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"Boston Legal": Der Teufel trägt Robe

Noch eine TV-Anwaltsserie? Ja, aber eine, die es in sich hat. In "Boston Legal" mühen sich überbezahlte Top-Juristen, Job und Privatleben schadenfrei am eigenen Ego vorbei zu manövrieren.

Von Peer Schader

Zuschauer brauchen Helden. Sie mögen sympathische Weltretter, die im letzten Moment die Katastrophe abwenden, und Normalos mit kleinen Macken, die oberflächlich harmlos wirken, aber zu Außerordentlichem fähig sind. Hauptsache, das Identifikationspotenzial stimmt. Wer mit dieser Prämisse fernsieht, wird die neue Vox-Serie "Boston Legal" hassen. Denn sie macht einem die ganze schöne Weltordnung kaputt. In David E. Kelleys Anwaltsfarce wimmelt es nur so von rücksichtslosen Rechthabern. Und trotzdem mag man einfach nicht wegschalten.

Denny Crane ist so einer. Er hat keine Freunde, was daran liegen mag, dass er sich wie ein egozentrischer, von sich selbst überzeugter Sturkopf benimmt, der sich auf alten Erfolgen ausruht und am liebsten in der dritten Person von sich spricht, wie von einem Imperator: Denny Crane kriegt niemand so schnell klein! Denny Crane hat schon ganz andere Situationen gemeistert! Wenn Denny Crane das nicht schafft, wer dann?

Ex-Enterprise-Star brilliert als egomanischer Anwalt

Manchmal läuft er durch die Kanzlei, die ihn als Senior Partner ertragen muss, und sagt einfach laut seinen Namen vor sich her, weil das mal ausgereicht hat, die gegnerische Seite vor Ehrfurcht erstarren zu lassen. Doch das ist eine Weile her. Heute glauben alle, er sei senil. Schlimmer noch: Seine eigenen Partner würden ihn am liebsten sofort loswerden, weil er ihnen eine wandelnde Zeitbombe fürs Geschäft scheint. Er schläft mit den Frauen seiner Mandanten, führt Prozesse ohne sich vorzubereiten, ist aufbrausend und lügt einem ins Gesicht.

Es ist eine fantastische Rolle, die Ex-Enterprise-Kapitän William Shatner in "Boston Legal" künftig immer mittwochs bei Vox verkörpern darf. Allein schon deshalb, weil man sich nie ganz sicher ist, ob er dafür überhaupt schauspielern muss - oder einfach weiter den alternden Branchenstar geben kann, als der er seit "Treffen der Generationen" durch Hollywood tingelt.

Hackordnung unter Paragraphendrehern

Dabei ist Denny Crane ist nicht mal der egozentrischste Charakter im Serienensemble. Ihm zur Seite steht Alan Shore, ein kühler Karrierist, der die Frauen bezirzt, um sie nachher respektlos abzuservieren. Shore, großartig gespielt von James Spader ("Sex, Lügen und Video"), verhält sich, als gebe es eine naturgegebene Rangordnung, an deren Spitze er stehe. Er ist pflichtbewusst, aber hinterhältig. Und genial.

"Ich werde dafür bezahlt, dass ich Sie ausforsche, bis in die verborgensten tiefsten Winkel ihrer Persönlichkeit - jede Unzulänglichkeit werde ich aufdecken", schüchtert er einmal einen Zeugen der gegnerischen Seite bei einem Treffen unter drei ein, bis der seine Aussage "freiwillig" zurückzieht.

Die Serie bohrt sich ins Unterbewusstsein

Eigentlich müsste diese Manipulation mit allen Mitteln schon beim Zusehen schmerzen. Aber "Boston Legal" arbeitet sich ähnlich wie die Schönheitschirurgen-Reihe "Nip/Tuck" ins Unterbewusstsein seiner Zuschauer vor. Der Serienkollege Christian Troy aus "Nip/Tuck" ist auch nicht gerade das, was man eine Identifikationsfigur nennt, wenn er umoperierten Schönheiten unter die Wäsche geht. Trotzdem schaut man zu. Weil man sehen will, wie das Großmaul scheitert. Oder einen menschlichen Zug an ihm entdeckt, der neugierig macht.

Anstatt nüchtern Zivilklagen abzufertigen, erzählt "Boston Legal" von besonderen Fällen, die immer wieder Einfluss aufs Privatleben der Kanzleimitglieder haben, zu denen auch die unerfahrene Anwältin Sally Heep (Lake Bell), ihre abgebrühte Kollegin Lori Colson (Monica Potter) und der aus Washington nach Boston versetzte Brad Chase gehören (Mark Valley).

"Boston Legal" zeigt die unschönen Seiten des Berufs

Dass bei soviel Konzentration auf die Charaktere manche Geschichte zu kurz kommt, muss man in Kauf nehmen. Wer hofft, in "Boston Legal" spannungsgeladene Prozesse mit flammenden Abschlussporträts zu sehen, wird enttäuscht sein. Die Fälle sind eher dazu da, dem Zuschauer etwas über die involvierten Charaktere zu erzählen.

Dass ein Einkaufszentrum nicht gebaut werden kann, weil sonst die Bostoner Wildlachspopulation im nahe gelegenen Fluss gefährdet wäre, ist vielleicht für einen Öko-Thriller interessant, in dieser Serie aber völlig egal, wenn der Lachsverteidiger ein junger Anwalt ist, der behauptet, Denny Cranes Sohn und legitimer Nachfolger zu sein.

Skrupel kann sich keiner erlauben

Im Gegensatz zu "Ally McBeal", das ebenfalls von Serienerfinder Kelley stammt, zeigt "Boston Legal" die unschönen Seiten des Anwaltsberufs und den Job als ständige Belastung, bei der schon mal verlangt wird, dass man die eigenen Moralvorstellungen über Bord wirft, um den Mandanten erfolgreich durchzuboxen. Das hält nicht jeder auf Dauer durch. Als der Kanzleipartner Edwin Poole eines Morgens ohne Hose im Büro auftaucht und in die Nervenanstalt eingewiesen werden muss, ruft Shatner alias Denny Crane seinem Freund nach: "Entmagnetisiert seine Parkplatzkarte - der Mann ist am Ende!"

Skrupel kann sich in diesem Geschäft niemand erlauben. Und keiner weiß, wessen Parkplatzkarte als nächstes entmagnetisiert werden wird. Noch so ein Grund, warum man "Boston Legal" einfach nicht abschalten mag.

"Boston Legal", mittwochs um 22.05 Uhr bei Vox.