HOME

Sting: "Rockmusik liegt im Sterben!"

Mit Pop- und Rockmusik hat er ein Vermögen verdient - nun geht der britische Musiker Sting neue Wege: Am 6. Oktober veröffentlicht der 54-Jährige ein Album mit 400 Jahre alten Songs. Im stern-Interview verriet er, warum er mit modernen Klängen seine Probleme hat.

Sting, Sie waren stets ein Trendsetter des Rock. Nun graben Sie einen Komponisten aus dem 16. Jahrhundert aus: John Dowland. Er hat die Frauen im elisabethanischen England besungen. Fällt Ihnen nichts Neues mehr ein?

Es ist doch Wahnsinn, wie selbstverständlich wir davon ausgehen, dass Musik sich immer weiterbewegt, dass es dauernd so etwas wie einen Fortschritt geben muss. Wir lügen uns selbst in die Tasche. Derzeit bewegt sich die Musik in einer kreativen Endlosschleife, und da hilft nur Neugier.

Der Blick in die Vergangenheit kann also auch einen Blick in die Zukunft öffnen?

Fakt ist, dass wir derzeit am Ende des Pop stehen, der dauernd monotoner wird. Der Rock liegt im Sterben. Mich interessiert es nicht, noch einen Computer einzusetzen, noch einen Verfremdungseffekt zu suchen. Wir haben uns viel zu lange vorgemacht, dass Rock'n'Roll revolutionär ist. Vergesst es, Freunde! Rock ist zu Tode reaktionär. Ein wirklicher Revolutionär war Strawinsky.

Revolutionär kommt von "revolvere", und das bedeutet "zurückrollen" - bringt Ihr musikhistorischer Rollback den Rock wieder nach vorn?

Ich bin kein Prophet, weiß nicht, wie die Zukunft aussieht. Aber ich weiß, dass wir momentan nicht mehr vorankommen. Strawinsky hat sich in seinen Kompositionen ebenfalls auf das Barock bezogen, gleichzeitig hat er die Ohren seiner Zeit geschockt - und, verdammt, er schockt uns noch heute. Neulich habe ich Debussy gehört: so raffiniert, so komplex, so sinnlich!

Ist der Rock Ihnen etwa zu exzentrisch geworden?

Der Rock ist ein bisschen wie die italienische Oper: hochemotional und flamboyant. Bei Dowland und überhaupt in der Alten Musik habe ich die musikalische Ökonomie kennengelernt. Es gibt keine Note zu viel, keinen Effekt ohne Anlass. Das beeindruckt mich. Dowlands Musik ist komplex und trotzdem simpel, sie implodiert, statt zu explodieren.

Interview: Axel Brüggemann / print
Themen in diesem Artikel