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Katy Perry: Von der Pastorentochter zum Popsternchen

Als die Pastorentochter unter ihrem richtigen Namen ein Album mit christlicher Popmusik veröffentlichte, wollte es kaum einer hören. Sieben Jahre später singt Katy Perry über metrosexuelle Ex-Lover und lesbische Züngeleien - und stürmt die Hitparaden. Die Branche freut sich bereits über eine "neue Madonna".

Von Severin Mevissen, New York

"Ur so gay" und "I kissed a Girl" heißen Katy Perrys bekannteste Songs, und egal ob man die nun mag oder nicht: Eine gewisse, süßstoffklebrige Anziehungskraft ist ihnen nicht abzusprechen. Selbst Madonna, strenge Hohepriesterin des Pop, und nicht unbedingt dafür bekannt, mit Kollegenlob um sich zu schmeißen, erkor "Ur so gay" zu ihrem Lieblingslied. Heerscharen weniger bekannter Fans sorgten schließlich dafür, dass "I kissed a Girl" der Hit dieses Spätsommers wurde, mit Nummer-Eins-Platzierungen in den USA, Großbritannien und nun auch in Deutschland.

Entsprechend gut aufgelegt sitzt sie im Büro ihrer Plattenfirma EMI in New York: in grauen Leggins, einem weiten Sweatshirt in 80er-Jahre Neon-Farben und mit einem Hippie-Stirnband im dichten, braunen Haar. Die Schuhe, lila-grün-weiß-glänzende Nike-Sneakers, hat sie abgestreift und ihre Füße zwischen die Polster der Ledercouch geklemmt. "Sorry", entschuldigt sie sich. "Ich bin ein bisschen durch den Wind und muss es mir bequem machen. Jetzt, da mein Album weltweit veröffentlicht wird, wollen alle möglichen Menschen etwas von mir, und ich habe die letzten Tage nicht mehr als fünf Stunden am Stück geschlafen."

Gerade erst hat Perry die "Warped"-Tour hinter sich gebracht, 46 Konzerte in ebenso vielen US-Städten, und die Anstrengungen sind ihr trotz des kräftigen Make-ups anzusehen: "Ich bin zu oft von der Bühne gesprungen und habe überall blaue Flecken. Dazu hatte ich auch noch eine Lebensmittelvergiftung, und selbst als mir speiübel war, wollten Fans noch Fotos mit mir machen. Ich habe sie gewarnt: Wenn ihr Pech habt, kotze ich euch voll. Aber es ist dann noch mal gut gegangen..."

Die Freuden gleichgeschlechtlicher Knutscherei

Katy Perry plappert einfach drauf los: Sie überstrapaziert dabei Phrasen wie "Oh my God!" und "Can you believe it?", und sie reißt ihre eh schon recht großen, hellgrünen und - zugegebenermaßen - sehr schönen Augen nach jedem Satz noch ein bisschen weiter auf, so wie die Stummfilm-Diva Norma Desmond in "Sunset Boulevard". Ab und an schielt sie nach ihrem Blackberry, auf dem Textnachrichten im Minutentakt eingehen, oder nach dem Caesar Salad, der auf dem Tisch vor ihr verwelkt. Sie ist etwas unkonzentriert und leicht aufgekratzt - ein ganz normales, junges Popsternchen eben, vielleicht ein bisschen überfordert vom Erfolg und all der Aufmerksamkeit, die man ihr nun schenkt.

Dabei werfen ihr Kritiker vor, der Erfolg sei kühl-kalkuliert: Ihre Texte, in denen sie sich über Skinny-Jeans- und kayalstifttragende Emo-Jungs mokiert oder die Freuden gleichgeschlechtlicher Knutschereien beschreibt, seien billige Effekthascherei, mit der sie das Rad der Gleichberechtigung zurückdrehe. Und ihr neues, sexy Image, erst Recht vor dem Hintergrund ihrer Vergangenheit als brave Pastorentochter, nichts weiter als Futter für schmutzige Fantasien.

Wenn man will, kann man es so deuten, doch ein bisschen schießen die Kritiker dabei mit Kanonen auf Spatzen. Verglichen mit anderen kalkulierten Karrieren, die durch wohlplazierte Sexvideos im Internet, zugekokste Spritztouren in den nächsten Strassengraben, eiskalte Zungenküsse auf der Bühne oder "Wardrobe Malfunctions" wie aus dem Latex-BH platzende Brüste angeschoben wurden, scheinen Perrys Anspielungen und Koketterie naiv-verspielt, ja, fast bieder, und sie selbst so harmlos wie eine 12-Volt-Version ihres großen Vorbildes Madonna.

Ich bin keine Hexe

"Ich habe keinen Masterplan! Ich bin keine Hexe, die einen brodelnden Zaubertrank anrührt und damit die Menschheit verzaubert", versichert Perry. "Meine Fans mögen mich aus einem ganz einfachen Grund: Ich bin echt! Kein künstliches Pop-Flittchen und kein Vorbild. Ich singe über Dinge, die mir passiert sind. Ich sage, was ich denke. Ich furze und pople in der Nase."

