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"Für alle Fälle Fitz": Die Rückehr des Berserkers

Die Fangemeinde ist seit zehn Jahren auf Entzug, nun schießt uns das ZDF endlich 108 frisch produzierte Minuten Fitz in die Adern. Danke, sagt Lutz Kinkel.

Da ist er wieder. Rauchend. Saufend. Spielend. Nun surft er sogar im Internet, um sich günstig Viagra zu besorgen: Kriminalpsychologe Dr. Edward Fitzgerald, Spitzname Fitz, ein Berserker der Mattscheibe, Held, Kultfigur und Ekel. Das ZDF zeigt am Sonntag um 22 Uhr das Einzelstück "Nine Eleven" aus der Reihe "Für alle Fälle Fitz". Und wer wissen will, wie Qualitätsfernsehen aussieht, wie Spannung, Extravaganz und Filmkunst zusammenfließen, muss einschalten.

"Behaltet die Kängurus!"

Was lässt sich über den 11. September erzählen? Kann, nein: darf man das Jahrhundertereignis in einen Unterhaltungskrimi zwängen? "Nine Eleven" löst diese Herausforderung brillant. Der Film erzählt die Geschichte eines Verlierers, eines Mannes, der wider Willen im historischen Abseits steht: Kenny Archer (Anthony Flanagan). Der junge Familienvater schrubbt Schichten bei der Polizei, aber im Kopf ist er immer noch in Belfast, im Häuserkampf gegen die IRA. Rund um die Uhr ziehen Bilder an seinem inneren Auge vorbei, der Tod eines Kameraden, die Bombe in einem Kinderwagen, der alltägliche Horror des Nordirland-Konflikts. Doch es interessiert niemanden mehr. Seit die Zwillingstürme in New York zusammengestürzt sind, konzentriert sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf George W. Bush und seine Kriege gegen den Terror. Archer und seine Kameraden sind Nobodys geworden. Dafür nimmt der Traumatisierte Rache - und tötet Amerikaner.

Fitz (Robbie Coltrane) stolpert in diesen Fall hinein, eigentlich ist er nur aus Australien nach Manchester gekommen, um die Hochzeit seiner Tochter zu feiern. Aber es kommt, wie es bei diesem Urviech kommen muss: Seine grauenhafte Ansprache auf der Hochzeit ("Wer könnte meiner Tochter würdig sein?") ruiniert das Fest in Sekunden, zuhause im Bett versagt die Potenz, das Whisky-Glas allein ist kein zureichender Trost. Also befällt ihn augenblicklich das Jagdfieber, als er von dem ominösen Serienmörder hört. Spontan meldet er sich bei seiner alten Dienststätte, der Polizei in Manchester, und wenige Filmminuten später rast er auch schon mit Tatütata einem Gesuchten hinterher. "Australien? Die Heimat von Hautkrebs und Skippy!", brüllt Fitz während die Reifen quietschen. "Ihr könnt euer Barrier Reef behalten und eure Kängurus, euern Ayers Rock … Das hier ist das wahre Leben."

Weit über Normalnull

Exakt das denkt auch der Zuschauer, der in den Jahren Fitzscher Abwesenheit an deutschen Fahndern litt, die für gewöhnlich nachdenklich an Hafenrandbecken stehen, während irgendjemand die Leiche untersucht. Aber "Nine Eleven" ist leider nur ein Unikat, ein Nachklapp der ersten Staffel, die in den USA 1993 und in Deutschland 1996 über die Bildschirme flimmerte. 15 Folgen zeigte das ZDF damals, die Quoten waren zunächst mies, zogen dann aber auf einen Schnitt von 2,74 Millionen Zuschauern an - und das am Sonntag um 22 Uhr. Die Pressekritiken für Fitz waren von Anfang an euphorisch, von der FAZ bis zur Spex, jedem war klar, dass die Serie weit über Normalnull liegt, vergleichbar vielleicht nur mit Hochkarätern wie "Die Sopranos" oder "Tatorten", die Dominik Graf inszeniert hat.

Fitz war nach der ersten Staffel beendet, weil der Autor nicht weitermachen wollte, das jedenfalls sagt ZDF-Sprecher Peter Bogenschütz, "bisher gibt es auch keine Signale, dass es nach 'Nine Eleven' weitergeht." Ein Grund mehr, dieses Stück nicht zu verpassen.

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