möchte, bei jedem Wetter, in jeder Stimmung.

Es gibt mittlerweile ja einige Möglichkeiten, die Alpen zu Fuß zu überqueren. Touristisch erschlossen sind die meisten Routen, nun ja, abgegrast. Sollen die anderen doch im Auto auf gut ausgebauter Straße über den Julierpass rasen, wir wandern.

Bivio heißt das Dorf am Fuße des Passes, dort, wo die Wege sich trennen. Linkerhand kurven Sportwagen die Serpentinen hoch, über den Julierpass in Richtung St. Moritz. Rechts geht es gemächlich ins Gelände. Stabulum bivio, "Stall an der Wegscheide", nannten die Römer den Ort der Entscheidung. Ein Reitstall befindet sich immer noch in dem Dorf, von dort trabt Genny Torriani, die Chefin des Hotels Solaria, mit ihren Gästen hoch.

Wanderer statt Jetset

Das Haus ist der beste Ausgangspunkt für die unterhaltsame Bergetappe. Nette Leute, gute Küche. Nüsslisalat und Gerstensuppe; manchmal bringt der Jäger ein totes Murmeltier vorbei. Einst Armeleutegericht, ist es heute wohl eher was für Feinschmecker: Man muss es mögen.

Bergauf, bergab: Das Dorf Casaccia wurde einst durch den Grenzverkehr reich

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Am Stammtisch sitzt Giancarlo Torriani, der verschmitzt-gelassene Seniorchef des Hauses, eine Rennbob-Legende. Ein Draufgänger mit heiterem Gemüt: Er nahm seine Mutter noch mit 80 Jahren mit in den Eiskanal. Das waren Zeiten, als auch der Schah von Persien in einem Ferrari durchs Dorf rauschte oder gleich mit dem Heli landete. Der Jetset ist heute weitergezogen.

Was blieb, ist dieser jahrtausendealte Traum von einem Weg. Er führt in eines der schönsten Hochtäler der Alpen. 600 Meter geht es gemütlich voran, vorbei an einzelnen Gehöften und grasenden Kühen. Arnika wächst hier und Enzian, Sonnenröschen und Hufeisenklee. In Zeiten, in denen so viele Wege überlaufen sind, ist diese Gegend eine einzige Wohltat. Weit und breit keine Menschen und eben auch keine Biker, die mittlerweile natürlichen Feinde eines jeden Spaziergängers.

Auf Luthers Spuren

Früher schleppten Esel hier Wolle aus England und Tücher aus Flandern in den Süden, von dort kam Süßwein und Seide in den Norden. Es war der kürzeste Weg zwischen Nord und Süd, und auch Martin Luther nahm ihn. Er ging von Erfurt in 54 Tagen nach Rom, er hatte dort was zu regeln. Probleme im Orden, eine blöde Bulle vom Papst, das Übliche damals. Die Gespräche liefen nicht, wie Luther sich das vorgestellt hatte. Und fromm waren die da auch nicht.

Also wieder zu Fuß zurück. Mit jedem Kilometer wuchs seine Wut auf das, was er in Caput mundi gesehen hatte. Wie das ausging, wissen wir ja. Das kommt davon, wenn man Leute allein laufen lässt. Sie kommen auf Gedanken.

Einmal Füße abkühlen im Gebirgsbach. Der Septimerpass ist der wohl älteste Alpenübergang und führt durch wunderschöne Hochtäler.

Einmal Füße abkühlen im Gebirgsbach. Der Septimerpass ist der wohl älteste Alpenübergang und führt durch wunderschöne Hochtäler.

Sechs Stunden sind es von Bivio auf die andere Seite. Vorbei an Trockenmauern und durch ein Moor, ein Bächlein murmelt. Oben, kurz vor dem Scheitel, fanden Archäologen neben Zeltheringen und Schuhnägeln Schleuderbleie, versehen mit den Stempeln der dritten und weiterer Legionen. Diese Stelle diente römischen Heeren als Lagerplatz. Dort wärmten sich Legionäre am Feuer und feilten Wurfgeschosse, um Gegner noch aus 60 Meter Entfernung zu treffen.

Danach kamen Händler und Pilger

Auf der Passhöhe stand ein Hospiz. Auch im Sommer brach oft der Winter herein, viele sind jämmerlich gestorben da oben, "uff dem Sätmer verdurbent und erfroren", wie es in einer alten Chronik heißt. Es ist sehr kalt, meinte ein Holländer, als er uns dort in kurzer Hose stapfen sah. Er war von hagerer Gestalt, und durch ihn pfiff der Wind.

