"Sonja & Dirk Show" Hallo, roter Faden, wo bist du?

Seit diversen Dschungelcamps weiß man, dass Sonja Zietlow und Dirk Bach ein großes Herz für Peinlichkeiten haben. Dieser Linie bleiben sie auch mit ihrer neuen Show treu. Leider völlig humorfrei. Dafür dürften sich die Kandidaten noch lange an ihre Auftritte erinnern.
Von Sylvie-Sophie Schindler

Wenn Sie Ihren Partner nicht mehr lieben, dann sagen Sie ihm das doch einfach. Es geht natürlich auch anders. Schleppen Sie ihn zur "Sonja & Dirk Show", die am Freitagabend erstmals bei RTL ausgestrahlt wurde. Dort wird Ihr Partner beispielsweise in ein zotteliges XXL-Maus-Kostüm gesteckt, in dem er alles andere als eine gute Figur macht, und auf ein Trampolin gestellt. Mehrere Meter über ihm schweben Käsestücke aus Pappkarton, gefüllt mit Geldscheinen. Wenn er nur hoch genug hüpft, könnte er zwar die Kohle abgreifen, er blamiert sich mit dieser Aktion aber gleichzeitig vor der ganzen Nation.

15 Minuten Ruhm, lebenslange Schmach

Natürlich haben Sie diese Peinlichkeit eingefädelt und sind der Aufforderung des Privatsenders gefolgt, das da lautet: "Bringen Sie Ihre Freunde ganz groß raus. Melden Sie Ihre beste Freundin oder ihren besten Freund für die neue Show von Sonja Zietlow und Dirk Bach an. Wir brauchen nur ein paar Informationen und Ihre Verschwiegenheit."

Wenn man es so betrachtet wie RTL, dann klingt die Angelegenheit erstmal harmlos. Wir erinnern uns: auch die Schlange, die Adam und Eva dazu verführte, vom Baum der Erkenntnis zu naschen, hatte diese Unschulds-Masche drauf. Mag natürlich sein, dass manche Menschen tatsächlich glauben, sie würden ihren Freunden und Partnern etwas Gutes tun, wenn sie sie der Blamage aussetzen. Vielleicht melden sich deshalb eben solche, die ihren Partner nicht etwa loswerden wollen, sondern die ihn ganz besonders lieben. Klingt absurd. Aber: seitdem Menschen mit jeder noch so Ohren verletzenden Stimme in die Glotze drängen, um DSDS-Juror Dieter Bohlen zu beeindrucken, und seitdem Pseudo-Prominente vor laufenden Kameras Känguruh-Hoden verspeisen, ist die Schamgrenze drastisch gefallen. Peinlichkeiten haben Unterhaltungswert. Wer es sonst zu nichts gebracht hat im Leben, der setzt sich heutzutage einfach einer Peinlichkeit aus und kriegt seine 15 Minuten Ruhm.

Persönlichkeitsrechte? Ach was!

Doch ist heute eigentlich noch irgendetwas peinlich? Das ist die Frage, die sich auch Sonja und Dirk stellen. Das eingespielte Dschungelcamp-Moderations-Duo hat es sich schließlich zur Aufgabe gemacht, die letzten Reste Peinlichkeit, die die Deutschen noch irgendwo versteckt halten, auszugraben. Los geht es mit einer dunkelhaarigen Dame aus dem Publikum. Sonja sagt: "Wir wissen alles über Sie" und plaudert aus, was ihr aus vertrauten Quellen zu Ohren gekommen ist: "Sie haben den Schwanz einer Katze und eines Hundes zusammengeknotet." Ob zur Strafe oder zur Belohnung, man weiß es nicht so genau, jedenfalls erhält die Frau später einen Fön und zwei Haarpflegemittel.

Zu einem Mann sagt Sonja: "Sie tragen gerne die Unterwäsche Ihrer Frau." Das entsprechende Foto dazu wird eingeblendet - Persönlichkeitsrechte werden ausgeblendet. Doch der frisch beschämte Mann bekommt dafür nicht einmal eine Seife. Möglicherweise übernimmt der Sender ja später die Kosten für den Scheidungsanwalt.

