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Mit Rail, Rad und GPS: Berge per Bike

Mit dem Mountainbike geht es auf schmalen Pfaden und ausgearbeiteten Routen durch das Schweizer Engadin. Das Gepäck befördern Rhätische Bahn und Postbus zum nächsten Tagesziel, einem "Bikehotel".

Von Dagmar Gehm

Es hat alles nichts genützt. Das morgendliche Joggen nicht und die Schinderei im Fitness-Studio nicht. Am Berg haben sie mich trotzdem abgehängt, als ich versuchte, mit einer Gruppe alpiner Mountainbiker im Schweizer Engadin mitzuhalten. Denn als Bewohnerin einer norddeutschen Großstadt, deren höchste Erhebung gerade mal eben 116 Meter aufweist, bin ich einfach zu untrainiert. Die Durchtrainierten bewältigen selbst steilste Hänge zügig, während ich die interessante Erfahrung mache, dass es ebenso anstrengend ist, ein zwölf Kilo schweres Fahrrad eine zwei Kilometer lange Steigung hinauf zu schieben.

Zum Glück gibt es da noch die leuchtend roten Züge der Rhätischen Bahn, die schwächelnde Flachländer und ihre Räder per "Selbstverlad" aufnehmen, um ihnen die steilsten Pässe der Bündner Berge zu ersparen. In Chur, mit 5000 Jahren Siedlungsgeschichte die älteste Schweizer Stadt und Hauptstadt von Graubünden, wird unter der preisgekrönten Dachkonstruktion des Postauto-Terminals unser Gepäck verladen. Schweizer Präzisionswerk vom feinsten: Wie von Zauberhand wird es fortan per Postbus oder Rhätischer Bahn weiter befördert, um uns am Abend pünktlich im jeweiligen Bikehotel zu erwarten.

Die 21-Gang-Räder - von Insidern nur "Bikes" genannt - sind mit GPS-Geräten ausgestattet. 23 Touren auf insgesamt 1000 Kilometern wurden vom Tourismusverband ausgearbeitet. Der 2005 verstorbene "Bike-Guru" Gerd Schierle hatte die gesamte Schweiz per GPS erschlossen, um vom biederen "Rotsocken-Image" wegzukommen und beim Wandern und Biken den Bergsommer für eine ganz neue Zielgruppe attraktiv zu machen. Ich schaue nicht allzu oft auf die markierte Route der Satelliten-Navigation, sondern betrache lieber live die Highlights am Wegesrand: Schlösser, Viadukte, Engadiner Bauernhäuser, Kirche und Kuh, spektakuläre Ausblicke im Breitwandformat. Das Super-Bike läuft wie von selbst durch das malerische Burgenland Domleschg. Erst einmal. Doch schon auf dem "Polenweg" hinter Ems, hoch über dem Rhein, trennt sich die Spreu vom Weizen. Ich bin die Spreu.

Mittagspause im Garten von Schloss Sins in Paspels, das sich als "Zeitinsel" für Tagungen und Seminare versteht. Hungrig fallen wir über Berge von Pasta her. Kohlehydrate auf Verordnung, ganz ohne Reue.

Schutzblech? Einfach uncool!

In Anbetracht des wohl anspruchsvollsten Stücks der viertägigen Tour besteige ich in Thunis zum ersten Mal die rote Bahn und stelle fest, dass sich die Ferienregion Engadin auch passiv wunderbar genießen lässt. Währenddessen powern die anderen durch den Schyntunnel hinauf nach Lenzerheide und haben bereits am ersten Tag 1200 Höhenmeter bewältigt. Ich rechne lieber nicht nach.

