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"Aktenzeichen XY": Das verschwundene Mädchen aus dem stillen Dorf - so lösen die TV-Ermittler ihre Fälle

Seit 50 Jahren fahnden die Macher von "Aktenzeichen XY ... ungelöst" nach Verbrechern. Am spannendsten sind die Ermittlungen hinter den Kulissen. Über zwei Kommissare, ihre Fälle und Finten.

Beliebtes TV-Format: "Aktenzeichen XY": Zahlen, Fakten, Aufklärungsrate

Mark Herbert lebt. Ein Wunder nach dem, was ihm angetan wurde. Er sitzt in einem Rollstuhl in seiner Offenbacher Wohnung, jeder Atemzug klingt nach schwerer Arbeit, Schweiß perlt über seine Stirn. Eine Pflegerin tupft ihn mit einem Handtuch ab. Er ist 32 Jahre alt. Sein Körper ist gelähmt und zerbrechlich, doch sein Geist ist hellwach. Hinter seinem rechten Ohr trägt er ein Tattoo mit einem Datum. 25.08.2012.

"Ein Spätsommertag", sagt Mark Herbert. Seine Stimme ist leise und heiser, es pfeift aus seiner Lunge. Er spricht in kurzen Sätzen. "Heimspiel gegen die zweite Mannschaft von Borussia Dortmund. Haben die Kickers gewonnen. War tolles Wetter." Er macht eine Pause. Seine Luft reicht nicht. Bis vor Kurzem brauchte er zum Atmen noch eine Maschine. "Nach Abpfiff war 200 Meter vom Stadion ein Fest. Haben wir ein paar Bierchen getrunken."

Zeugen dachten, er reagiere sich an einer Puppe ab

Da sahen sie einen Aussichtsturm. Er und zwei Kumpel rannten die Stufen hoch. "Haben gejohlt. Wir waren gut drauf! Dann kam der Typ." Ein junger Mann, muskulös. Und voller Wut. Sei leise! Willst du aufs Maul?, brüllte er Herbert an. Sie stritten. Austragen wollten die beiden es unten. Herbert trat als Erster aus dem Turm, doch als er seinen Bierbecher auf einer Bank abstellen wollte, "ging schon das Licht aus", sagt er. Von hinten griff ihn der Mann an, schleuderte ihn gegen die Turmwand. Die Wucht des Aufpralls ließ drei Halswirbel bersten. Herbert verlor das Bewusstsein. Doch der Mann prügelte weiter auf ihn ein. Zeugen dachten, er reagiere sich an einer Puppe ab. Dann rannte er davon.

Über Monate wurde Mark Herbert von Maschinen am Leben gehalten. Niemand wusste, ob er je wieder aufwachen würde. Die Polizei befragte Zeugen, aber außer einer Personenbeschreibung brachte das nichts.

Stefan Racic übernahm. Der Kriminalhauptkommissar ist einer der erfahrensten Ermittler der Offenbacher Mordkommission. Racic, 51, brauchte nicht lange, um herauszufinden, wer der Täter war. Hinter den Scheibenwischern von Polizeiautos steckten anonyme Briefe, in denen der Name stand. Es sprach sich sogar in der Stadt herum. Nur half das Racic nicht. Denn die Angst vor dem Täter war so groß, dass niemand gegen ihn aussagte. Er war berüchtigt. Vorbestraft. Einer, der nicht zum ersten Mal zugeschlagen hatte, der es wieder tun würde. Der ins Gefängnis gehörte. Aber ohne Zeugen würde kein Richter einen Haftbefehl unterzeichnen.

Mark Herbert (l.) auf dem Weg zum Gerichtsprozess gegen den Mann, der ihn vor einem Aussichtsturm in Offenbach (M.) in den Rollstuhl schlug. Kommissar Stefan Racic (r.) brachte den Fall 2015 in die Sendung. Drei Jahre lang hatte er zuvor vergebens ermittelt

Mark Herbert (l.) auf dem Weg zum Gerichtsprozess gegen den Mann, der ihn vor einem Aussichtsturm in Offenbach (M.) in den Rollstuhl schlug. Kommissar Stefan Racic (r.) brachte den Fall 2015 in die Sendung. Drei Jahre lang hatte er zuvor vergebens ermittelt

Auch Mark Herbert, der wieder aus dem Koma erwacht war, konnte den Mann nicht identifizieren. Doch Racic hatte von zwei Frauen gehört, die oben auf dem Turm dabei waren, Begleiterinnen des Täters. Aber wer waren die beiden?

