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Das ganze Tokio-Hotel-Interview: Freundschaft, Sex, Geld und der ganze Rest

Nach vier Jahren Pausen sprechen Bill und Tom über ihr Leben nach der Flucht aus Deutschland. Gustav und Georg sind froh, dass es mit der Band weitergeht.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Tokio Hotel hat sich ein bisschen verändert: Georg Listing, Tom Kaulitz, Bill Kaulitz und Gustav Schäfer

Tokio Hotel hat sich ein bisschen verändert: Georg Listing, Tom Kaulitz, Bill Kaulitz und Gustav Schäfer

Wie geht es euch nach der ersten Pressekonferenz und dem ersten Fankontakt nach vier Jahren?
Bill: Das war ein langer Tag, aber ein guter. Wir haben uns eben im Auto darüber unterhalten: Das lief alles echt gut.
Tom: Es gibt ja auch Tage, die nicht so gut laufen. Ich versuche immer, mich nicht so aus dem Konzept bringen zu lassen, aber manchmal hat man Tage, an denen einen die Interviewer nur nerven wollen. Aber heute: gutes Feedback, nette Gespräche.

Wie nah wart ihr euch eigentlich in den letzten vier Jahren?


Georg:

Sehr nah eigentlich.

Tom:

Genauso nah wie sonst auch, nur dass wir nicht ganz so viel miteinander unterwegs waren. Wir sind seit 14 Jahren befreundet, da kann nicht mehr so viel passieren, was einen aus der Bahn wirft. Wir können auch mal zwei, drei Monate keinen Kontakt haben. Aber immer wenn wir uns treffen, ist es, als hätten wir uns gestern erst gesehen.

Ihr wart aber räumlich sehr weit auseinander.


Georg:

Wir waren zwischenzeitlich auch für längere Zeit drüben, haben telefoniert, geskypt. Wir hatten durchweg Kontakt.

Gustav:

Wenn wir die körperliche Nähe nicht hatten, dann über Skype.

Könntet ihr eigentlich von eurem damaligen Erfolg leben? Hättet ihr euch zur Ruhe setzen können?


Bill:

Kommt darauf an, wie man weiterleben möchte. Wie die Ansprüche sind. Habe ich ehrlich gesagt aber nicht so drüber nachgedacht.

Tom:

Ein einigermaßen normales Leben hätten wir nach "Monsun" schon bis ans Ende unserer Tage führen können. Das war aber nie Thema, weil wir das meiste Geld in unsere Karriere investiert haben. Seit wir 15 sind, haben wir Leute, die für uns arbeiten, Firmen...

Was für Firmen?


Tom:

Band-Firmen. Die Band ist unsere große Liebe und das wovon wir leben. Wir investieren unglaublich viel in Bühnenproduktionen und Videos. Das haben wir von Anfang an gemacht. Das war uns immer wichtig. Wir haben nie darauf geachtet, größtmöglichen Profit zu machen. Auf Tour haben uns viele Partner immer wieder gefragt, warum wir so viel in die Bühnenshow stecken.

Hat euch die Bühne gefehlt?


Gustav:

Ja.

Bill:

Auf jeden Fall! Total! Wir waren auf mehreren Konzerten in den USA und haben andere Bands gesehen. Da habe ich schon immer gedacht: Ah, ich will auch.

Gustav:

Das gab's schon eine kleine Träne.

Bill:

Natürlich ist es schön, auch mal auf der anderen Seite zu sein und total entspannen zu können. Und ich glaube, man kann auch ganz gut was lernen, wenn man sieht, was andere Bands für Scheiße auf der Bühne machen. Wenn man die ganze Zeit nur da oben steht, weiß man manchmal eben nicht, wie es beim Publikum ankommt. Ich habe es genossen, zum Coachella-Festival zu gehen und nicht gleich auftreten zu müssen. In dem Zustand, in dem ich dann manchmal war, wäre das auch gar nicht gegangen. (lacht)

Tom:

Wir sind auch immer so Mörder-aufgeregt.

Wie, nach all den Jahren?


Bill:

Oh ja. Wenn wir auf Tour sind, bin ich der aufgeregteste Mensch der Welt. Ich bin so aufgeregt, dass ich fürchte, irgendwann fall' ich mal um. Ich habe das Gefühl, ich werde eine andere Person. Ich bin dann auch nicht ansprechbar, weil ich so hochkonzentriert bin.

Georg:

Wir steigern uns da auch immer gegenseitig rein.

Bill:

Wir haben immer eineinhalb Stunden vor jeder Show Off-Time. Keine Interviews, keine Fotos, gar nichts. Weil wir so aufgeregt sind.

Gustav:

Und alle drei sind so aufgeregt, dass ich meinen eigenen Raum habe. Die steigern sich wirklich rein wie die Bekloppten. Das ist schon nervig.