Beim abendlichen Grillen am See ziehen die Biker vom Leder wie auf einer Großwildjagd. Coole Cyclisten, die bis aufs i-Tüpfelchen auf alle Eventualitäten vorbereitet sind, die eine Bergtour per Bike nur bieten kann. Mein eigener "Helm im Sonderangebot" hat sich wegen Hitzestaus als Fehlinvestition entpuppt. Auch erlebe ich nicht den "Kick beim Klick" - Spezial-Metallplatten unter Spezial-Bikerschuhen, die fest an Spezial-Pedalen haften, Klick-Pedale genannt. Ich lerne. Rücktrittbremse? Fehlanzeige! Gepäckträger? Völlig undenkbar! Schutzblech? Einfach uncool! So erreiche ich jedes Bikehotel - darunter auch jene der feinen Schweizer Art - schlammbespritzt, mit schwarzem Kettenmuster auf den Waden und von Brennnesseln und Dornen gepeitschten Armen und Beinen. Derart gebrandmarkt fühle ich mich allen Rotsocken und Seilbahnfahrern bereits haushoch überlegen.

Während ich anfangs noch vom Rad steigen muss, bevor ich das einhändige Lenken und Trinken in voller Fahrt beherrsche, hängen die anderen wie künstlich Ernährte am Schlauch, mit dem sie die Lebenskraft aus einem Wasserbeutel im Rucksack saugen. Das Bike als fünftes Gliedmaß, fest mit dir verschweißt. Von dem du dich weder beim Waten durch einen Gebirgsbach noch wegen umgestürzter Baumstämme, erst recht nicht auf Stufen und Bordsteinen trennst. Entweder wird es kurzerhand geschultert, oder man reitet die Hindernisse einfach aus.

Single Trails und Biker-Latein

Am zweiten Tag mache ich Bekanntschaft mit Bikers' Begehren: Einem "Single Trail", wo nur eine Person Platz hat. Kaum zwei Handbreit zwischen der Felswand zur linken und bewaldetem Abgrund zur rechten führt er steil und glitschig bergab. Bald schmerzen die Hände, mit denen ich krampfhaft Griffe und Bremsen umklammere, so stark, dass ich einfach laufen lasse und abhebe zum Tiefflug über hohe Wurzeln, dicke Steine, tiefe Pfützen. Ich überlebe und lege später in der weißen Klosterkirche aus dem 8. Jahrhundert, St. Peter zu Mistail, die mit ihren Fresken zu den wertvollsten Kulturschätzen der Schweiz gehört, ein Dankgebet ein.

"Ganz gemütlich nehmen wir jetzt die nächste Etappe in Angriff", versprechen die Kamikaze-Radler im üblichen Biker-Latein und heizen bereits den nächsten holprigen Hang hoch, Richtung Landwasserviadukt, dem Wahrzeichen der Rhätischen Bahn. Auf das beliebte Fotomotiv "Viadukt mit rotem Zug" warten wir mangels Fahrplan jedoch vergebens. Dafür passieren wir auf schweißtreibender Fahrt die Original-Filmhütte von Heidi und Bergün - einen Ort wie eine Filmkulisse. Nur die "hardcore-Biker" muten sich den 900-Meter-Anstieg über den Albulapass und das Felsennest Guarda nach St. Moritz zu. Diesmal entern auch die übrigen mit mir die Bahn. Der dritte Tag bringt’s, was meine fahrtechnischen Fähigkeiten anbelangt. Vorausschauend schalte ich schon vor dem Hang und nicht erst krachend, kurz bevor das Bike vor dem Exitus steht. Zum zweiten Mal schaffe ich eine längere Steigung, ohne abzusteigen, obwohl sogar die Porfis immer trösten: "Es ist keine Schande zu schieben, der Profi fängt nur später damit an".

Entspannen nach der Tortur

Am flachen Innweg überlassen sie mir gnädig ein paar Kilometer lang die Führung, bis Zernez, wo wir den Schweizerischen Nationalpark besuchen. Am Eingang müssen wir die Bikes parken, um die sensible Umwelt nicht zu stören. 1914 wurde das Refugium für Steinbock, Gemse und Co. gegründet und ist somit das älteste der Alpen. Am Abend entschädigt das römisch-irische Thermalbad des "Bogn Engiadina" im malerischen Scuol für die Torturen der Tour. Selbst in der textilfreien Zone outen sich die Biker durch alabasterweiße ausgesparte Trikotmuster auf knackig braunem Restkörper. Das Vorurteil, Biker-Unterkünfte wären mit Jugendherbergen gleichzusetzen, müssen wir spätestens im feinen "Sporthotel" von Pontresina revidieren. Auch das "Velotel Chur" und "Hotel Waldhaus" in Lenzerheide bieten als Bikehotels neben dem üblichen Service - wie sicheres Abstellen für das Fahrrad, Reparatur- und Reinigungs- Möglichkeit, Trockenraum und Waschservice, Bikermenüs, Karten und touristisches Infomaterial - auch überraschenden Komfort.

