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Studio Braun und der Kremlflieger: Mathias Rust, deutsche Spießer und der Traum vom Weltfrieden

Kremlflieger Mathias Rust dient dem subversiven Pop-Trio Studio Braun als Stoff für ein schräges, multimediales Projekt. Bei der Premiere am Deutschen Schauspielhaus jubeln die Fans. Inhaltlich überzeugt die Trash-Collage aber wenig.

Das dreiköpfige Penisorakel, das nur alle 4500 Jahre erscheint, wackelt auf die Bühne des Deutschen Schauspielhauses Hamburg. Mit hohen Stimmen verkünden die drei Männer in hodenförmigen braunen Kostümen (Rocko Schamoni, Heinz Strunk, Jacques Palminger), dass Heroisches geschehe: "In mythenschwacher, kalter Zeit begeben wir uns auf die Suche nach der letzten deutschen Legende." So startete das Kult-Trio Studio Braun ("Dorfpunks") am Donnerstagabend die Premiere seines Projekts "Rust ­ Ein deutscher Messias". Die musikalische Trash-Collage über den Kremlflieger von 1987 wurde im ausverkauften Haus von den Fans beklatscht. Substanz hatte sie allerdings wenig zu bieten.

An Comedy- oder Experimentierbühnen wäre das Stück der drei subversiven Talente, die musizieren, schreiben, spielen und inszenieren, wunderbar aufgehoben. Doch auf einer staatlich subventionierten, überdies krisengebeutelten Staatstheaterbühne? Sind etwa auch Schamoni, Strunk und Palminger "ein bisschen Rust"? Immerhin sollte "Rust" nach dem Bekunden der Macher eine Entlarvung der größenwahnsinnigen, deutschen Volksseele werden - samt ihrer angeblichen Hochphase, der Ära Helmut Kohl.

Dabei leuchtet die Idee ein, die Geschichte des Hobbyfliegers Mathias Rust aus Wedel bei Hamburg in ein Stück zu packen: Er landete 1987 als 18-Jähriger mit seiner Cessna vor dem Kreml, um den Menschen im Kalten Krieg Frieden zu bringen. Zumal Rust, nach Haft in Russland vorzeitig freigelassen, auch später noch für reichlich Stoff sorgte ­ durch Pulloverdiebstahl etwa oder seine Messerattacke auf eine Krankenschwester. In Filmjungstar Fabian Hinrichs ("Sophie Scholl ­ Die letzten Tage", 2005) hat das Trio zudem einen fabelhaften Darsteller gefunden. Faszinierend intensiv, niemals billig denunzierend verbindet Hinrichs die für Rust typische starre, unreife Mimik und Gestik mit amüsanter, eloquenter Präsenz als Möchtegern- Guru. Die Premiere meisterte er nach einem Unfall an Krücken.

Der Rest jedoch ist Lärm ­ allerdings in seiner überschäumend spielfreudigen Art. Klischees wie ein 80-er-Jahre- Kleinbürgerelternhaus oder Heldenfantasien über den Roten Baron und andere Recken der Lüfte treiben Bühnenausstatter und Ensemble lustvoll auf ihre abstruse Spitze. Da bringt die trantutige Über- Mutti (Juliane Koren) im braunen Jerseykleid Rusts "Lieblingsnaschi" ­ Luftschokolade. In derselben Rolle erhält wiederum Heinz Strunk das "Mutterkreuz in Braun". Tante Melitta aus Leipzig ist arm und sächselt schwer, ein Fluglehrer erzählt auf Kölsch Macho-Witze. Auf dem illuminierten Roten Platz tanzt ein Trupp aus Rotarmisten und Folklorefiguren russisch ­ um den jungen Deutschen dann barbarisch zu foltern.

Am Ende bleiben viel Kunstnebel und eine Sekte, deren weiße Gewänder eine Kette mit Vogel-Emblem ziert. Der Esoteriker Rust schwadroniert und missioniert, auch in den Reihen im Parkett: "Ich beziehe Kraft aus einer Idee, die größer ist als ein Einzelner, als ich selbst." Der deutsche Spießer, der beschränkten Geist mit Allmachtvisionen kompensiert, verliert sich im Nirwana - so lautet wohl die nicht allzu erhellende Botschaft von Studio Braun.

Ulrike Cordes, DPA / DPA