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Rock'n'Roll: Schwarz-Weiße Differenzen zur Geburtsstunde

50 Jahre nach der Veröffentlichung von Elvis Presleys "That's All Right" bezweifeln immer mehr Musiker, dies sei die Geburtsstunde des Rock'n'Roll gewesen.

Weltweit ist Elvis Presleys "That's All Right" als Geburtsstunde des Rock'n'Roll gefeiert worden: Mehr als 1.000 Radiosender weltweit spielten zur gleichen Zeit den ersten Song, den der "King of Rock'n'Roll" am 5. Juli 1954 in Memphis aufgenommen hatte. Aber es gibt auch Kritik an der Konzentration auf den einen Titel, der vor einem halben Jahrhundert über die Region hinaus gar nicht beachtet wurde: Presleys erster Nummer-Eins-Hit kam erst zwei Jahre später mit "Heartbreak Hotel".

"Es hat schon lange davor eine Geburt gegeben - wo hat Elvis es denn her gehabt?", fragt Rock-Gitarrist Lenny Kravitz. Auch andere schwarze Musiker weisen auf die Herkunft und Verwurzelung des Genres in ihrer Kultur hin. Vernon Reid, ehedem Gitarrist bei Living Colour, sagt: "Ich war immer der Meinung, Big Joe Turners 'Shake, Rattle and Roll' war die Geburt des Rock'n'Roll. Jeder behauptet was anderes und es ist alles so bestreitbar."

Musik zu Zeiten der Rassendiskriminierung

Soul-Legende Isaac Hayes weist auf die gnadenlose Diskriminierung hin, die damals im Amerika der Rassentrennung herrschte: "Man muss sich das in einer Zeit vorstellen, als die Weißen auf die schwarze Musik herabblickten. Leute wie Elvis wurden damals verprügelt, weil sie diese Art Musik sangen. Es hat eines Weißen bedurft, ihr zum Durchbruch zu verhelfen. Schwarze hatten keine Chance." Reid wird noch deutlicher: "Elvis wurde zum König des Rock'n'Roll gekrönt - aber nicht von den Schwarzen. Im Grunde läuft alles auf die eine Frage hinaus: Wer hat die Macht, etwas festzulegen? Der 300-Pfund-Gorilla im Raum ist doch, dass es erst losging, als Weiße sich dafür zu interessieren begannen."

War es Ike Turner? Oder war Bill Haley der Erste?

Also keine Chance für den - natürlich - Schwarzen Ike Turner, dessen 1951 aufgenommenes "Rocket 88" wegen seiner verzerrten E-Gitarre als erster Rock'n'Roll-Song gilt. Oder für den heute schwer vermarktbaren Bill Haley, dessen "Rock Around The Clock" wie "That's All Right" ebenfalls 1954 aufgenommen wurde und dessen Version von Big Joe Turners "Shake, Rattle And Roll" in jenem Sommer sogar ein Hit war. Oder "Alan Freed's Moondog Coronation Ball" 1952 in Cleveland, der vor zwei Jahren als Geburt des Rock'n'Roll gefeiert wurde. Zur Erinnerung an das Ereignis steht die Rock'n'Roll Hall of Fame in Cleveland.

Die Konzentration auf Elvis ist aus der Perspektive des Jahres 2004 aber auch vermittelbar. "Das, was wir heute Rock'n'Roll nennen, ist Elvis", sagt der Rock-Historiker Marc Kirkeby. "Aber es gab davor schon Aufnahmen, die man als Rock'n'Roll bezeichnen könnte und die von schwarzen Musikern stammten."

Elvis als Gallionsfigur

Die Krönung von "That's All Right" hat ganz wesentlich der Chef des Fremdenverkehrsamtss von Memphis, Kevin Kane, betrieben. "Wir denken, je mehr Aufmerksamkeit wir für Memphis durch verschiedene Dinge erzeugen und mit unserem musikalischen Erbe verknüpfen können, umso mehr werden an Musik interessierte Leute Memphis besuchen wollen", erklärt er. Dieses Interesse lässt sich offenbar mit Elvis leichter erzeugen als mit den ebenfalls in Memphis in den legendären Stax-Studios arbeitenden Künstlern wie Otis Redding, Isaac Hayes, den Staples Singers und anderen sowie den Sun-Studio-Künstlern neben dem "King" wie Carl Perkins, Jerry Lee Lewis, Johnny Cash und Roy Orbison.

"Legitimer Ausgangspunkt für den Rock'n'Roll

Das US-Musikmagazin "Rolling Stone" hat sich auch dem Memphis-Zug nach Elvis angeschlossen. "Wir haben seit Jahren über die Geburtsstunde des Rock'n'Roll diskutiert, und am Ende war alles ganz selbstverständlich", sagt der stellvertretende Chefredakteur Joe Levy. "Als ein Massenphänomen, das die amerikanische Kultur veränderte, ist Elvis der legitime Ausgangspunkt für den Rock'n'Roll. Hier wurde die Musik zu einem Phänomen, das die Kultur und den Rest der Welt verändern sollte."

Lenny Kravitz meint dagegen, die wahren Erfinder des Rock'n'Rolls seien gar nicht bekannt. "Wir können über all die Bo Diddleys, Fats Dominos, Chuck Berrys und all die anderen Größen reden, die Pioniere waren. Aber ich bin sicher, dass da ein paar Burschen im Hinterland auf ihren Veranden sitzen und wir gar nicht wissen, was sie für die Musik geleistet haben."

Nekesa Mumbi Moody, AP / AP