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"Erwachsen auf Probe": Teenager unter Kontrolle

Bis zuletzt versuchten Kinderschutzverbände die RTL-Doku-Soap "Erwachsen auf Probe" zu verhindern. Gestern wurden die ersten beiden Folgen ausgestrahlt. Der vorgebliche Eignungstest für Teenagereltern entpuppte sich als fiese Freakshow. Um die Leih-Babys muss man sich dabei weniger Sorgen machen. Um die Jugendlichen um so mehr.

Von Mark Stöhr

Elvir hatte einen Traum. Er träumte, dass ihn seine Freundin Nadine betrogen hat. Das war schlimm. Denn der 17-Jährige liebt Nadine über alles. "Sie hat ein gutes Herz", sagt er, "und sie ist sauber." Das ist die halbe Miete. Doch eines stört ihn gewaltig: Nadine steht auf schwarze Männer. Wenn sie Lieder hört, die von schwarzen Männern gesungen werden, flippt er schon mal aus. Oder wenn sie "asozial" mit ihm redet und keinen Respekt zeigt. Einmal hat er ihr eine gelangt dafür, seitdem ist Ruhe.

Nadine hat die Lektion verstanden. Sie versteht auch, dass Elvir nicht arbeiten kann. Er hat es in einer Waschstraße versucht. Nach zwei Autos war Schluss, keine Kraft mehr. Er war so fertig, dass er "nicht mehr richtig denken konnte." Und dann diese schreckliche Nacht mit dem Traum. Er legte sich vor lauter Träumen auf die Puppe mit dem Computerchip drin. Am nächsten Morgen machte sie keinen Mucks mehr. "Es ist schlimm, dass ich das Baby getötet habe", sagt Elvir. "Schlimmer ist aber, dass mich meine Freundin betrogen hat."

RTL hat ganze Arbeit geleistet

Die Macher von RTL haben wieder ganze Arbeit geleistet. Sie haben im Pool des Prekariats geangelt und verklappen das gefischte Personal ohne Rücksicht auf Verluste. Mit den Freaks zum Kopfschütteln und Totlachen, die bislang über den Kölner Sender gingen, könnte man mittlerweile eine ganze Kleinstadt füllen. In "Erwachsen auf Probe" ist es eine öde Vorortsiedlung. Dort ziehen für vier Wochen vier Teenagerpaare im Alter zwischen 16 und 19 Jahren ein. Jedes Paar bekommt ein eigenes Haus mit einem kleinen Garten davor. Ein Teil muss arbeiten gehen und für den Lebensunterhalt sorgen, der andere baut daheim das Nest. Das gilt auch für Elvir und Nadine, den Möchtegern-Macker ohne Mumm, und das arme Lieschen. Die Aufgabe der Siedler lautet: erwachsen werden. Das Ziel: am besten ohne Kinderkriegen. Denn noch mehr Elvirs und Nadines sind nicht gut für die Gesellschaft.

Die Gesellschaft wird vertreten durch Katja Kessler. Die hat in ihrem früheren Leben die nackten Seite-eins-Mädchen in der "Bild" betextet und Dieter Bohlen bei zwei Büchern als Ghostwriterin assistiert. Mittlerweile ist sie mit "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann verheiratet und hat mit ihm vier Kinder. Katja Kessler ist in dieser Show der Chancenlosen die Super-Nanny und die Stimme der bürgerlichen Vernunft. Sie analysiert die Fehler der Jugendlichen und gibt ihnen Ratschläge. Sie will ihnen ein kreuzbraves, durch und durch spießiges Lebensmodell schmackhaft machen, das im Wesentlichen auf Arbeit und Anpassung beruht. Selbst Lehrerkinder würden bei einem solchen Lehrgang die Krise kriegen.

Dauerqualmende Zombies

Doch RTL wäre nicht RTL, wenn es sich um ein ernsthaftes Experiment handeln würde. Die vorgebliche Persönlichkeitsbildung zielt ausschließlich auf Stress und Überforderung der Probanden. Genüsslich wird ein Pascha und Kraftprotz wie Mario auseinandergenommen, der zig Anzeigen wegen Körperverletzung und Diebstahl laufen hat und sich nun als Pantoffelheld und Papa beweisen soll. Bastian, ein durchaus sympathischer Schluffi, gähnt erst beim Geburtsvorbereitungskurs aus purer Langweile und lässt sich später seiner Freundin gegenüber zu Ausfällen hinreißen, die er im normalen Alltag so wahrscheinlich nicht hätte ("guck in den Spiegel, dann weißt du, was scheiße aussieht"). Und sogar ein Pärchen wie Lila und Sebastian, die einzigen Gymnasiasten im Camp und in der Dramaturgie der Soap als Gewinner-Team inszeniert, geht sich fast an die Gurgel. Für alle acht Jugendlichen wäre es schon Ausnahmezustand genug gewesen, überhaupt vier Wochen an einem fremden Ort zusammenzuleben. Der ganze Mumpitz mit künstlichem Schwangerschaftsbauch, computerprogrammiertem Baby-Dummy und dann noch echten Zöglingen macht sie zu dauerqualmenden Zombies. So werden sie zumindest gezeigt.

"Erwachsen auf Probe" startete mit einer Doppelfolge. Durch die Vorstellung der Protagonisten und die Vorbereitungen auf die Test-Elternschaft flackerte in zahllosen Vorausblenden immer wieder der eigentliche dramatische Höhepunkt: Die Kinder kommen! Wie ein feindliches Heer auf Buggy-Rollen näherten sich die Blagen Stück für Stück den Wohngemeinschaften, in denen die Nerven ohnehin schon blank lagen. Die Kinder, manche erst ein paar Monate alt, waren der Grund für die ganze Aufregung im Vorfeld. Noch bis zuletzt hatte das deutsche Familiennetzwerk mit einem Antrag beim Kölner Verwaltungsgericht versucht, die Ausstrahlung der Sendung zu verhindern.

Reifeprüfung mit fragwürdigem Zertifikat

Warum Eltern ihren Nachwuchs für ein solches Projekt hergeben, wurde auch gestern nicht klar. Auffällig war jedoch, dass sie öfter vor den Überwachungsmonitoren in einem Nebengebäude gezeigt wurden als noch in einer älteren Fassung der Folge, die RTL vor zwei Wochen bei einer Pressekonferenz präsentiert hatte. Scheinbar hat sich der Sender die massiven Vorwürfe von Kinderschutzverbänden also doch ein wenig zu Herzen genommen. An der völlig verquasten Versuchsanordnung ändert das gleichwohl nichts. Die Kinder wurden dem unnötigen Stress von Kameras und beknackten Babysittern ausgesetzt, die Teenager einmal mehr mit ihrem Unvermögen konfrontiert. Dass die Babys Schaden genommen haben, ist eher unwahrscheinlich. Der Schaden liegt eher bei Elvir und Co.. Sie haben keine Lobby im Rücken und werden ihre Reifeprüfung mit einem fragwürdigen Zertifikat abschließen: als Deppen der Nation.

Trotz des ganzen medialen Rummels waren die Quoten nur durchschnittlich: 3,03 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 10,7 Prozent) verfolgten den Start der Reihe, in der Zielgruppe zwischen 14 und 49 Jahren lag die Quote mit 19,1 Prozent über dem derzeitigen Senderschnitt von rund 17 Prozent.

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