"Aktenzeichen XY ... ungelöst" als letzter Strohhalm

Der Ermittler lud reihenweise Kickers-Offenbach-Fans ins Präsidium, doch sobald er auf den Täter und die Frauen, die ihn begleiteten, zu sprechen kam, verstummten sie. Einer sagte: "Das ist mir eine Nummer zu groß." – "Ihr seid doch feige!", schimpfte Racic. Er haderte. Er war kurz davor, aufzugeben. Über zwei Jahre hatte er Zeugen gesucht.

Die müssten sehen, was Mark Herbert angetan wurde, dachte er. Der hatte sich über Monate in der Rehaklinik zurück ins Leben gekämpft. Doch er wird immer auf Hilfe angewiesen sein.

Eine Chance gab sich Ermittler Racic noch, er sagt, es war "mein letzter Strohhalm": "Aktenzeichen XY ... ungelöst".

Das Nicht-Weiterwissen vereint alle Fälle in dieser Sendung. Die Ermittlungen sind nach Monaten, oft Jahren am Ende. Der Täter, meist ein Mörder oder Räuber, ist unbekannt oder auf der Flucht. Was dann noch bleibt, ist die Öffentlichkeit. Wenn alle Ausschau halten und nicht nur die Polizei, dann steigen die Chancen.

"Macht es so emotional wie möglich. Die Leute sollen vorm Fernseher weinen"

Vor 50 Jahren hatte der Fernsehmacher Eduard Zimmermann diese Idee. Die Sendung war eine Weltneuheit, wurde später im Ausland kopiert. Normalerweise nutzen sich Sendungen ab. Aber ein halbes Jahrhundert, gut 500 Sendungen und 4600 Fälle später erreicht das Format immer noch mehr als fünf Millionen Zuschauer. Selbst die junge Generation schaltet ein. Es gibt zwei Wahrnehmungen von "Aktenzeichen XY". Die eine ist die der Leute auf der Couch: Sie reizt der Schauer, zu wissen, dass die wie kurze Krimis gedrehten Einspielfilme echte Fälle nachstellen, dass es jedem passieren kann.

Und es gibt die Sicht der Ermittler: Sie benutzen "Aktenzeichen". Sie stellen den Verdächtigen Fallen. Sie machen ihnen Angst. Sie wollen sie jagen.

Die Zuschauer erfahren nur, was in den 90 Minuten gezeigt wird. Von den Finten und Strategien dahinter ahnen sie nichts.

"Macht es so emotional wie möglich. Die Leute sollen vorm Fernseher weinen", sagte Hauptkommissar Racic, als ihm Bernhard Dircks gegenübersaß. Dircks ist der erfahrenste Redakteur im "Aktenzeichen"-Team. Wenn ein Ermittler sich meldet, reist er los, liest die Ermittlungsakten. Die Polizei öffnet sie ihm gern. Meistens melden sich Kommissare mit ihren Fällen in der Redaktion. Die entscheidet, wer es in die Sendung schafft. Das Fernsehen und die Kripo werden zu Partnern. Polizeischüler kommen zum Praktikum in seine Redaktion. Seine Drehbücher über die Fälle schickt Dircks den Polizisten zur Korrektur, bevor er sie verfilmen lässt. Er überlegt, wie man aus einem realen Verbrechen einen spannenden Film macht. Weil nur Spannung viele Zuschauer verspricht. Und man viele Zuschauer braucht, um viele Hinweise zu bekommen. So wird es legitim, aus einem realen Verbrechen gute Unterhaltung zu produzieren.

