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"Tatort"-Kritik: Eva, Linda und Katja retten die Welt

Der Leipziger "Tatort" will sehr viel und bleibt doch nur beim letzten Gefecht zweier Ex-Liebhaber hängen. Das macht aber nichts. Im Gegenteil - auch, weil Katja Riemann mitspielt.

Von Niels Kruse

Von Katja Riemann, der süßsauren Blonden des deutschen Films, heißt es, sie sei schwierig und humorlos. Der Autor Marc Fischer schrieb einmal über ein gemeinsames Treffen: "Ihr Ton war aggressiv, eher Kommando als Frage." Sollte die Schauspielerin tatsächlich so herbe ticken, dann hätte sie im neuen Leipziger "Tatort" vor allem sich selbst gespielt. Sollte sie nicht so sein, dann wäre es (mal wieder) ein verdammt guter Auftritt von ihr gewesen. So oder so: Als herrisch-wichtigtuerische BKA-Kämpferin für das Gute in der Welt ist sie die perfekte Lösung für die Folge "Die Wahrheit stirbt zuerst".

Vielleicht hätte dieser "Tatort" sein Soll als durchschnittliche Sonntagabendkost auch dann erfüllt, wenn er geendet wäre wie er begonnen hat: als Familiendrama. Vermutlich aber nicht. Regisseur und Co-Autor Miguel Alexandre hat sich dafür entschieden, dem Ganzen eine leicht überdramatisierte und etwas unglaubwürdige Note zu verpassen. Das muss man nicht gut finden, kann man aber. Was, wie gesagt, auch an Katja Riemann liegt. Und daran, dass manchmal ein arg konstruiertes Drehbuch doch funktionieren kann.

Spontanbluttransfusion im Niemandsland

Der Fall beginnt in einem verschneiten Wald bei Leipzig. Dort sucht die verzweifelte Paula Albrecht (Anne Ratte-Polle) ihre kleine Tochter Amelie. Sie findet sie aufgebahrt am Rand eines Sees. Zuletzt war die Siebenjährige mit ihrem Vater Peter (Pasquale Aleardi) an der Ostsee. Es stellt sich heraus, dass die Kleine an Asthma litt, sie auf der Rückfahrt einen Anfall hatte, doch der Vater kein Spray dabei gehabt haben will. Der liegt nun allerdings mit aufgeschnittenen Pulsadern ebenfalls im Wald und hat so viel Blut verloren, dass er den Transport ins Krankenhaus nicht überleben würde. Was also tun? Eva Saalfeld, gesegnet mit der Universalspender-Blutgruppe 0 Rhesus negativ, stellt sich für eine Spontantransfusion mitten im Niemandsland zur Verfügung.

Also rettet Eva Peter, was echte Mediziner vermutlich schaudern lässt, aber ohnehin nur ein Pyrrhussieg ist, denn der gescheiterte Beau unternimmt später einen weiteren Selbstmordversuch. Grund: BKA-Frau Linda Groner, gespielt von Katja Riemann. Sie platzt urplötzlich in die Ermittlungen des Kommissarenduos herein - sehr zum Leid von Andreas Keppler. Die beiden waren früher ein Paar, doch von ihrer Liebe ist nur Verachtung geblieben. Die Bundespolizistin ist einem Hightech-Höker auf der Spur, der Navigationsgeräte für Raketen über Ägypten an den Sudan verkauft. Im Verdacht steht Johannes Bittner (Bernhard Schir), der neue Mann von Paula Albrecht und Amelies Stiefvater.

Und am Ende gibt's auch noch schnell den Mörder

Um ihn zu überführen geht Linda Groner über Leichen. Denn was sind schon, ein, zwei Tote, wenn man ganze Landstriche in Afrika vor dem Tod retten kann? Also führt sie Saalfeld und Keppler auf die falsche Spur, beschuldigt einerseits Johannes Bittner, das Kind ermordet zu haben, lässt aber, um an ihn heranzukommen, Vater Peter verhaften. Dass weder der eine noch der andere der Täter ist, stellt sich erst wenige Augenblicke vor dem Ende heraus - in einer dieser typischen "Tatort"-Schlussmomente, in denen den Machern die Zeit davonläuft und sie mir nichts, dir nichts den Mörder aus dem Hut zaubern.

Doch das macht ausnahmsweise nichts. Genauso wenig, dass in "Die Wahrheit stirbt zuerst" mal wieder das Klischee vom guten Revierbullen gegen den bösen Kriminalamtsbullen aufgewärmt wird. Im Gegenteil. Die Folge lebt davon, dass mit Keppler/Wuttke und Groner/Riemann zwei Kollegen und Typen (und gute Schauspieler) aufeinanderprallen, die unerbittlich den letzten Kampf ihres gemeinsamen Lebens ausfechten. Am schönsten zu beobachten in der Szene, in der beide vor einem Spiegel stehen und er, uncharmant, wie er ist, anhand der Falten an ihrem Mund traurig darüber sinniert, wie in den Jahren sämtliche Weichheit aus ihr gewichen ist. Am Ende marschiert die BKA-Beamte trotzig durch den Schnee ins Nirgendwo. Und lässt zwei Polizisten zurück, die plötzlich überraschend warm und herzlich dastehen. So rettet nicht nur Eva Peter, Linda fast Afrika, sondern auch eine humorlose Katja Riemann den aktuellen Leipziger "Tatort".