"That Lucky Old Sun" Brian Wilsons Hymne an Kalifornien


Lange Zeit galt er als das verloren gegangene Talent der Popmusik. Doch auf seine alten Tage ist Brian Wilson noch einmal ein Genie-Streich gelungen. Mit "That Lucky Old Sun" gelingt es ihm, an die goldenen Beach-Boys-Zeiten der 60er Jahre anzuknüpfen.

Brian Wilson sitzt auf einem Plüschsofa im Wohnzimmer seiner Beverly-Hills-Villa und lächelt nervös. Auf der Veranda toben die 15 Hunde seiner Familie, drinnen schmücken Fotos seiner Kinder mit seiner zweiten Frau Melinda Ledbetter - die elfjährige Daria und der vierjährige Dylan - die Wand. Das zweistöckige Haus wirkt klinisch sauber, mit beigen Teppich- und Marmorböden. Hausangestellte machen im Erdgeschoss sauber. Der Blick geht nach draußen zum Swimmingpool und von da weiter ins sonnendurchflutete Tal. Es ist eine Postkartenidylle. "Ich bin heute glücklicher als vor einem Jahr", sagt der 66-jährige Ex-Beach-Boy und Harmoniemeister der Popmusik. "Ich habe angefangen, etwas Sport zu machen, und ich ernähre mich besser - seitdem fühle ich mich auch besser. Ich stehe morgens einfach auf und bete."

Der Mann mit dem absoluten Gehör für reine Harmonien wie in den Beach-Boys-Evergreens "Good Vibrations" und "California Girls" hat strahlende blaue Augen, die beim Gespräch manchmal nervös zucken. Er spricht etwas undeutlich - eine Folge seines Drogenmissbrauchs in frühen Jahren und einer langen Behandlung einer psychischen Erkrankung mit starken Medikamenten. Nachdem er 2004 das lange unvollendete Meisterwerk "Smile" nach Jahrzehnten herausgebracht hat, erscheint nun mit "That Lucky Old Sun" (Capitol/EMI) ein ehrgeiziges Soloalbum. Es ist eine Art Hymne an Kalifornien und Los Angeles, ein Rückblick auf seine Zeit mit den Beach Boys und auch ein Blick auf seine Ängste und Komplexe. Er will damit auch auf Tournee gehen - angesichts seines Lampenfiebers wird jeder Auftritt zu einer Herausforderung.

"Das klingt großartig"

"Ich denke, das neue Material ist so gut wie alles, was die Beach Boys aufgenommen haben", sagt er. "Wenn ich diese Lieder live spiele, fühle ich mich stolz. Das ist ein komisches Gefühl im Bauch, etwa wie: 'Oh mein Gott, das klingt großartig!'" Vor zwei Jahren wählte er aus 18 Liedern zehn für das neue Album aus und ging mit seinen Arrangements zu seinem 43-jährigen Bandmitglied Scott Bennett, der dazu die Texte schrieb. Lyrische gesprochene Übergänge steuerte sein langjähriger Partner Van Dyke Parks bei. Das Ergebnis ist eine Mischung flotter Popsongs mit Piano-Balladen. Das Titelstück ist ein Cover von Louis Armstrongs "That Lucky Old Sun", das in die fröhliche Hymne "Morning Beat" übergeht und damit den Ton für das Konzeptalbum setzt.

"Van Dyke Parks, Brian und Melinda dachten, es sollte ein Liebesbrief an Los Angeles werden. Brian war damals 65, und es fühlte sich gut an, sich mit seiner Legende zu beschäftigen und ein bisschen nostalgisch zu werden", erklärt Bennett. Lieder wie "Forever She'll Be My Surfer Girl" könnten auch von den Beach Boys sein, "Mexican Girls" bringt etwas Salsa-Feeling, "Midnight's Another Day" und "Oxygen to the Brain" reflektieren Wilsons dunkle Jahre in den 70ern und 80ern, als er sich aus dem Rampenlicht in die Isolation zurückzog, Drogen nahm und übergewichtig wurde. "Midnight’s Another Day" sei ein "in sich Hineinschauen, die Art, wie ich mich unter Menschen fühle", sagt Wilson.

"Southern California" erinnert an die Gründung der Beach Boys mit seinen Brüdern Carl und Dennis 1961 - ein optimistischer Song, in dem Wilson sing: "It's magical/ Living Your Dream". Bennett bestätigt, dass Wilson unter einer heftigen Dosis Antidepressiva steht. "Ja, Brian hat eine harte Zeit hinter sich, mit seiner mentalen Gesundheit." Und dennoch habe er ein einzigartiges Werk geschaffen.

"Wie ein Engel über meinem Kopf"

"Wenn ich ans Keyboard gehe, fühle ich mich heilig, wie ein Engel über meinem Kopf", sagt Wilson. "Wenn wir 'God Only Knows' spielen, fühle ich mich auch heilig. Etwas Göttliches kommt durch mich. Ich denke immer über Melodien nach. Sie kommen von meinem Gehirn und meinen Keyboards. Ich spiele ein wirklich angenehmes Keyboard. Es klingt so angenehm, dass ich Melodien schreiben will." Konzertreisen und das Familienleben mit seinen kleinen Kindern und den Hunden empfindet der sensible Künstler als "sehr laut" und "ein Irrenhaus". Er mache regelmäßig Spaziergänge im nahen Park. "Die Kinder machen mich etwas nervös", erklärt er. "Manchmal gehe ich aus dem Haus, um von meinen Kindern wegzukommen. Aber ich liebe meine Kinder sehr. Ich liebe meine Kinder... Ruhig wird es gegen zehn Uhr abends, wenn ich schlafen gehe. Das ist Seelenfrieden. Nachts geht alles glatt. Tagsüber ist es rauer."

Mit seinen 15 Kilometern entfernt wohnenden erwachsenen Töchtern Wendy und Carnie habe er nicht mehr viel Kontakt. Und auch mit den anderen Beach-Boys-Mitgliedern Mike Love, Al Jarradine und Bruce Johnson wolle er nicht mehr zusammenarbeiten. Die Beach Boys seien nicht mehr seine Band. "Ich bin für mich, und ich ziehe das der Rückkehr zu den Beach Boys vor", stellt er klar. "Ich lebe im Heute. Ich mache keine Zukunftspläne, weil ich mir denke: 'Was ist, wenn es ein Erdbeben gibt, was, wenn ich oder jemand, den ich liebe, stirbt?' Ich habe dauernd diese Gedanken. Es ist ein Stich in meinem Kopf."

Solvej Schou/AP AP

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