Reise als Trostpflaster

Nun ist Beates großer Moment gekommen. Irgendein nahe stehender Mensch, dem sie später dringend die Freundschaft kündigen sollte, hat veranlasst, dass die Blondine heimlich beim Karaoke singen gefilmt wurde. Dieter Bohlen würde sagen: "In deiner Chromosomenkette kommen die Chromosomen für Musik einfach nicht vor." Das Schäm-Video wurde auf eine Leinwand projiziert, die Leinwand auf ein Auto montiert und quer durch Deutschland und bis nach New York geschickt. Sonja zerrt Beate aus den Zuschauerreihen und schleppt sie nach vorne. Beate singt live auf die Melodie von "Er gehört zu mir" einen neuen Text: "Ich bin scharf wie ein Beil und zeig mein Hinterteil". Dafür gibt es zwar keinen Haartrockener, aber immerhin eine Reise nach Thailand. Viele Sendeminuten später ist Tiny das Lachopfer. Sie hatte einst ihrem Freund Ralf Abführmittel ins Bier gekippt und trägt heute ihr Blondhaar in frisch gekreppten Wellen. Ihr Glück: wenn sie sich geschickt anstellt, könnte sie ein Glätteisen gewinnen.

Zwischendurch philosophische Exkurse. Das Moderatoren-Pärchen grübelt, warum die Sendung "Die Sonja & Dirk-Show" und nicht "Die Dirk & Sonja-Show" heißt. Nicht überlegt wird leider, warum die Show nicht komplett anders heißt. Denn Sonja und Dirk beim Moderieren zuzuschauen ist mindestens so spannend wie Augenzeuge zu werden, wenn Paris Hilton sich Lipgloss auflegt. Zwei Kinder, die einen kleinen Auftritt hatten, stehlen den beiden ruckzuck die Show. Das Mädchen und der Junge interviewen Til Schweiger. Gewitzt und charmant stellen sie ihre Fragen an den Kinoliebling: "Riechen Sie gut?", "Würden Sie mich adoptieren?", "Haben Sie schon einmal in einem guten Film mitgemacht"? Gerne hätte man mehr gesehen.

Alles nur geklaut

Aber mit dem Studiopublikum wird Kindergeburtstag gespielt. Wer einen Schokoriegel in der Hand hält, muss sich setzen. Wer eine Banane ergattert hat, darf nach vorne kommen und muss mit Stäbchen Reiskörner aus einem Sack in eine Schüssel transportieren. Warum? Vielleicht, weil es Spaß macht. Keine Ahnung. Und was macht eigentlich Reiner Calmund - "euer Calli" - in der Sendung? Und warum sitzen ausgerechnet die Jacob Sisters - ohne Pudel, aber mit Helm - bei Sonja und Dirk im Auto und donnern durch eine Wand aus Pappkartons? Hallo, roter Faden, wo bist du?

Fast regt sich der Verdacht, als hätte es in der TV-Redaktion eine interne Ausschreibung gegeben. Etwa so: "Wir wollen demnächst Peinlich-TV produzieren und suchen dafür das peinlichste Konzept." Doch das Team musste sich nicht mal eigene Gedanken machen. Die "Sonja & Dirk Show" ist eine Adaption des britischen-Originals "Ant & Dec's Saturday Night Takeaway". Acht Staffeln liefen bereits, regelmäßig schalten bis zu neun Millionen Zuschauer zu pro Folge ein. Im Sommer 2005 drehte Sat.1 bereits mit zwei Radiomoderatoren unter dem Titel "Olli & Micha - Die Sat.1 Show" eine Pilotsendung. Mit dem Ergebnis, dass die Sache nie ausgestrahlt wurde. Auch RTL wäre damit besser beraten gewesen. Die Quoten für die Testsendung des neuen Formats waren miserabel: nur 1,16 Millionen der 14- bis 49-jährigen Zuschauer guckten sich die rund 105-minütige Show an. Der Marktanteil in der Zielgruppe lag bei 14,3 Prozent und damit unter dem Senderschnitt. Dass noch weitere Ausgaben hinzukommen ist also eher unwahrscheinlich.

Falls doch, sollte man sich noch überlegen, welchen Preis der Sender dafür gewinnen könnte. Erster Vorschlag: ein Abführmittel.


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