HOME

Rolling Stones im Streit mit EMI: Ein Stein gerät ins Rollen

Paul McCartney und Radiohead haben das sinkende Schiff längst verlassen. Robbie Williams und Coldplay streiken. Jetzt wollen auch die Rolling Stones dem Traditionslabel EMI den Rücken kehren. Dem krisengeschüttelten britischen Konzern laufen die Stars weg. Ist EMI noch zu retten?

Von Katharina Miklis

Er ist zurzeit der wahrscheinlich unbeliebteste Strippenzieher im Musikgeschäft. Guy Hands, Chef der Investorengruppe Terra Firma, die den krisengeschüttelten britischen Musikkonzern EMI im letzten Jahr für 4,6 Milliarden Euro gekauft hatte. Ohne Rücksicht auf Verluste legt er sich gerade mit denen an, die doch so wichtig für den durch Internetpiraterie gebeutelten Konzern sind: den großen Stars und Hoffnungsträgern der Plattenfirma EMI.

Wie diese Woche bekannt wurde, steht bei EMI "eine fundamentale Umgestaltung" an, die weltweit rund ein Drittel der EMI-Angestellten ihren Job kosten wird. Rund 2000 Arbeitsplätze werden im Zuge dieser fragwürdigen Restrukturierung gestrichen. Es ist Guy Hands Antwort auf die Herausforderungen der digitalen Umwelt. "Wir glauben, dass wir damit eine neue, revolutionäre Struktur für die EMI-Group ersonnen haben, die alle Bereiche des Geschäftes verbessern wird", ließ Hands ausrichten. Eine fahrlässige Struktur. Die unter Vertrag stehenden Musiker sehen das genauso. Seit der Übernahme gibt es immer wieder Streitereien mit Künstlern, die Hands vorwerfen, nichts von Musik zu verstehen. Als "Plantagenbesitzer" wird er bezeichnet. Als einer, der sich nur den Glanz der Prominenten erkaufen wolle.

Ein Dolchstoß in das Herz von EMI

Aus diesem Grund gab auch Paul McCartney seiner Plattenfirma EMI nach 37 Jahren den Laufpass. Der Ex-Beatle vertickt seine Musik heute über die Kaffeekette Starbucks. Dort, wo sonst überteuerter Kaffee ausgeschenkt wird, stirbt das Traditionslabel EMI zwischen Milchschaum und Bagels seinen langsamen Tod. Ausgerechnet McCartney. Ein Dolchstoß in das Herz von EMI. Er zählte nicht nur zu den profitabelsten Künstlern, sondern gehörte zur ruhmreichen Geschichte des Labels einfach dazu. In den von der EMI 1929 aufgezogenen Abbey Road Studios in London nahmen die Beatles viele ihrer Alben auf. Da war die Welt noch in Ordnung.

Im Oktober 2007 drehte die britische Band Radiohead den Dolch im EMI-Herz noch einmal um. Mastermind Thom Yorke und seine Kollegen stellten ihr Album "In Rainbows" ohne Kopierschutz ins Internet. Kostenloser Download für alle. Eine Kehrtwende in der Musikindustrie. Erst zwei Monate später kam das "richtige" Radiohead-Album in die Plattenläden. Allerdings nicht über EMI sondern das Indie-Label XL Recordings. Erst McCartney dann Radiohead. Wo soll das enden? Popstar Robbie Williams hat einen anderen Weg eingeschlagen: Er geht nicht, er streikt - aus Protest gegen die Kürzungen und Visionen Hands. Sein nächstes Album legt Williams auf Eis und will es erstmal so lange zurückhalten, bis Guy Hands einen anderen Ton anschlägt.

Rollen nun auch die Stones davon?

Und die Liste derer, die das sinkende Schiff verlassen, wird immer länger. Auch die Britpop-Bestseller Coldplay und Richard Ashcrofts The Verve ziehen nach und wollen sich am Streik beteiligen, munkelt man. Diese Gerüchte dementiert EMI leidenschaftlich. Ansonsten gibt es zur Krise keine Statements vom Traditionslabel. Wie die Zeitung "The Times" unter Berufung auf Branchenkreise am Donnerstag vermeldete, wollen jetzt also auch die Rolling Stones den Musikkonzern nach 16 Jahren verlassen. Ihr 14-Millionen-Pfund-Vertrag bei der EMI läuft im Mai aus. Danach wären sie "frei". "Shine A Light", den Soundtrack zur gleichnamigen Dokumentation von Regisseur Martin Scorsese, werden sie im März beim Konkurrenten Universal Music veröffentlichen. Eine endgültige Trennung von EMI ist noch nicht bestätigt - jedoch wahrscheinlich.

Geschäftlich käme für EMI ein Weggang der Rolling Stones einem Aderlass gleich. Wie die "Times" berichtete, halte die Band die Rechte an allen ihren Alben seit 1971 und wolle sie bei einem Wechsel mitnehmen. In dem Fall würde EMI richtig bluten. Da bleibt für den Konzern nur zu hoffen, dass Label-Investor Hands von seinem radikalen Wandel absieht und sich wieder auf das Wesentliche konzentriert. Die Musik.