Legendär sind Zimmermanns Schaltungen zu seinen Kollegen in Wien und Zürich

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Als er aus Offenbach zurück in die Redaktion nach Ismaning bei München kam, beauftragte Redakteur Dircks den Münchner Regisseur Robert Sigl damit, einen Film über das Verbrechen an Mark Herbert zu drehen. Sigl inszenierte für die ARD schon "Tatorte". Für den "Aktenzeichen"-Film hat er Herbert nie getroffen, aber er spricht über ihn, als sei er ein Freund geworden. "Ich wollte Gerechtigkeit für ihn", sagt Sigl. Endlich sollte jemand reden, beinahe drei Jahre nachdem Herbert fast totgeprügelt worden war.

Einen Tag vor der Sendung traf Ermittler Racic den "Aktenzeichen"-Moderator Rudi Cerne. Früher war Cerne Eiskunstläufer, ein Mann des Sports und der Unterhaltung. Doch er besitzt die unter Moderatoren seltene Eigenschaft, nicht zu laut zu tönen, nicht zu viel zu lachen und nicht ständig zu reden. Das macht ihn zu einer Idealbesetzung für "Aktenzeichen". Die beiden besprachen die Strategie für die Sendung.

"Es grüßt dich dein letztes Stück Dreck."

Cerne erinnert sich an jedes Detail des Falls Herbert. Er steht südlich von München in einem dunklen TV-Studio, das groß ist wie eine Tennishalle. Probe für die nächste Sendung. "Herrn Racic und mir war klar, dass wir den Zeugen nicht all ihre Angst nehmen können. Aber wir konnten an ihre Courage appellieren."

Fernsehmacher lieben heute Interaktivität. "Aktenzeichen" hat bereits vor 50 Jahren die offensivste Form der Einbindung gewählt: Die Zuschauer wurden zu Fahndern. Über Jahrzehnte wurde den Machern "Menschenjagd" vorgeworfen. Heute ist die Kritik verstummt.

Als die Sendung über Mark Herbert im August 2015 ausgestrahlt wurde, warteten Racics Kollegen im Offenbacher Präsidium vor den Telefonen. Sie hatten die regionalen Medien informiert, dass der Fall in "Aktenzeichen" läuft. Es sollte sich herumsprechen. "Staub aufwirbeln" nennen das Ermittler.

Lolita Brieger war 18 Jahre alt, als sie 1982 verschwand. Ermittler Wolfgang Schu übernahm den Fall Jahrzehnte später. Dem Täter wollte er mit "Aktenzeichen" eine Falle stellen

Lolita Brieger war 18 Jahre alt, als sie 1982 verschwand. Ermittler Wolfgang Schu übernahm den Fall Jahrzehnte später. Dem Täter wollte er mit "Aktenzeichen" eine Falle stellen

Es gibt einen anderen Fall in der jüngeren "Aktenzeichen"-Geschichte, der für diese Strategie berühmt geworden ist. Es ist der Fall der 18 Jahre alten Lolita Brieger, die 1982 spurlos verschwand, deren Schicksal aber Jahrzehnte später mithilfe der Sendung geklärt werden konnte.

Lolita war die Tochter einer Vertriebenenfamilie aus Schlesien, verliebt in den Sohn einer wohlhabenden Bauernfamilie. Sie lebte in einem kleinen Dorf bei Bad Münstereifel. Der Vater des Bauernjungen war gegen die Beziehung, Lolita habe "nichts an den Füßen", sagte er und meinte eigentlich ihr Portemonnaie. Doch Lolita wurde schwanger von seinem Sohn. Der Vater wollte sie bezahlen, seinen Jungen freikaufen von seiner Verantwortung für das Kind. Doch plötzlich verschwand Lolita Brieger aus dem Dorf. Zeugen hatten sie noch in der Nähe des Hofs gesehen. Es gab einen Brief, der wie ein Abschied klang, zumal sie schon einmal versucht hatte, ihr Leben zu beenden. "Ich liebe dich", schrieb sie an ihren Josef. "Es grüßt dich dein letztes Stück Dreck."