Schräg sind die Flanken, steil die Hänge. Nacktes Gestein und von Schnee bestäubte Berge. Grandiose Einöde, weder Holz noch Heu. Und dann, plötzlich, belohnt ein umwerfender Blick all die Mühe. Denn nach einem kurzen Anstieg auf 2310 Meter entbieten die Alpen ein herrliches Panorama. Mächtige Dreitausender tun sich auf, mit spitzen Zacken, die Berge des Bergell. La Montanara für das Objektiv.

Unschuldig schön sehen sie aus, doch vor zwei Jahren brachten sie den Tod ins Tal. Vom 3300 Meter hohen Gipfel des Piz Cengalo, den wir nun in hellstem Sonnenschein vom Scheitel des Septimerpasses bewundern, rutschte donnernd Fels hinab. Lange hatte der Permafrost den Fels gehalten, nun war das Gestein wie aufgetaut.

Der nackte Granit begrub acht Wanderer und Kletterer unter sich, sie hatten keine Chance. Nun liegen die Wanderer begraben, wohl für immer und ewig. Nach der Chance befragt, ob man die Leichen eines Tages würde bergen können, gaben Geologen später nüchterne Zahlen zu Protokoll: Das Volumen eines großen Menschen, in etwa, umfasse 0,075 Kubikmeter. Zermalmt von, in diesem Fall, drei Millionen Kubikmetern. Acht Menschen, die an diesem Morgen von einer Hütte hinunterwollten zu einem Parkplatz, wo ihre Autos standen und Schilder, die darauf hinwiesen, dass in den kommenden Wochen größere Felsmassen in Bewegung seien. "In absehbarer Zukunft", stand da geschrieben, "wird sich ein weiterer Bergsturz ereignen."

Hatten die Wanderer die Schilder übersehen? Oder hatten sie die Warnung gelesen, aber nicht glauben wollen? So wie auch keiner von uns wird glauben wollen, dass es eines Tages mit ihm zu Ende geht.

Unsere Tage aber sind heiter, und nach einer kurzen Rast auf einer steinernen Brücke gehen wir über eine gepflasterte Serpentine in engen Kehren 900 Meter hinab ins nächste Tal. Die Passhöhe auf 2310 Metern markiert zugleich eine europäische Wasserscheide: Von hier geht es in den Rhein. Oder in den Po.

Duft von Wein und Mandel

"Noch hat mein Blick die Wahl, noch gehört ihm Nord und Süd", schreibt Hesse in seiner "Wanderung". Auch er ging einst über die Berge, seiner Sehnsucht nach dem Süden zu folgen, der geheimnisvoll aus bläulichen Tälern heraufatme. "Wie schlägt mein Herz ihm entgegen! Ahnung von Seen und Gärten, Duft von Wein und Mandel weht herauf, alte heilige Sage von Sehnsucht und Romfahrt."

Erstaunlich, dass die alten Steine all die Jahrhunderte überstanden, ganze Abschnitte sind erhalten, hier oben und weiter im Tal. Die Römer, so wissen Historiker, haben Esel vorausgeschickt und hinter ihnen dann die Trasse in den Stein gehauen.

Am Ende der Tour badet Autor Uli Hauser im Comer See

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Nach sechs Stunden ist Casaccia erreicht. Das einst reiche Dorf lebte über Jahrhunderte vorzüglich vom Grenzverkehr. Nach einem Espresso im Hotel Stampa geht es über eine Brücke weiter den alten Talweg entlang Richtung Italien. Oder durch den Wald nach Soglio, einem der schönsten Orte der Schweiz, sonnenbeschienen und wärmeverwöhnt, wenn es unten im Bergell über Monate kalt und dunkel wird.

Von hier aus sind es durch imposante Kastanienwälder nur noch wenige Kilometer nach Chiavenna. Ein Zug bringt uns an den Comer See, wo die Rompilger einst in Barken stiegen und sich ans andere Ufer bringen ließen. Von dort setzten sie ihren Weg durch die Po-Ebene und weiter in die Ewige Stadt fort. Wir aber lassen uns nackt ins Wasser fallen. Hat Luther bestimmt nicht gemacht.

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