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"Girls" startet auf ZDFneo: Zwischen Werkbank-Sex und Buch-Karriere

Endlich ist es soweit: die Serie "Girls" läuft im deutschen FreeTV an. Diese Geschichten rund um vier junge Frauen in New York MUSS man sehen. Eine Kritik aus Männer-Sicht. Und eine aus Frauen-Sicht.

Von Gernot Kramper und Ulrike Klode

Die Frauen-Sicht

Nein. Befreundet sein möchte ich mit Hannah Horvath nicht. Sie ist verdammt egozentrisch und macht unberechenbar seltsame Dinge, die meist auch noch schiefgehen. Außerdem sie ist manchmal so naiv. Und dann wieder so altklug. Echt anstrengend.

Aber ich liebe es, sie zu beobachten, zu verfolgen, wie sie sich schlägt. Mein Einstieg in ihr Leben erfolgt an dem Punkt, als ihre Eltern ihr von jetzt auf gleich den Geldhahn zudrehen und ihr Chef sie lieber entlässt, als ihr nach einem Jahr Praktikum künftig Gehalt zu zahlen.

Ich bin sehr froh, dass der US-PayTV-Sender HBO den Mut hatte, der bis dahin unbekannten jungen Autorin/Regisseurin/Schauspielerin Lena Dunham zu vertrauen und ihre autobiografische Serie "Girls" mit zu produzieren und zu senden. Denn "Girls" ist einfach nur großartig. Der Zuschauer taucht ein in die Welt von Hannah (Lena Dunham) und ihren drei Freundinnen - vier junge gebildete Frauen, die sich in New York irgendwie durchschlagen müssen.

Es ist das Leben, wie es wirklich ist: unglamourös, unvorhersehbar, auch mal hässlich. Sexszenen - von denen es viele gibt - sind nicht in schmeichelndem Licht und mit fließenden Bewegungen gedreht, sondern ungeschönt, umständlich, manchmal abstoßend. Die Wohnung, die sich Hannah und ihre Mitbewohnerin in Brooklyn (natürlich nicht Manhattan) teilen, ist winzig, heruntergekommen und schmuddelig. Hannahs Figur ist von Traummaßen weit entfernt, sie kleidet sich sehr unvorteilhaft, ist dennoch oft nackt zu sehen. Adam, der schräge Typ, mit dem Hannah eine Sex-Beziehung führt, hat abstehende Ohren.

Weil es sich um das Leben dreht, wie es wirklich ist, werden natürlich auch die Rolle der Frau, Feminismus und Selbstbestimmung thematisiert – aber nicht aufgesetzt, sondern ganz selbstverständlich fast beiläufig. Wie sich das gehört für eine Serie über Frauen Mitte Zwanzig, die ernst genommen werden will. Dazu: Dialoge, die sitzen, und Charaktere, die tiefgründig sind und sich entwickeln.

Und auch wenn Hannah und ich niemals Freundinnen werden: Ich freue mich schon darauf, in der zweiten Staffel wieder in ihr Leben einzutauchen. Von Ulrike Klode
Hier können Sie der Autorin auf Twitter folgen.

Die Männer-Sicht

Ich wäre nicht begeistert, wenn Hannah Horvath, die Heldin von "Girls" meine Tochter wäre. Wirklich erschütternd ist aber die Vorstellung, mit Hannah jemals eine Affäre gehabt zu haben. Und "Affäre" ist ein sehr elegantes Wort für den Beziehungsmüll, den die New Yorker Mittzwanzigerin in Serie produziert. "Zusammen rumgemacht" träfe es besser.

Männer, die sich "Girls" ansehen, müssen tapfer sein. Sie dürfen sich nicht von dem Plakat einlullen lassen. Dort kuscheln die vier Freundinnen als Glamour Girls auf dem Sofa. Normalerweise macht Photoshop schöne Frauen überirdisch schön - beim Poster von "Girls" werden Wackel-Enten in elegante Ballett-Schwäne verwandelt.

Das Plakat suggeriert, "Girls" sei die aktuelle Ausgabe von "Sex and the City". Das ist nicht der Fall. Carries Schuhschränke und Shoppingorgien kommen nicht vor. Und auch kein ewiges Gejammer, weil Mr. Big mal wieder den Verlobungsring vergessen hat. Stattdessen eine überdrehte Version vom alternativen Lifestyle aus der jungen New Yorker Kunst- und Kulturszene. Das hat Charme und trotz der wenig realistischen Handlung jede Menge Authentizität.

Hauptdarstellerin, Produzentin und Ideengeberin Lena Dunham schont sich und mich auf der Suche nach dem Sinn und dem ultimativen Sex des Lebens nicht. Bei den ersten Folgen dachte ich häufiger: "WTF, warum schaust du zu, wenn in jeder zweiten Szene dicke nackte Mädchen in schrecklichen Strumpfhosen durchs Bild kriechen." Das ist hart. Sobald Dunhams Po mit Nylons in Großaufnahme den Screen flutet, musste ich den Blick senken.

Nach einigen Folgen wusste ich: Das ist der Reiz der Serie. Vom ganzen TV-Mist mit perfekten Leben, perfekten Körpern und konstruierten Konflikten wird man bei "Girls" verschont. Vier Mädchen, die genau genommen auf die 30 zulaufen, suchen ihren Platz im Leben. Dabei quälen sie die ganz normalen Sorgen. Eltern, die nicht bis in die Unendlichkeit für einen Lebensstil der unbezahlten Praktika aufkommen wollen, die Miete, die bezahlt werden will und natürlich der Kontakt zum anderen Geschlecht.

Also Männer: Durchhalten! Es lohnt sich! Nur selten kann man im TV so individuelle, durchgeknallte Mädchen bei ihrem Weg ins Leben begleiten. Nach einer Eingewöhnungszeit mochte ich sie alle. Wer die wirklich gruseligen Sexszenen mit Baumarkt-Sado-Maso-Flair nicht erträgt, sollte einfach mal zum Kühlschrank gehen. Bier holen. Von Gernot Kramper

Von:

und Ulrike Klode