Bill:

Du bist aber auch aufgeregt.

Gustav:

Ich bin aufgeregt, aber ich lege mich dann lieber noch mal 20 Minuten hin.

Bill:

Aber so wie ich auf der Bühne stehe, ist es in Ordnung. Das Schlimme ist das davor. Und das wird auch nicht besser.

War der 3. Oktober als Release eigentlich Absicht? Von wegen Wiedervereinigung?


Bill:

Nee, mir ist das ehrlich gesagt erst aufgefallen, als es jemand gesagt hat.

Tom:

Sind da eigentlich die Läden offen, dass die Leute sich die CD kaufen können?

Georg:

Nee, das ist es ja.

Tom:

Wir haben Release-Tag und keiner kann das Album kaufen?

Aber downloaden geht. Wie hart ist es zurückzukommen? Georg, Gustav, ihr habt in der Zwischenzeit ein weniger wildes Leben geführt. Da ist es ja auch eine Entscheidung: Zurück zum Wahnsinn?


Georg:

Ehrlich gesagt hat sich die Frage nie gestellt. Es war immer klar, dass wir wieder was zusammen machen und dass wir alle vier wieder unterwegs sein werden.

Tom:

Wir wollten nur eine Zeitlang mal keine Platte machen. Das war ja keine Bandauflösung.

Georg:

Ich habe da nicht eine Sekunde drüber nachgedacht. Was machste jetzt, studierst du jetzt BWL?
(Lautes Lachen)

Bill:

Für alle anderen fühlt es sich ja auch länger an. Wir waren 2011 noch auf Tour, dann haben wir ein Jahr nichts gemacht, und dann wollten wir eigentlich 2013 das nächste Album rausbringen. Aber im letzten Moment haben wir Stopp gesagt, weil es gerade so gut lief im Studio. Die vier Jahre waren so nicht geplant. Wir haben nie gesagt, wir machen jetzt eine Pause. Wir wussten nur nicht, wann und wie es weitergeht.

Wann hast du dir eigentlich die Hand tätowiert?


Bill:

Kurz nachdem ich nach L.A. gezogen bin.

Gustav:

Das ist schon wieder alt.

Und warum sowas Morbides? (Es ist das Handskelett)


Tom:

Mut zur Hässlichkeit.

Bill:

Ich fand das schön. Ich wollte meine ganze Hand tätowieren, und in L.A. habe ich einen Tätowierer gefunden, den ich sehr mag. Der hat auch die ganzen anderen gemacht.

Ihr wurdet vorhin auf der Pressekonferenz als Vertreter der Generation Selfie etikettiert. Könnt ihr damit was anfangen?


Tom:

Mittlerweile ja. Am Anfang wollten wir noch Autogrammkarten drucken lassen. Dann wurde uns klar, dass es keinen Sinn mehr macht, weil die Leute eh nur noch Selfies haben wollen. Autogramme sind vorbei. Wir stammen aus der klassischen Autogrammzeit.

Bill:

Ja, manchmal kommen wir uns ein bisschen old school vor. Als wir angefangen haben, gab es kein Facebook, kein Twitter, kein Instagram! Vor zehn Jahren, zu unserem Album "Schrei" standen alle mit dem Album da und wollten eine Unterschrift. Heute will keine Sau mehr ein Autogramm! Es passiert sogar, dass Leute ein Foto wollen und ich sage "Geht gerade nicht so, aber ich kann dir was unterschreiben", und dann sagen die "Ne Unterschrift brauch ich nicht". Wir hatten ganz lange kein Social Media, kein Facebook, kein Twitter. Wir haben damit jetzt erst angefangen. Es hat sich alles verändert.

Tom:

Aber ich finde Veränderung gut, und es hat auch positive Seiten. Wir haben gerade erst festgestellt, dass Künstler jetzt ihr eigenes Medium haben und Sachen ganz anders kontrollieren können. Wir können jetzt was rausschicken, wenn wir es rausschicken wollen.

Bill:

Wir haben seit gestern unseren Tokio-Hotel-Instagram-Kanal.

Eure Videos sind sehr kontrovers aufgenommen worden. Warum sträubt ihr euch gegen die Zuschreibung "provokativ"?


Bill:

Ich verstehe die Entrüstung über "Girl got a Gun" überhaupt nicht!

Tom:

Damit habe ich nicht gerechnet. Ich dachte, die finden es untypisch.

Lustig finde ich es.Bill:

Genau! Viele Leute haben es zu ernst genommen. Gott, wo gehen denn die ganzen Diskussionen hin?! Das Kuscheltier war für uns ein cooler Gag. Aber es ist doch kein großes Ding, dass es einen Penis hat.