Die Polizei suchte vergebens nach ihr. Vielleicht hatte sie sich wirklich das Leben genommen. Aber wo war dann die Leiche?

"Niemand verschwindet so einfach. Erst recht nicht, wenn er sich umbringt", sagt Wolfgang Schu von der Trierer Mordkommission. Auf seinem Tisch landeten die Akten dieses Cold Cases, wie Ermittler die alten Fälle nennen.

Beliebtes TV-Format: "Aktenzeichen XY": Zahlen, Fakten, Aufklärungsrate

Vielleicht würde der Täter noch während der Sendung zum Hörer greifen

Er las, was seine Vorgänger zusammengetragen hatten. Alles spielte in dieser abgelegenen Gegend. Dort, war sich Schu sicher, musste auch der Täter gelebt haben. Fast 30 Jahre herrschte Schweigen. Warum sollte jetzt jemand reden?

Schu setzte auf den Überraschungseffekt. "Wie wenn plötzlich der Scheinwerfer auf dieses Dorf gestellt ist", sagt er. Er wollte, dass die Kinder dort nach der Sendung ihre Eltern fragen: Was ist damals mit Lolita passiert? Und die Eltern die Großeltern. Und weil ihn das Gefühl nicht losließ, dass die Bauernfamilie dahintersteckte, ließ er deren Telefone überwachen. Vielleicht würde der Täter noch während der Sendung zum Hörer greifen, um einen Mitwisser zum Schweigen zu verdonnern.

So erreichen die Schicksale von Mark Herbert, Lolita Brieger und anderen die Deutschen um 20.15 Uhr auf ihren Sofas. Hinter Cerne sehen die Zuschauer Menschen an Telefonen sitzen. Viele halten das für Kulisse. Doch dort sitzen keine Statisten, sondern Beamte des bayerischen Landeskriminalamts. Sie protokollieren die Hinweise, die Anrufe werden mitgeschnitten. Jeder betroffene Ermittler bekommt nach der Sendung einen USB-Stick, darauf alle Anrufe zu seinem Fall.

Die Mischung auf dem Stick ist immer ähnlich: Viele rufen aus ernsthafter Sorge an, können aber nicht wirklich weiterhelfen. Ein paar bieten ihre Hellseherdienste an; ein Anrufer fragt jedes Mal im Herbst, wann das Oktoberfest endet. Und schließlich sind da die "sachdienlichen Anrufe", wie Alfred Hettmer sagt. Er ist inzwischen pensionierter Beamter des LKA und der Chef des Telefonteams. Cerne interviewt ihn zum Ende jeder Sendung, fragt, wie es ausschaue mit den Hinweisen. Hettmers liebste Formulierung lautet dann, dass er "aus ermittlungstaktischen Gründen" nicht so viel verraten dürfe.

"Ich will den Zuschauer nicht ärgern", sagt Hettmer kurz vor einer Probe im Studio. "Aber wir müssen aufpassen und dürfen niemanden warnen." Es gab Fälle, da rückte noch während der Sendung die Polizei zur Festnahme aus.

Inzwischen gibt es eine Polizeistudie über den Erfolg von "Aktenzeichen". Sie stammt von Michael Lechner, einem Polizeioberrat aus Bayern. Für seine Masterarbeit wertete er die mehr als 200 Fälle aus, die zwischen 2011 und 2013 in der Sendung liefen. 12,8 Prozent wurden durch Hinweise an "Aktenzeichen" gelöst – Fälle, bei denen die Ermittler nicht weiterwissen.

Viele Anrufer boten an, die Belohnung für die Ergreifung des Täters anzuheben

Manchmal löst die Sendung auch das Gegenteil dessen aus, was sie erreichen will. Als die Kölner Polizei nach einer Räuberbande fahndete, nutzten andere Verbrecher die Gelegenheit. Sie riefen bei Leuten aus der Gegend an, gaben sich als BKA-Beamte aus und sagten, dass es nun Hinweise auf einen geplanten Raubzug gebe, daher sammele man Wertgegenstände ein. Einige fielen darauf rein. Ein anderes Mal suchte "Aktenzeichen" für das BKA und das amerikanische FBI einen Mann, der des 21-fachen Mordes verdächtigt wurde: Mister Bulger. Man hatte sogar ein Foto. Doch das zeigte einen deutschen Urlauber mit seiner Frau. Das Paar rief voller Angst an. Das ZDF zahlte später eine Entschädigung.

