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Wladimir Kaminer: Rasputin aus russischer Sicht

Seine "Russendisko" ist mittlerweile legendär. Jetzt hat Wladimir Kaminer mit seinem DJ-Partner Yuriy Gurzhy ein neues Album veröffentlicht: "Radio Russendisko" ist eine Mischung aus Musik und Geschichten.

Von Kathrin Buchner

"Es ist eine amüsante Platte, sie zu produzieren war auch amüsant", sagt Wladimir Kaminer in seinem unnachahmlichen, etwas harten russischen Akzent, bei dem man immer einen leicht ironischen Unterton heraushören kann. Wie alle Kaminer-Werke ist auch "Radio Russendisko" zunächst ein großer Spaß: In gewohnter Russendisko-Manier werden Elemente von Hiphop, Balalaika-Rock, Gypsy-Punk und Klezmer-Ska zu einer überwiegend tanzbaren Mischung zusammengemixt. Russische Lieder werden zum ersten Mal auf Deutsch gesungen und umgekehrt. "Those were the days" oder "Rasputin" von Boney M. wird erstmals auf Russisch gesungen. Dazu gibt es unvergessene Perlen, Alexandra mit "Schwarze Balalaika" oder "From Russia with Love" im ver"ska"ten-Big-Band-Sound.

Boney M. werden in Russland immer noch als Weltstars angesehen. Für Kaminer ein Zeichen, dass die musikalische Globalisierung noch nicht weit fortgeschritten ist. Wie immer bei Kaminer zeigt sich hinter der heiter-bunten Verpackung eine zweite Ebene. "Hinter dem Spaß ist der aufklärerische Auftrag zu sehen. Ich sehe mich selbst als wissenschaftlichen Publizisten, der die feinen Zusammenhänge unter den Sachen entdeckt", sagt Kaminer über "Radio Russendisko". Und sammelt alles ein, was ihn im vergangenen Jahrhundert musikalisch beeindruckt und bei ihm Spuren hinterlassen hat. Die Entstehung von HipHop zum Beispiel.

Dazu erzählt Kaminer seine subtil beobachteten und pointiert wiedergegebenen Anekdoten. Wie die westliche Musik in den Koffern der Diplomaten in die Sowjetunion gekommen ist. Schließlich hatten die Gesandten des sozialistischen Reiches auch Kinder. Oder über den Balalaika-Mythos oder die Ufo-Botschaften der Amerikaner. Oder über den Russland-Deutschen-Rap. Kaminers Lieblingsthema: Völkerverständigung und Klischees demontieren. Immer leicht verpackt, mit diesem knarzigen, russischen Dialekt und einem feinen, ironischen Unterton.

"Radio Russendisko", im Vertrieb von Rough Trade, ist eine amüsante Bildungsreise durch die letzten 50 Jahre Musikgeschichte.

Wladimir Kaminer ist derzeit auf Lesereise unterwegs: 6.12.2005 Halle, Kulturinsel Halle / Großer Saal, Große Ulrichstrasse 51

09.12.2005 Schillertheater, Berlin

12.12.2005 Buchhandlung Buch und Kunst, Dr. Külz-Ring 12, Dresden

13.12.2005 Cottbus, Haus des Buches Sprembergerstraße 14

30.12.2005 Leipzig, Lesung mit Russendisko Theater in Lindenfels

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