HOME

"Das Zeugenhaus": Wenn Nazis und Juden zusammen essen

Eine Gräfin versammelte 1945 Nazis und Opfer an einem Tische. Das wenig bekannte Geschehen rund um die Nürnberger Prozesse verdichtet Regisseur Matti Geschonnek packend im ZDF-Film "Das Zeugenhaus".

Gisela Schneeberger (l-r), Edgar Selge, Iris Berben, Udo Samel und Jeff Burrell bei der Premiere des ZDF-Films "Das Zeugenhaus" in Berlin

Gisela Schneeberger (l-r), Edgar Selge, Iris Berben, Udo Samel und Jeff Burrell bei der Premiere des ZDF-Films "Das Zeugenhaus" in Berlin

Die Geschichte ist unglaublich, aber wahr - und bis heute kaum bekannt: Naziprominenz, darunter Gestapo-Gründer Rudolf Diels und Hitlers Leibfotograf Heinrich Hoffmann, verbrachte zwischen 1945 und 1948 viel Zeit unter anderem mit jüdischen Holocaustüberlebenden unter dem Dach zweier Nürnberger Villen. Gemeinsam aß man an einem Tisch.

Die amerikanischen Besatzer hatten die Häuser beschlagnahmt und zunächst die deutsch-ungarische Gräfin Ingeborg Kálnoky aufgefordert, dort quasi als Gesellschaftsdame zu fungieren. Man wollte so an Informationen für die beginnenden Kriegsverbrecherprozesse kommen. Darüber hat die Journalistin Christiane Kohl 2005 ihr Buch "Das Zeugenhaus" veröffentlicht.

Ausgehend von den historischen Ereignissen, deren Kenntnis der Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit eine faszinierend intime Facette hinzufügt, schuf der renommierte Regisseur Matti Geschonneck ("Liebesjahre") - Sohn des Schauspielers und KZ-Überlebenden Erwin Geschonneck (1906-2008) - ein packendes gleichnamiges Fernsehdrama, an diesem Montag um 20.15 Uhr im ZDF zu sehen. Sein atmosphärisch dichtes psychologisches Kammerspiel mit Größen wie Iris Berben als Gräfin, Matthias Brandt als Wehrmachts-Generalmajor, Udo Samel als Hoffmann, Tobias Moretti als Diels und Edgar Selge als ausgemergeltem Juden besticht als zwielichtiger, emotional aufgeladener Mikrokosmos.

Mauer des Schweigens

"Wir zeigen am Beispiel des Zeugenhauses einen Mikrokosmos, der widerspiegelt, was in ganz Deutschland los gewesen ist - im Tagtäglichen", erklärte Produzent Oliver Berben bei einer Pressevorstellung in Hamburg, "die Hoffnungslosigkeit eines besiegten Volkes und auch der Alliierten, der Gewinner, die auf eine Mauer des Schweigens gestoßen sind." Ein gesellschaftliches Gefüge wolle man darstellen, das sei "viel interessanter als die einzeln Schicksale."

Das Skript der Produktion von Berbens Firma Moovie - The Art Of Entertaiment im Auftrag des ZDF schrieb nach Versuchen anderer Autoren Magnus Vattrodt ("Liebesjahre"). Kohls Tatsachenbericht diente ihm als geistige Vorlage für seine auf wenige Figuren und deren Interaktion konzentrierte, fiktive Geschichte. In der Realität hatten mehr als 100 Täter, Mitläufer, Opfer und Regimegegner zusammen gewohnt.

In der Filmvilla ist die Stimmung von Anbeginn angespannt. Doch von Reue auf Täterseite keine Spur. "Keine Sorge, Henny, bald sind wir wieder oben auf. Das ist das Hoffmannsche Naturgesetz", raunt der von Samel hingebungsvoll schlitzohrig gespielte Führer-Freund Hoffmann seiner Tochter Henriette (Rosalie Thomass) zu. Die bangt um ihren Ehemann, den angeklagten Ex-Reichsjugendführer Baldur von Schirach. "Ich falle immer wieder auf die Füße", bekundet auch der gefährlich charmante, in Stubenarrest genommene Gestapo-Mann Diels. Oft ist der Ton unter den alten Nazis regelrecht heiter.

Bizarre Hausgemeinschaft mit Integrationsproblemen

Doch bei dämmeriger Ausleuchtung und in langsamem Erzähltempo tut sich - in geschliffenen Dialogen und so fein wie furios dargestellt - nach und nach die unfassbare Abgründigkeit dieser Figuren auf. Umso mehr, als im Beziehungsgeflecht vieles letztlich unausgesprochen bleibt. Spitze, klarsichtige Bonmots liefert einzig Görings Privatsekretärin Limberger (Gisela Schneeberger). Und die Gräfin wandert durch die Räume, beobachtet das Geschehen fast wie ein Geist, bis der Zuschauer am Ende auch ihr dunkles - allerdings von Vattrodt erdachtes - Geheimnis erfährt.

In die bizarre Hausgemeinschaft integriert sich der jüdische KZ-Überlebende Gärtner kaum. Er isst in der Küche und hilft draußen beim Holzhacken, während sich die einstigen Bonzen schon wieder - es ist knapp vor Geburt der Bundesrepublik Deutschland - auf die neuen Verhältnisse einzustellen wissen. Sehr subtil zeichnet Selge ("Ein blinder Held") seine Rolle. Er erklärte bei der Vorstellung des Films in Hamburg, er habe die eher seltene Gelegenheit, als Deutscher nicht einen Nazi-Täter verkörpern zu müssen, beim Schopfe gepackt. "Es ist genauso wichtig, die Opfer zu spielen", sagte der 66-Jährige, "man lernt erst, welch unglaubliche Schuld man angerichtet hat, wenn man gezwungen ist, sich in die Rolle der Opfer zu versetzen."

Ulrike Cordes, DPA / DPA