Als über den Fall Mark Herbert aus Offenbach berichtet wurde, standen die Telefone nicht mehr still. Viele Anrufer boten an, die Belohnung für die Ergreifung des Täters anzuheben. Der Film hatte sie geschockt. Regisseur Sigl hatte keinen Trick ausgelassen.

"Hier, diese leicht bedrohliche Musik untermalt das Schicksalhafte des Tages", sagt er, als er in seiner Münchner Wohnung noch einmal die DVD einlegt. "Und dieses Wummern der Bässe geht ins Unterbewusstsein der Zuschauer." Die Filme bei "Aktenzeichen" sind kein Abbild der Realität. Sie spitzen zu. Sie lassen Opfer heldenhaft erscheinen und Täter gern noch böser. "Aktenzeichen" ist kein klassischer Journalismus. Und Kritik an der Polizei wird man hier nie finden.

Im Film sieht man Mark Herbert oben auf dem Turm nicht grölen. "Ich wusste gar nicht, dass er gegrölt hat", sagt Sigl. Die Redaktion hatte es ihm nicht ins Drehbuch geschrieben. Herbert, der sich erst Tage nach der Ausstrahlung traute, die Sendung allein in seinem Zimmer anzuschauen, sagt nur: "Ich war auch kein Unschuldslamm. Aber dass er mich von hinten angreift – damit habe ich nicht gerechnet."

Ein anonymer Anrufer nannte den Namen einer der beiden Frauen

Die Szenen vorm Turm sind brutal. Der Regisseur erzählt, er habe mit der Redaktion gestritten. "Den letzten Tritt haben sie rausgeschnitten, auch das Krachen der Halswirbel", sagt er. "Aktenzeichen"-Redaktionsleiterin Ina-Maria Reize-Wildemann sagt: "Wir dürfen nicht verharmlosen, was den Opfern passiert ist. Aber bei Mark Herbert war es einfach zu viel."

Ermittler Stefan Racic war eine andere Einstellung im Film besonders wichtig. Oben auf dem Turm bleibt die Kamera für ein paar Sekunden bei zwei Frauen hängen – den möglichen Zeuginnen. Als Zuschauer begreift man gleich, dass sie eine besondere Rolle spielen.

Racic war noch im Studio, als bei seinen Kollegen in Offenbach das Telefon klingelte. Ein anonymer Anrufer nannte den Namen einer der beiden Frauen.

Tage später saß Racic ihr gegenüber. Nun konnte sie nicht mehr schweigen. Weil sie mit dem Täter nicht verwandt war, besaß sie auch kein Zeugnisverweigerungsrecht. Zwei Wochen nach der Sendung konnte Racic den Täter festnehmen lassen. Ende 2016 wurde er zu elf Jahren Haft wegen versuchten Totschlags verurteilt. Wenn man mit Mark Herbert darüber spricht, hört man ihm keine Freude an. Sein altes Leben bekommt er nicht zurück, und jede Infektion kann eine tödliche Gefahr für ihn bedeuten. "Aber es ist gut, dass er sitzt", sagt er.

Opfer von Verbrechen beschreiben es oft ähnlich. Sie sagen, dass vieles ein Leben aus den Fugen reißen kann. Krankheiten, Unfälle – auch die treffen einen unerwartet. Aber wenigstens kann man sich sagen, dass es Zufall war, Pech, Schicksal eben. Doch sie, die Verbrechensopfer, können das nicht. Es gibt einen Schuldigen. Jemanden, der ihr Leid wollte oder zumindest in Kauf genommen hat. Das ist viel schwerer zu akzeptieren. Was ihnen aber helfen kann, ist Aufklärung.

