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"Ein deutscher Boxer" ARD will die Geschichte des Boxens umschreiben


Vom Knastbruder zum Deutschen Meister: Die ARD blickt zurück auf eine außergewöhnliche Boxerkarriere - die vielen Zuschauern noch unbekannt sein wird.

Ganz ruhig sitzt Charly Graf vor der Kamera des Filmemachers Eric Friedler und erzählt von seinem Leben. Der einstige Profiboxer war jahrelang in Haft und durfte als erster Häftling in Deutschland in einem Boxkampf antreten. 1985 wurde er deutscher Meister im Schwergewicht, verlor dann aber seinen Titel - obwohl Publikum und Journalisten anderer Ansicht waren.

Friedler stieß bei seinen Recherchen für den Dokumentarfilm "Ein deutscher Boxer", den das "Erste" am Dienstagabend zeigt, auf neue Erkenntnisse. "Am Ende unseres Films wird auf gewisse Weise dieser Teil der Boxgeschichte neu geschrieben", erklärt Friedler in einem Interview, das der Norddeutsche Rundfunk (NDR) dazu veröffentlicht hat. Der Filmemacher, der zuletzt mit seiner Doku "Der Sturz" und dem darin gezeigten ausführlichen Interview mit Margot Honecker für Aufsehen sorgte, leitet beim NDR die Abteilung Sonderprojekte für Dokudrama und Dokumentarfilm.

Graf wächst in den 50er Jahren allein bei seiner Mutter, einer ungelernten Arbeiterin, im sozialen Brennpunkt Mannheim-Waldhof - den sogenannten Benz-Baracken - auf. Der Vater - ein US-Soldat - hatte Deutschland kurz nach der Geburt des Sohnes verlassen. Seine dunkle Hautfarbe macht Charly früh zum Außenseiter. "Neger, Neger! Ich musste immer kämpfen", erzählt er. "Es war immer ein Kampf. Bei mir war es ein Kampf, einfach um klar zu machen, dass ich ein Mensch bin." Der Schwarze, der geistig beschränkt ist - auf solche Vorurteile sei er immer wieder gestoßen.

Zum Titel mit der RAF

Trotz früher Box-Erfolge landet Graf, der seine Anerkennung im Mannheimer Rotlichtmilieu sucht und auch findet, regelmäßig im Gefängnis. "Ich hatte keinerlei Schuldgefühle", sagt er, der später zum Sozialarbeiter wird, rückblickend. "Es gibt ja diesen Spruch resozialisieren. Das 'Re' ist falsch: Man kann niemanden resozialisieren, der in der Vergangenheit nicht sozialisiert war." Graf: "Das war ich bis dato noch nie. Ich war ein hochgradiger egoistischer, asozialer Mensch, was mir aber gar nicht bewusst war."

In der Justizvollzugsanstalt Stammheim trifft er in den 80er Jahren schließlich den Ex-RAF-Terroristen Peter-Jürgen Boock. Dieser erinnert sich im Film an das Kennenlernen in der Haft: "Wenn mir mal jemand zehn Jahre vorher gesagt hätte: Du wirst mal im siebten Stock in Stammheim mit einem Menschen aus dem Mannheimer Milieu, der da als Zuhälter und Geldeintreiber tätig war, ins Gespräch kommen und deine Runden laufen, hätte ich gesagt: Und sonst noch was? Es war schon eine sehr auseinanderklaffende Biografie, die da jeder mitbrachte."

Diese Begegnung beschreibe eine entscheidende Phase in Grafs Leben, sagt Friedler: "Nämlich den Moment, an dem er sich entscheiden muss, ob er als Krimineller oder Sportler weiterleben will." Mit Boocks Unterstützung gelingt ihm ein Comeback. Graf ist entschlossen, wieder in den Ring zu steigen und trainiert eisern hinter Gittern. Er holt sich den Titel - und schon wenige Monate später verliert er ihn wieder.

ono/DPA DPA

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