Habt ihr das in der Band diskutiert? Fandst du das weniger lustig, Georg?


Georg:

Wir fanden es alle gleich lustig. Uns ging es um den coolen Regisseur.

Bill:

Wir haben die Videos und Cover ja auch in größerem Zeitabstand gesehen. Wir haben die einzeln entschieden. Es ist ja nicht als Paket geplant. Man muss die Dinge einzeln betrachten.

Tom:

Das Cover für "Love who loves you back" war meine Idee. Ich hab das im Internet gefunden und mich totgelacht. Ich fand es perfekt.

Aber es ist doch zynisch.Tom:

Für mich hat das Tiefe. Guck mal, ich zum Beispiel habe jahrelang meine Liebe nur im Internetporno gefunden. Mit der Maus. Wie auf dem Bild.

Bill:

Es gibt ganz viele Leute, die ihre Liebe im Internet finden. Genauso viele haben sich schon mal nen Porno im Netz angeguckt. Wir fanden, das passt.

Tom, das ist aber überhaupt nicht lustig. Das ist traurig.


Tom:

Das Cover fanden wir aber witzig.

Bill:

Es hat eben auch eine Bedeutung. Wir entscheiden über die Cover und Videos immer in dem Moment, wo wir die Songs aufnehmen. Dann haben wir die Idee dazu. Wir wollten den Leuten kein Sex-Paket überreichen. Das ist das was draus gemacht wir, aber wenn man genauer hinschaut, steckt mehr dahinter.

(Bill haut aus Versehen mit seinem Monsterschuh gegen den Tisch)

Bill, eine Frage von Frau zu...Tom:

Frau (lacht)

Tun diese Schuhe eigentlich nicht weh?


Bill:

Oh ja, die hier sind extrem unbequem. Ich bin vorhin fast hingeflogen beim Rausgehen, weil da so viele Leute waren und Pumbaa gezogen hat. Ich habe sie vorhin auch ausgezogen.

Aber warum tust du dir das an?


Bill:

Weil sie extrem gut aussehen. Da muss man dann manchmal durch. Ich hatte immer schon eine Vorliebe für außergewöhnliche Schuhe. Meine Schuhtasche ist größer als mein Koffer.

Tom:

Du hast nicht nur eine Vorliebe für außergewöhnliche Schuhe.

Zurück zum Sex und "Love who loves you back". Grundsätzlich finde ich das Motto "Liebe, wen du willst, Aussehen, Alter und Orientierung sind egal" super. Aber ist Liebe nicht mehr als Sex? Womit wir wieder beim Internetporno wären.


Tom:

Große, tolle Liebe fängt oft mit Sex an.

Bill:

Genau.

Gustav:

Man will ja auch nicht die Katze im Sack kaufen.

Georg:

Das ist ein wichtiger Teil von Liebe. Es kann keine gute Liebe geben ohne guten Sex.

Tom:

Wir sind noch in der Phase, in wir ein aktives Sexleben haben.

Gustav:

Und später hat man dann wieder das Internet.

Wart ihr eigentlich enttäuscht, dass die Fans bei der PK so ruhig waren?


Bill:

Da habe ich noch gar nicht drüber nachgedacht. Ist mir aber nicht negativ aufgefallen. Ich glaube, bei Konzerten wird es auch wieder lauter. Heute war ja die Presse dabei. Die haben sich ein bisschen zurückgehalten. Es fühlte sich aber gut an. Die Tickets wurden exklusiv nur an wenige Fans verlost.

Ihr hättet ja auch erleichtert sein können.


Tom:

Dass das Geschrei nicht so groß ist... Es gibt kaum ein energiegeladeneres Publikum als das, was wir hatten. Auf keinen Fall will ich, dass die Leute nur noch applaudieren und nicht mehr schreien. Für einen Künstler auf der Bühne gibt es kein schöneres Gefühl, als wenn die Leute durchdrehen. Privat ist das etwas anderes.

Bleibt L.A. euer Lebensmittelpunkt?


Bill:

Ja. Obwohl ich auch unbedingt noch nach New York will. Ich mag die Stadt total. L.A. ist ein bisschen langweilig. Ich habe so einen großen Hunger nach Leben und Abenteuer. Ich denke immer, ich verpasse so viel.

Was ist denn Leben?


Bill:

Weiß ich nicht. Aber bei mir fängt es schon damit an, dass ich am Wochenende, wenn ich frei habe, nicht entspannt zu Hause sitzen und einen Film gucken kann. Ich will immer raus und mich unter Leute mischen. Ich mag es, wenn viele Menschen um mich sind. Wir haben auch immer Besuch zuhause. Ich mag ein volles Haus.

Tom:

Wir bleiben erst mal in Amerika. Das ist für uns am entspanntesten.

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