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"Erwachsen auf Probe": Honks zum Heulen

Was letzte Woche schon schlimm war, wurde gestern nicht besser. Die RTL-Doku-Soap "Erwachsen auf Probe" verdient nicht einmal mehr moralische Entrüstung. Sie ist nur zu ertragen als Realsatire. In den Hauptrollen: die beiden Teenager Elvir und Mario.

Von Mark Stöhr

RTL bekam für die ersten beiden Folgen von "Erwachsen auf Probe" vor gut einer Woche richtig Prügel. Die Sendung sei eine "einzige Heuchelei", hieß es landauf landab, von der "FAZ" bis zur "Süddeutschen", "ganz böses Fernsehen" oder schlicht: "der reine Dreck". Selten wurden so heftige Wortgeschütze aufgefahren gegen ein neues Format. Und selbst die Zuschauer, die der Kölner Sender in solchen Fällen gerne zu Anwälten seiner Sache erklärt, spielten nicht wie gewünscht mit. Knapp über drei Millionen schauten den überforderten Jugendlichen beim Windelnwechseln zu - eine eher suboptimale Ausbeute angesichts des ganzen Tamtams im Vorfeld.

Und was machte RTL? Es wählte den nordkoreanischen Weg - getreu dem Motto: Die Welt ist doof, wir basteln uns unsere eigene Öffentlichkeit. Ein Ehepaar mit Kindern, eine schwangere Krankenschwester und eine Teenie-Clique wurden zum Gucken der Show verdonnert und im Anschluss nach ihrer Einschätzung gefragt. Das Ergebnis gab es tags darauf im Mittagsmagazin "Punkt 12". Es hätte nicht besser ausfallen können. Von "Erziehungseffekten" für die Beteiligten und die Zuschauer war da die Rede und davon, dass die Serie "schon ziemlich vergleichbar mit dem normalen Leben" sei. Die Mutter von drei Kindern verwechselte das bestellte Jury-Votum mit einer Waschmittelwerbung und verkündete keck: "Ich guck's mir auf jeden Fall nochmal an, ich will wissen, wie's weitergeht!"

Sollte sie gestern Abend wider Erwarten doch etwas Besseres vorgehabt haben, ein Brettspiel mit ihrer Familie etwa, sei ihr hiermit mitgeteilt: "Erwachsen auf Probe" ging weiter und zwar genauso beknackt wie zuvor. Dieser verlogene Murks verdient keine moralische Entrüstung mehr. Er ist nur zu ertragen als Realsatire. In den Hauptrollen: Elvir und Mario, die beiden Honks zum Heulen.

Sie liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen im Kampf um "Germany's next Top-Tölpel". Elvir hatte nach der ersten Sendung eindeutig die Nase vorn. Gestern legte er nach. Im Supermarkt fühlte er sich mal wieder von Gott und der Welt verlassen. Vor allem von seiner Freundin Nadine. Die türmte tonnenweise Waren im Einkaufswagen - Bezahlung ungewiss -, während er Leihtochter Theresa beruhigte, besser: zu beruhigen versuchte. Mit kurzerhand entschraubten Fruchtsäften - Bezahlung ungeplant -, die die Tränen des verstörten Kindes trocknen sollten. Als es ans Getränkekisten-Schleppen ging, eskalierte die Situation. Elvir: "Du verstehst echt nix im Leben - ich bin hier am Aufpassen!" Nadine darauf: "Ich bin das am Merken!", und wuchtete den Kram selber.

Aber sie weiß, was sie an ihrem Elvir hat. Zumindest weiß er es: "Sie kennt mich und versteht, dass ich nicht arbeiten kann. Sie ist froh, dass sie jemanden kennengelernt hat, der Musik macht." Davon war zum Glück noch nichts zu hören. Es ist die einzige Peinlichkeit, die die Macher dem 18-Jährigen bisher erspart haben.

Familie ist nicht genau wie Knast, aber vergleichbar

Mario ist härter im Nehmen. Keine jammernde Douglette, sondern ein Kleinkrimineller, der bis unter die Schädeldecke voll mit Aggressionen ist. In der gestrigen Folge beließ er es noch bei Murren und Maulen. Als seine Freundin beim Friseur war - wo sonst? -, musste er sich selber um sein eigenes Frühstück und das des kleinen Zöglings kümmern. Ein Affront. Es gab Ravioli und Toastbrot weit nach zwölf Uhr mittags, der arme Tropf schrie vor Hunger. Marios Erkenntnis: "Kinder sind voll temperamentvoll und hyperaktiv." Zum Thema Familie fiel ihm ein: "Das ist nicht genau wie im Knast, aber vergleichbar." Danach setzte es erst einmal eine saftige Abreibung für die Freundin mit den frisch gemachten Haaren.

Elvir und Mario sind die Verlierer der Show. Dafür wurden sie von den Scouts eingekauft. Als Hampelmänner, die im Leben nichts auf die Kette kriegen. Daran wird sich auch nichts ändern, wenn sie ihre vierwöchige Schicht in der Wirklichkeitsfabrik "Erwachsen auf Probe" beendet haben. Doch davor kommen noch die Kleinkinder, danach die Schulkinder und am Ende die fast gleichaltrigen Halbstarken zum Erziehungstest. Dann sind Teenager die Eltern von Teenagern. Das heißt also, sie bekamen als Babys Babys. Das ist eine interessante Welt. Die gibt es nur bei RTL.

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