Radio 4 Hilferufe nach einer besseren Welt


Mit ihren Dance-Rock-Stücken bringen sie das Publikum zuallererst zum Tanzen. Doch Radio 4 transportieren mit ihrer Musik immer auch eine politische Botschaft, so auf ihrem neuen Album "Stealing Of A Nation".

Für die Aufgaben, die jetzt anstehen, könnte Anthony Roman am besten gleich Batman, den blauen Superhelden aus Gotham City, engagieren: Bush bekämpfen, Rock-Clubs retten, New York vor dem kulturellen Verfall bewahren. Man muss sich nur mal das Video zur neuen Single von Romans Band Radio 4 anschauen: In der Stadt, in der auch das Böse niemals schläft, sind immer noch die "Party Crashers" unterwegs. Sie haben sich vorgenommen, den jungen Leuten ein bisschen den Spaß zu verderben.

Losgetreten wurde der Feldzug gegen die Clubszene von Rudolph Giuliani, der in seiner Zeit als New Yorker Bürgermeister zahlreiche Rock- und Dance-Locations schließen ließ, darunter das Coney Island High, wo Radio 4 im Frühjahr 1999 ihr erstes Konzert gaben. Begründung: Unangemeldete Tanzerei zur Live-Show ohne Vorlage einer "Kabarett-Lizenz". Die Regelung stammt aus dem Jahr 1926, damals ins Leben gerufen, um Jazz-Clubs zu disziplinieren, in denen Schwarze und Weiße den gemeinsamen Gang auf den Dancefloor probten. In der Post-Giuliani-Ära werden weiter Clubs geschlossen. "Sehr seltsam", sagt Roman, "wenn man bedenkt, wie wichtig Nightlife für die Stadt und deren Kultur ist."

Der lärmende Wertebewahrer

Auf eine Art und Weise hat der Republikaner Giuliani dem Radio-4-Bassisten und -Songwriter Roman, der draußen vor den Toren der großen Stadt aufgewachsen und später nach Brooklyn gegangen ist, sogar einen Job vermittelt. Seit die Kultur, für die Roman lebt, in seiner nächsten Umgebung zerstört wird, schwingt er sich auf den Platten von Radio 4 zum giftenden, lärmenden Wertebewahrer auf. "Stealing Of A Nation", das neue Album von Radio 4, ist angefüllt mit Hilferufen nach einer besseren Welt, die in besseren Tagen noch lose mit dem verbunden war, was wir als "amerikanischen Traum" kennen.

"Bush auf die Füße treten

"Die Nation hat" - Roman pausiert einen Moment, als wolle er seinem Satz zusätzliche Bedeutung verleihen - "ihre Seele verloren. Es gab Zeiten, da war man stolz, ein Amerikaner zu sein, heute steht Amerika für ein mächtiges, arrogantes Projekt, das aus dem Ruder gelaufen ist. Wir fühlen die Verpflichtung, Bush auf die Füße zu treten, wenn es schon kaum ein anderer tut."

Laut, tanzbar, geradeheraus

Die Band Radio 4, vor fünf Jahren gegründet, verstand sich von Anfang an nicht nur als politischer Aktivposten, sondern auch als Alternative zu den Legionen schrammelnder Alternativrocker, deren Songs Ansammlungen von Uneindeutigkeiten waren: Radio 4 sind laut, tanzbar, geradeheraus. Indierock gilt Roman als Synonym für Stillstand und Apathie in der Rockmusik. "Bands wie Pavement oder Sebadoh mögen melancholisch, ironisch oder clever gewesen sein, eins aber haben sie nie: die Leute zusammengebracht." Dann fällt ihm das Konzert der wieder vereinten Pixies ein, der Indierockband schlechthin: "Ich habe bemerkt, dass ich keine Beziehung zu Musikern aufbauen kann, die Sachen singen, die nicht in meinen Kopf gehen. Was ist ein 'Debaser', was eine 'Wave of Mutilation'?"

"Wir lieben die britischen Post-Punk-Bands"

Originalität möchte Roman für Radio 4 gar nicht erst reklamieren. "Aber was wir machen, machen wir mit Enthusiasmus." Roman, Gitarrist Tommy Williams und Drummer Greg Collins schlüpfen auf ihren bislang drei Alben eher in die Rollen von Architekten, die sich im Materiallager des längst Gewesenen frohen Mutes bedienen. Nach "Gotham!" 2002 stießen Percussionist P.J. O'Connor und Keyboarder Gerard Garone zur Band, schon die Clubhymne "Dance To The Underground" signalisierte den Aufbruch Richtung House und Disco. Radio 4 zimmern heute Dance-Rock-Buden aus Gang-Of-Four-Bass-Riffs, Johnny-Rotten-Nöhlereien und lassen obendrauf etwas "Screamadelica"-Zauber aus den besten Primal-Scream-Tagen rieseln. "Wir lieben diese britischen Post-Punk-Bands aus den frühen Achtzigern und Neunzigern, sie hatten Texte, die mir etwas sagten, bei den Clash kamen noch großartige Dance-Rhythmen dazu."

Bei Radio 4 werden die Trennlinien unscharf, sind das nun noch Songs oder schon Tracks, die sich mehr auf eine Soundästhetik berufen? Und sind das Proteststücke oder kurze Gefühlsfilme, auf zwei, drei zentrale Bilder reduziert? "Do your life justice" singt Roman gegen Ende des Titelsongs "Stealing Of A Nation", der sich auf den Wahlsieg Bushs bezieht. "Get Behind The Struggle Right Now!" heißt es in einem anderen Radio-4-Beitrag. Die Idee, dass ein gewisser Ekel gegen herrschende Politik und Ideen sich auf der Tanzfläche artikulieren möge, ist so alt wie die Popmusik selbst. Gemeinsam kann man, das weiß auch Roman, starke Momente erleben. "Stealing Of A Nation" funktioniert aber genauso gut für den Hausgebrauch. Nur Batman will partout nicht vorbeischauen im Kampf gegen das Böse.

Frank Sawatzki, AP AP

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