"Die singende Firma" Auf RTL ist das ganze Jahr Schützenfest


Er war mal Popstar, dann ging er in den Dschungel und aß Krokodilpenis. Jetzt ist Ross Antony der neue Suppenkasper auf RTL. In "Die singende Firma" bringt er Müllmänner zum Singen und in "Einmal im Leben" springt er vom 10-Meter-Turm. Beide Male geht es darum, keine Angst zu haben. Vor allem davor, sich zu blamieren.
Von Mark Stöhr

Torsten weiß, dass er nicht singen kann. Jetzt wissen wir es auch. Der Mittdreißiger aus Bremen fährt tagsüber Müll durch die Gegend und ging dabei RTL ins Netz. Er hielt das erst für ein Glück. Seit gestern Abend muss er Sonnenbrille tragen. Denn Torsten war mit vier Entsorgungskollegen "Die singende Firma" und trat in einen Sängerwettstreit mit fünf Angestellten vom Flughafen Paderborn. Allesamt so rechte Stimmungskanonen, gestählt durch Hunderte von Betriebsfeiern. Was man sich dort traut oder im Duett mit der Duschbrause, zeigten sie nun auf der großen Bühne. Ein Festival der schiefen Töne und falschen Schritte. Der Kölner Sender bestreitet zur Zeit einen Großteil seines Programms mit so was. In der "Sesamstraße" sang Oscar aus der Tonne früher immer: "Ich mag Müll / Alles, was schmutzig ist, stinkig und dreckig / Ja, ich mag Müll." Torsten sieht das genauso, nur drückt er es anders aus: "Es hat schon gebockt." Aber auf jeden.

Ross Antony kann singen und tanzen, zumindest so, wie ein Musicaldarsteller singen und tanzen kann, trällernd und mit viel Tam-Tam, aber technisch sauber. Mit der Castingband "Bros'Sis" hatte er ein paar erfolgreiche Sommer, dann ging er in den Dschungel und feierte ein Comeback als Suppenkasper und Heulsuse vom Dienst. Als die beiden wird er seither gebucht. Er ist die hampelnde Herrentorte und der Bruce Darnell der Baumärkte. In "Die singende Firma" schneidet er an der Seite der Bauern-Verkupplerin Inka Bause wie gewohnt wilde Grimassen und springt umher, als stecke er permanent mit einem Bein in der Steckdose. Keineswegs unsympathisch, auf Dauer aber ein echtes Belastungs-EKG für die Nerven. Alles ist "spitze, ich bin so stolz auf euch!", hier ein Bussi, dort ein Smiley. Die Kandidaten waren wahrlich nicht zu beneiden.

Anthony lädt die Gewehre

Es kann durchaus lustig sein, wenn eine Flughafenangestellte an ihrem Schalter plötzlich anfängt, ein Lied zu singen. Oder sich schmerbäuchige Familienväter von Choreografen ins Schwitzen bringen lassen. Selbst die rumpeligen Auftritte hatte ihren Charme. Aber muss immer alles in ein schwachsinniges Wettbewerbskonzept gepresst werden, mit einer Jury - "Superstar" Mark Medlock, die No Angels-Sängerin Sandy Mölling und der Tanzprofi Joachim Llambi - die sich bestellte Lobeshymnen aus den Rippen schneidet? Muss immer diese falsche Ekstase herrschen, mit einem Publikum, das nahezu die komplette Sendung im Stehen verbringt? Auf RTL ist das ganze Jahr Schützenfest. Und Antony ist für ein paar Wochen derjenige, der die Gewehre lädt.

Auch in eigener Sache. Kaum hatte man sich von seinem letzten "Ihr wart fantastisch, ich will ein Kind von euch!" halbwegs erholt, war er schon wieder da. Stell dir vor, es ist Samstagabend, Ross Antony ist zu Gast und geht nicht mehr nach Hause. Dem singenden Bodenpersonal folgte seine Ego-Show "Einmal im Leben - 30 Dinge, die ein Mann tun muss". Also: Vom 10-Meter-Turm springen, einen Kuhstall ausmisten, mit Haien tauchen, mit den Chippendales tanzen - oder in Lappland ein Iglu bauen. Das zusammen mit Andrea Göpel wohlgemerkt, der zähnefletschenden Planierraupe, die sonntags bei RTL immer anderer Leute Garten kaputt macht. Die einzig wirkliche Mutprobe.

Das Format nennt sich Comedy-Doku, was so viel heißt wie: Alles ist gestellt, soll aber nicht so aussehen. Antony tut nach Kräften, als sei er von den Aufgaben überrascht und habe Angst. Doch Schauspielerei ist leider nicht sein Ding. Im Dschungelcamp glaubte man ihm seinen Ekel und seine Phobien noch, jetzt stellt er sich ein bisschen an und macht Faxen dazu. Doch eine wirklich berührende Episode gab es doch: Wie er einen Tag in einem Seniorenzentrum mit den Bewohnern verbringt. Mit ihnen singt, Brettspiele spielt, sie immer mal auf die Stirn küsst und herzzereißend weint, weil er an seine tote Oma denken muss. "Es muss nicht immer laut und schrill sein", sagt die Stimme aus dem Off. Genau, das muss es nicht.


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