Ginge es allein danach, müssten wesentlich mehr Menschen Erfolg haben, und tatsächlich steckt größerer Aufwand hinter Perrys Nummer-Eins-Hit: ein Produzententeam, bestehend aus Glenn Ballard (Alanis Morissette), Dr. Luke (Avril Lavigne), Butch Walker (Pink) und Greg Wells (Natasha Bedingfield) gepaart mit dem Millionenetat der Plattenfirma. Mit ihrer Hilfe verwandelte sich Katy Perry, ein Mädchen, das bis zu seinem 15 Lebensjahr nichts Progressiveres als den "Sister Act"-Soundtrack hören durfte und in Kirchen den Gospel sang, in eine globale Pop-Sensation, die aussieht, als könnte sie die Schnauze eines US-Bombers zieren.

"Stimmt, ich habe die Hilfe von tollen Produzenten und dem Label", gibt Perry darauf angesprochen zu. "Aber ich singe, seit ich neun Jahre alt war. Ich spiele Gitarre, ich schreibe meine eigenen Songs, ich habe meinen eigenen Stil, und ich habe Talent. Ich bin keine Eintagsfliege. Ich will eine Karriere wie Madonna oder Gwen Stefani."

Der "Lolita"-Look

Und so wie die plant auch Perry die Expansion in außermusikalische Regionen: "Ich möchte irgendwann zum Film. In Hollywood habe ich jahrelang Schauspielunterricht genommen und hatte auch schon einen Auftritt in der Soap "The Young & The Restless". Und ich möchte mein eigenes Modelabel haben, mit Klamotten, die ich selbst tragen würde."

Das sind allerdings so einige, denn Perrys Garderobe rangiert vom klassisch-spießigen Betsey-Johnson-Kleid bis hin zum Eiswaffel-Kostüm und Lego-besticktem Bandana. Schon bevor ihre Musik die Hitparaden anführte, zierte sie Cover und Modestrecken in amerikanischen Modezeitschriften wie "Women's Wear Daily" und "Nylon". Selbst Karl Lagerfeld outete sich bereits als Fan ihres Stils. "Ich liebe Mode!", blüht Perry auf. "Das ist wahrscheinlich das Thema, über das ich am meisten weiß. Ich mag den weiblichen, verführerischen Look der Vargas-Girls und von "Lolita", den ich ja auch auf dem Album-Cover nachahme. Ich versuche mich so anzuziehen, dass Jungs mich begehren und Mädchen wissen wollen: 'Wo hat sie das Kleid her?' Sobald ich meinen ersten großen Scheck bekomme, kaufe ich mir einen schwarzen Lamborghini und dazu ein komplett weißes Outfit. Komplett überdreht, doch so bin ich nun mal."

Doch egal wie sexy, verführerisch und überdreht sich Katy Perry heute in Interviews, Videos oder ihren Songtexten geben mag: Die Rolle der neuen Madonna nimmt man ihr nicht ab. Dazu fehlt es einfach am elektrisierenden, rebellischen Element. Da nutzt es auch nichts, dass sie beteuert, sie könne sich vorstellen Natalie Portman, Giselle Bündchen oder Scarlett Johansson zu küssen - denn kurz darauf rudert sie zurück: "Aber nur, solange die noch nicht verheiratet ist." Sie selbst hat seit drei Jahren einen festen Freund, Travis McCoy, Sänger der Band Gym Class Heroes. An der rechten Hand trägt sie einen Ring, den er ihr gegeben hat. "Kein Verlobungsring!", aber immerhin "ein 'Promise'-Ring, der zeigt, dass er es ernst meint." Am linken Handgelenk prangt ein "Jesus"-Tattoo, Erinnerung an ihre streng christliche Erziehung und Zeichen ihres Glaubens.

Kleine Penisse und lange Küsse

Vor kurzem tauchten im Internet Meldungen auf, wonach Perrys Eltern, eine Pastorin und ein Pastor, entsetzt über die Lieder ihrer Tochter seien. "Das ist Quatsch", wiegelt die Tochter ab. "Meine Eltern lieben mich und mögen meine Musik. Sie wissen, dass ich in sieben Jahren Hollywood viel gesehen und erlebt habe. Ich war immer ein hyperaktives Kind, manchmal auch ein bisschen wild, und früher konnten sie es kaum erwarten, dass ich endlich meinen Mittagschlaf hielt. Aber sie wissen auch, dass ich einen kühlen, klaren Kopf habe und die richtigen Entscheidungen treffe. Sie unterstützen mich voll und ganz."

Ob Perrys Eltern wirklich begeistert von Songs sind, in denen ihre Tochter über Katerfrühstück in Las Vegas, Drogenmissbrauch in Hollywood, kleine Penisse und lange Küsse singt, mag dahin gestellt bleiben. Zumindest einen Wunsch ihrer Tochter dürften sie begrüßen, denn der hat weder mit Sex, Mode noch Lamborghinis zu tun: "Ich will ein Haus in meiner alten Heimatstadt Santa Barbara kaufen, ich will heiraten, und ich will in Santa Barbara alt werden", sagt sie zum ersten Mal ganz ohne rebellischen Unterton. Die neue Madonna ist in diesem Moment ganz weit weg.