Fast ihr halbes Leben lang quälte sie die Ungewissheit

Die Mutter von Lolita Brieger hatte immer eine Kerze auf der Fensterbank in ihrer Küche brennen. Jedes Mal, wenn sie das Klimpern eines Schlüsselbunds vor ihrer Haustür hörte, so erzählte sie Kommissar Schu, habe sie für einen Moment gedacht, Lolita komme zurück. Fast ihr halbes Leben lang quälte sie die Ungewissheit. Am 24. August 2011 schaltete sie wie alle im Dorf den Fernseher an, weil die Lokalzeitung am Morgen gemeldet hatte, dass "Aktenzeichen" etwas zu Lolita bringen werde. Schu hatte ihr nichts gesagt, aus Sorge, es würde sich zu früh im Dorf herumsprechen. Lolitas Mutter erkannte den Kommissar im Fernsehen gleich wieder, er hatte oft bei ihr und der Kerze gesessen.

Der Film über ihre Tochter ähnelt fast einem Liebesfilm. Man sieht die hübsche Lolita und den Bauernjungen, sie baden in einem See, küssen sich und verschwinden im Zelt. Es ist wie üblich überzeichnet.

Als der Film vorbei war, begann das, was Ermittler Schu akribisch vorbereitet hatte. Er hatte Cerne am Tag zuvor gesagt, dass er es anders machen wolle als seine Kollegen. "Ich will direkt in die Kamera schauen, Herr Cerne. Ich will mich an den Täter oder die Mitwisser wenden." Und so zoomte die Kamera an ihn heran: "Wenn Sie zuschauen", sagte er, "bedenken Sie doch bitte auch die unerträgliche Situation für die Angehörigen von Lolita Brieger, insbesondere für die fast 80-jährige Mutter, die nun endlich, nach fast 29 Jahren, wissen will, was ihrer Tochter zugestoßen ist."

Als Schu wieder hinten im Studio saß, kam bald sein Kollege Hettmer zu ihm und steckte ihm einen Zettel zu. Es habe sich eine Frau gemeldet, die mal mit einem Mann aus der Gegend zusammen war, der unzählige Artikel zum Verschwinden von Lolita gesammelt habe. Es handelte sich um den Bauernjungen. Kein Beweis. Aber ein Indiz mehr.

Der nächste wichtige Hinweis erreichte die Kripokollegen in Trier. Eine Frau berichtete anonym von einem Mann aus dem Dorf, der an dem Abend des Verschwindens erst spät nach Hause kam und seiner Mutter, als sie ihn fragte, wo er gewesen sei, nur antwortete: Das dürfe er niemandem erzählen. Der Mann war ein Freund des Bauernsohns.

"Ich glaube, sie hatte ihren Seelenfrieden wieder"

Schu kannte seinen Namen aus den Akten. Er hatte sich immer gedacht, dass dieser Mann vielleicht mehr wisse. Schu lud ihn ins Präsidium ein. Erst war er schweigsam. Aber dann bat Schu ihn, die Augen zu schließen. Stellen Sie sich Lolita vor, sagte er. "Sie war so alt wie Ihre Tochter." Das war zu viel. Der Mann gestand, dass er dem Bauernjungen dabei geholfen hatte, die tote Lolita auf einer Mülldeponie zu verscharren. Die Ermittler gruben ihre Leiche aus. Der Täter war inzwischen ein grauhaariger Mann von 50 Jahren. Er wurde des Mordes angeklagt, das Gericht wertete die Tat aber als Totschlag, da die Mordmerkmale nicht mehr sicher zu beweisen waren. Totschlag jedoch verjährt, und so kam der Mann frei. Lolitas Mutter aber konnte ihre Tochter begraben und starb kurz darauf. "Ich glaube, sie hatte ihren Seelenfrieden wieder", sagt Schu.

Der Ermittler geht bald in Pension. Aber er hat sich noch einmal einen Cold Case vorgenommen, den Mord an einer alleinerziehenden Mutter. Vor einigen Wochen war er damit bei "Aktenzeichen XY ... ungelöst". Gerade arbeitet er die Hinweise ab.

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