Verlockend nah am Bahnhof von Scuol übernachten wir im urgemütlichen "Hotel Bellaval". Und erliegen am nächsten Morgen unisono der Versuchung, per Zug nach Klosters zu fahren. Den letzten Anstieg nehmen wir hinter Küblis in Angriff, der Gottlob direkt in eine Winzerei im Weinbaugebiet "Bündner Herrschaft" führt. Lippenbekenntnisse nach zwei Gläsern Blauburgunder, warum sich Biker diese Strapazen antun. Wenn sie per Bike statt per Auto zur Passhöhe hoch schnauft, ist für Iris der Blick ins nächste Tal ganz anders. Für Michael ist es die Kombination aus schweißtreibendem Kraftakt einerseits und Genussradeln mit Besichtigung und Einkehr andererseits. Traian sieht beim Biken viel mehr als beim Wandern, auf Strecken, die ein Autofahrer nie "erfährt". Nadja schätzt den sozialen Aspekt, die Freunde, mit denen sie auf Tour geht. Gemeinsam bringen sie es auf den Punkt: "So einen richtig geilen Trail gibt es eben nur in den Bergen!" Meine eigene Glücksformel kann nur lauten: "Bahn & Bike", oder wie es in der kosmopolitischen Schweiz gern heißt: "Rail & Trail".

Infos

Graubünden ist mit ihrem 4000 km langen Netz an markierten Bikestrecken die beliebteste Mountainbike-Region der Schweiz. Die entsprechende Karte "In Graubünden ruft der Berg. Oder war es ein Mountainbiker?" mit den ausgewiesenen Strecken ist gratis bei "Graubünden Tourismus", Tel. 0041-81/254.24.24, contact@graubuenden.ch, erhältlich.

Touren

Es gibt 60 maßgeschneiderte Biketouren, z.B. den Grischatrail von Arosa über Lenzerheide nach Davos. Die geführte 4-Tages-Tour mit Michelle Schierle kostet mit Gepäcktransport, 3 Nächten in 3- und 4-Sterne-Hotels, Wellness, Tagesverpflegung, Gratis-Benutzung der Bergbahnen mit Bike, technischem Service, Erinnerungs-Fotos 490 €. Das Gleiche ohne Guide kostet in 3-Sterne-Hotels 305 €, in 4-Sterne-Hotels 348 €. Möglich bei beiden Angeboten sind auch 7-Tages-Touren. Infos & Buchung: www.lenzerheide.com/bike.

GPS

Unter www.lenzerheide.com/bike lassen sich auch alle GPS-Daten und die Roadbooks downloaden. Insgesamt gibt es 23 GPS-Touren in der Region. Die GPS-Geräte können gegen eine Gebühr von ca. 15 € pro Tag gemietet werden. Wer sein eigenes Gerät mitbringt, kann die Tourdaten auf sein Gerät übertragen (ca. 3 € pro Track).

Weitere Auskünfte

www.myswitzerland.com oder www.graubuenden.ch, Tel. 0041-81/254.24.24. Weitere Links: www.mountainbikeland.ch, http://.ferien.graubuenden.ch/de.cfms/aktiv/sommer/bike, www.schweizmobil.ch.

Bikehotels auf der beschriebenen Tour

8 Kriterien, die ein Bikehotel erfüllen muss

  • Abschließbare Garage
  • Reparatur-Werkstatt mit Möglichkeit, Räder zu reinigen
  • Bikermenü
  • Persönliche Beratung
  • Trockenraum und Waschservice
  • Pauschal- und Tourenangebote
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